„Ich wollte einfach nur Therapeut werden“

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William, wenn man von dir liest oder hört, heißt es meistens gleich zu Beginn, dass deine Eltern blind sind. Nervt dich das – oder glaubst du, dass die Leute durch diese Information einen besseren Zugang zu deinen Songs bekommen? Es ist schon manchmal komisch, gerade wenn das die erste Information über mich ist, die jemand bekommt. In Amerika wollte ich zuerst auch gar nicht, dass jemand davon erfährt, weil ich glaubte, es könnte die Leute zu sehr beeinflussen und manipulieren. Aber nach einer Weile merkte ich, dass das nun mal ein Teil meiner Geschichte ist. Es geht um meine Eltern, ohne die ich bestimmt nicht zur Musik gefunden hätte. So lange man respektvoll mit dieser Information umgeht, nervt mich das überhaupt nicht. Ich habe aber auch schon schlechte Witze von unseriösen Journalisten gelesen, etwa wie: „Gut, dass sie seinen Bart nicht sehen können.“ Wenn ich so etwas mitbekomme, möchte ich die Autoren gerne ins Gesicht schlagen. Du hast einen älteren Bruder. Hat er dir deine Kindheit erleichtert? Dass ich der Jüngste zu Hause war, hat alles viel einfacher gemacht. Ich war zwar ein artiges Kind, aber wenn ich doch mal etwas ausgefressen hatte, wurde mein Bruder dafür bestraft. Dein Bruder ist doch noch jung, hat man ihm dann gesagt. Außerdem waren keine großen Erwartungen an mich gestellt. Ich musste keine guten Noten haben, nicht so viel an den Instrumenten üben oder so viele Bücher lesen wie mein Bruder. Ich war eben das Baby.

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Illustration: Julia Schubert

In „We Feel Alone“, einem der Songs auf deinem Album „The Sparrow And The Crow“, singst du von deiner Familie und vom Alleinsein in der Umgebung, in der du aufgewachsen bist. Was hat dich damals am meisten bedrückt? Meine Eltern waren großartig, das sind sie immer noch. Aber es war hart, weil meine Augen funktionierten, und ihre nicht. Ein bisschen Intimität war uns durch diese nicht vorhandene Verbindung verwehrt geblieben. Ich konnte nie diesen Moment mit meiner Mutter erleben, in dem wir uns in die Augen blicken und wissen, was der andere denkt und fühlt. Wir haben es trotzdem geschafft, uns immer zu verstehen. Bevor du Musiker wurdest, hast du eine Therapie-Ausbildung gemacht und später als Psychotherapeut gearbeitet. Hast du in dieser Zeit schon einen Plan für deine Musikkarriere gehabt? Als ich am College war, habe ich vier Jahre lang in einem Krankenhaus in der psychiatrischen Abteilung gearbeitet. Dann habe ich den Abschluss als Therapeut gemacht, aber nur etwa ein halbes Jahr als Therapeut gearbeitet, bis es mit der Musik los ging. Während des Studiums war es nie mein Ziel, Musiker zu werden. Andere träumen von einer Karriere auf der Bühne, brechen die Schule dafür ab und tun alles, um ihr großes Ziel zu erreichen. Ich wollte aber einfach nur Therapeut werden. Musik war mir immer unheimlich wichtig – aber die hätte ich ja sowieso nebenher gemacht. Ich habe nie daran gedacht, einen Beruf daraus zu machen und um die Welt zu reisen. Letztendlich bin ich heute total zufrieden und glücklich, weil ich ja beides gleichzeitig sein kann: Therapeut und Musiker. Musik war immer eine Therapie für mich, und ich hoffe, dass meine Musik auch eine Therapie für andere ist. "It's Not True" (vom 2008er-Album "Goodnight")

Auf „The Sparrow And The Crow“ singst du vom Verlust einer großen Liebe und einem Menschen, der dir sehr lange sehr nahe war. Und dann singst du von Hoffnung. Ist das der therapeutische Ansatz: Egal wie schlecht es dir geht, es wird wieder besser? Wahrscheinlich. Allerdings war ich nicht gerade voller Hoffnung, als die Songs entstanden sind. Jedes Mal, wenn ich über Hoffnung geschrieben habe, dann habe ich das nur getan, um mich nicht noch schlechter zu fühlen. Die Hoffnung war vorsätzlich, ich habe sie nicht wirklich gespürt. Es war, als wenn du aufwachst und dich schrecklich fühlst, dir aber trotzdem sagst: Es wird ein guter Tag werden! Du zwingst dich also dazu, ihn durchzustehen. Ansonsten würdest du wohl gar nicht erst aus dem Bett kommen. Ich wollte ja Hoffnung haben, und das ging nur, in dem ich mich auf die guten Dinge wie einen schönen Morgen, die Sonne und natürlich die Familie und Freunde konzentrierte. Du hast die Songs geschrieben, als du gerade eine Scheidung hinter dir hattest … Ich war neun Jahre lang verheiratet, und wir haben es nicht geschafft, zusammen zu bleiben. Wir haben geheiratet, als wir noch in der Universität waren, ich war 19 Jahre alt. Ohne diese Scheidung wäre dieses Album ganz anders geworden. Ich bin stolz auf das Album, keine Frage - aber ich hätte viel, viel lieber diese Scheidung vermieden und damit auch diese Songs. So ist es im Leben: Man macht Fehler, lernt daraus und wächst daran. Deine Songs sind sehr persönlich. Fühlt es sich seltsam an, wenn du sie in Sendungen wie „Grey’s Anatomy“ hörst? Oh ja, das tut es. Aber vor allem deshalb, weil ich es nie für möglich gehalten hätte, dass meine Songs mal dort laufen würden. Und was den persönlichen Inhalt angeht: Ich habe es ja erlaubt, dass die Songs gespielt werden. Ich hätte sie nicht für etwas hergegeben, das in meinen Augen keinen Sinn macht. Nicht jeder ist geschieden, und nur meine Ex-Frau und ich haben das durchlebt, wovon ich singe. Du kannst also nicht wissen, wie es ist, ich zu sein – und ich kann nicht wissen, wie es ist, du zu sein. Aber wir kennen beide bestimmte Emotionen. Wir wissen beide, was es heißt, jemanden zu verlieren, Schmerz und Trauer zu erfahren. Das ist unsere Verbindung. Und wenn meine Songs in der Sendung zu einer Szene gespielt werden, in der sich zwei Menschen verlieren, macht es schon Sinn. Die Geschichte ist nicht meine – aber die Emotionen sind die gleichen. Du bist über MySpace bekannt geworden. Glaubst du, dass dieses Netzwerk eine zeitlose Möglichkeit für Künstler bietet, populär zu werden? Das ist schwer zu beantworten – ich weiß ja noch nicht mal, ob ich selbst in einem Jahr noch Musik machen werde. So etwas kann man nicht vorhersagen. Aber ich denke schon, dass es MySpace noch lange geben wird. Über MySpace kann man schnell an gute Musik kommen. Ich finde aber auch Last.fm und Facebook gute Erfindungen. Dennoch sollte man nicht zu viel Zeit auf diesen Websites verbringen und nicht ständig versuchen, sich vor anderen zu präsentieren. Als Künstler wie auch als Fan kann man sich darin sehr schnell verlieren. Ich meine, ich mag es auch sehr, zu essen. Aber wenn ich zu viel esse, werde ich fett und krank. Wenn ich auf der anderen Seite aber nicht genug esse, ist es auch nicht gesund. Man sollte also moderat damit umgehen.

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Illustration: Julia Schubert

„The Sparrow And The Crow“ von William Fitzsimmons erscheint am 23. Oktober über Groenland/Cargo.

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