Im Gleichgewicht

Coldplay-Sänger Chris Martin über die Qual des Komponierens, das neue Album und warum seine Frau Gwyneth Paltrow nie den Müll rausbringt.
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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: Eine Band wie Coldplay weckt stets Erwartungen – Sie sind dazu verdammt, stets übergroße Stadion-Hymnen zu schreiben. Hemmt das beizeiten?
Chris Martin: Nein. Druck machen wir uns lediglich selbst. Wir sind da sehr egoistisch und machen nur das, was uns gefällt. Ich schreibe jeden Tag und glücklicherweise sind meine Lieblingssongs eben jene Stadionhymnen. Ich produziere aber auch ganz viel Mist, denn hoffentlich nie jemand zu hören bekommt (lacht)!  

Wie viel Prozent sind denn für die Tonne?
Mindestens 95%. Aber für die übrigen 5% bin ich umso dankbarer. Ich bin nun mal kein Genie, dem die Ideen nur so zufliegen. Es dauert oft Stunden, bis ich eine Eingebung habe. Melodie finden ist ein bisschen wie Fischen – die meiste Zeit verbringt man mit Warten auf den großen Fang.  

Welches war denn das schönste Kompliment, das Sie als Band je bekommen haben?
Wenn das Publikum unsere Songs mitsingt, das ist das tollste, unmittelbarste und echteste Kompliment, das man als Band bekommen kann.  

Kritiken lesen Sie gar nicht?
Nein, warum auch? Es gibt Leute, die uns lieben, und es gibt Leute, die uns hassen – beides ist vollkommen legitim.  

Sie haben mal gesagt, dass es durchaus befreiend sein kann, nicht Everybody’s Darling zu sein.
Absolut. Aber es dauerte eine Weile, bis ich das verinnerlicht hatte. Wenn man auf einmal berühmt ist, kochen manchmal negative Energien hoch, von denen man überrollt wird. Paul McCartney, David Beckham, Angela Merkel – die haben alle dieses Problem. Aber hey: Wir vier Jungs von Coldplay haben weder Weltübernahmepläne geschmiedet noch wollen wir die Menschheit vernichten. Wir sind bloß ein paar Freunde, die zusammen Musik machen.  

Können Sie sich noch an den Moment dieser Erkenntnis erinnern?
Das war vor 18 Monaten. Ich habe mit Brian Eno zu Mittag gegessen und festgestellt, dass er sich überhaupt nicht mit solchen Dingen beschäftigt, und das hat mich beeindruckt. Mir ging es damals nicht sonderlich gut: Wir waren gerade von Joe Satriani wegen Urheberrechtsverletzung verklagt worden, es gab viele Gerüchte um uns, und all das musste ich loswerden. Das habe ich getan und bin bis heute dabei geblieben.  

Und das klappt?
Ich habe durchaus noch manchmal meine schwachen Momente. Aber ich arbeite daran (grinst).  

Ihr aktuelles Album „Mylo Xyloto“ klingt vergleichsweise beschwingt und fröhlich. Kann man die Platte demnach als Spiegel Ihrer selbst betrachten? Absolut. Ich bin im Reinen mit mir. Die Welt besteht nun mal aus guten und schlechten Dingen. Ich habe die Balance mittlerweile verstanden und bin nicht mehr so zwanghaft idealistisch für früher. Damals wollte ich die Menschen häufig bekehren. Heute bin ich schon zufrieden, wenn es ihnen ansatzweise gut geht.

Sie haben mal gesagt, im Rock’n’Roll ginge es darum, der zu sein, der man sein will. Wie schwierig ist das denn in Anbetracht der Tatsache, dass Sie der Sänger einer der erfolgreichsten Bands der Welt und mit einem Filmstar verheiratet sind?
Das geht schon. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, nicht von jedermann gemocht zu werden. Im Rock’n’Roll geht es nicht um das medial kreierte Klischee von langhaarigen Drogenabhängigen in Lederkluft, sondern um Freigeistigkeit. Man muss seiner Leidenschaft und seinem Herzen folgen. Denn das ist das Gerüst, auf dem Rock’n’Roll erbaut wurde.  

Sie haben in diesem Jahr bei der Gedenkfeier zu Ehren Steve Jobs gespielt. Mussten Sie lange überlegen, ob Sie das machen sollen?
Nein, wir haben sofort zugesagt. Steve war immer gut zu uns, wir waren eine der ersten Bands auf iTunes und sogar mal bei ihm zuhause. Wir kannten einander. Deswegen war es für uns selbstverständlich, ihm die letzte Ehre zu erweisen. 

Sie haben dort unter anderem den Song „Fix you“ gespielt. Inwiefern fühlt es sich anders an, diesen Song bei einer Gedenkfeier anstatt bei einem regulären Konzert zu spielen?
Wir haben das Stück zwar noch nie auf einer Beerdigung gespielt, aber genau dafür ist er geschrieben worden. In dem Stück geht es schließlich um die Sterblichkeit des Menschen, insofern hat es sich auf befremdliche Art und Weise richtig angefühlt, den Song dort zu performen.

Im Stück „Hurts Like Heaven“ fällt der Satz: „I struggle with the feeling that my life isn’t mine“. Wie viel Selbstbezug steckt darin? In dieser Zeile geht es weniger um mich, sondern um Menschen, die sich in unangenehmen Situationen befinden und gezwungen sind, in einem Job zu arbeiten, den sie nicht mögen. Als Teenager habe ich mal in einer Lackfabrik gearbeitet und mich an Steve erinnert – einen Alkoholiker, der seit 30 Jahren dort gearbeitet und es gehasst hat. Den musste ich in der Mittagspause immer in eine Bar fahren, wo er sich volllaufen lassen konnte, um die Nachmittagsschicht zu überstehen. Es hat mich wahnsinnig traurig gemacht, dass er dieses Leben gelebt hat; ein Leben, das ihm selbst zuwider war.  

Als Frontmann von Coldplay und Ehemann von Gwyneth Paltrow stehen Sie permanent im Fokus des medialen Interesses. Das muss doch sehr anstrengend sein.
Natürlich hat es nach meiner Hochzeit mit Gwyneth gedauert, bis ich mich an den Rummel gewöhnt hatte. Das war schon hart manchmal. Aber mittlerweile sind wir seit fast neun Jahren verheiratet, das ist Teil unseres Lebens geworden. Natürlich: Sie ist berühmt, ich bin berühmt – aber wenn wir zusammen sind, hat das keinerlei Relevanz. Dann sind wir einfach nur Mann und Frau.  

Was ist denn das Schlimmste bei diesem Medienrummel?
Die Fotografen, die in deinem Garten hocken und auf spektakuläre Bilder hoffen. Das nervt, hat mittlerweile aber glücklicherweise nachgelassen. Aber ganz ehrlich: Wenn das dein größtes Problem ist, dann ist doch alles in Butter.  

Gibt es irgendetwas, das Sie aufgrund Ihrer Prominenz heute nicht mehr tun können?
Nein. Als männlicher Musiker kann ich tun und lassen, was ich will. Die Leute assoziieren etwas mit dem Namen meiner Band, kennen unsere Songs – aber nicht so sehr mein Gesicht. Als weibliche Schauspielerin ist das schwieriger – und ich weiß, wovon ich rede. Wenn ich mit Kapuzenpullover auf die Straße gehe, erkennt mich niemand. Da werde ich höchstens mal nach dem Weg gefragt.

Demnach sind Sie bei Ihnen zuhause derjenige, der immer den Müll rausbringen und einkaufen gehen muss.
Genau so ist es. Aber das geht vollkommen in Ordnung.  

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