"Im Zwielicht der Täuschung"

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Sie sind Dipl.-Psychologe und leiten die Beratungsabteilung am IGPP, dem Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. Was genau tun Sie da? Wir sind seit 1950 eine Anlaufsstelle für außergewöhnliche oder anomale Erfahrungen, die gewöhnlich dem Bereich der Parapsychologie zugeordnet werden. Es geht also um Phänomene wie Gedankenübertragung, Zweites Gesicht, Hellsehen, Prophetie, Spuk – Themen, die Menschen seit Jahrhunderten faszinieren. Bei Ihnen rufen Menschen an, die über übernatürliche Fähigkeiten verfügen? Sagen wir so: Bei uns melden sich Leute, die von außergewöhnliche Erfahrungen berichten. Wir bevorzugen den Begriff „außergewöhnlich“, da er relativ neutral ist. Menschen mit solchen Erfahrungen suchen zunächst nach Begriffen, um ihre Erlebnisse schildern zu können und diese Begriffe sind populär vorgeformt wie „übersinnlich“ oder „übernatürlich“. Was für Leute rufen bei ihnen an? Im Prinzip ist es ein Querschnitt durch die Bevölkerung. Mehr als 60 Prozent sind allerdings Frauen; das Durchschnittsalter der Ratsuchenden beträgt um die 40 Jahre alt. Etwa die Hälfte verfügt über Hochschulreife, also einen relativ hohen Bildungsgrad. Auffallend ist ferner eine gewisse soziale Isolation und eine Belastung durch psychosoziale Faktoren. Sind manche von ihnen auch der Meinung, Löffel verbiegen zu können? Das weniger. Die meisten Betroffenen berichten über bestimmte Erlebnisse, die sie als irritierend oder beängstigend empfinden, weil sie ihr Wirklichkeitsmodell stören. Für solche Menschen bieten wir seit vielen Jahrzehnten einen Beratungs- und Informationsdienst an. Welche Erfahrungen haben diese Menschen denn dann gemacht? Das sind meist Ahnungen, Beeinflussungserlebnisse, Gedankenübertragungen, Wahrträume oder Geister- und Spukerscheinungen: Gegenstände bewegen sich plötzlich von alleine, sie hören Klopfgeräusche oder Regale fallen einfach um etc. Wir versuchen dann zunächst, diese Phänomene in bestimmte Kategorien einzuordnen: Handelt es sich um eine außersinnliche oder internale Wahrnehmung oder um psychophysischen Phänomene? Lassen sich viele dieser Phänomene sofort erklären? Was heißt erklären? Für unsere Arbeit ist es zunächst einmal wichtig, diese Berichte ernst zu nehmen. Das, was die Leute uns erzählen, sind ihre eigenen persönlichen Erfahrungen und die haben einfach deswegen schon einmal eine Berechtigung. Dann erst versuchen wir, herauszufinden, unter welchen Bedingungen das Phänomen aufgetreten ist. Und schließlich erörtern wir gemeinsam mit den Betroffenen, welche Bedeutung diese Erfahrung für sie hat. Wir sprechen da von einer „Sinnbrücke“. Das ist wichtig, da sich sehr viele der Betroffenen ausgeliefert fühlen. Gut, aber nun einmal abgesehen von der Beratungsarbeit – lassen sich all diese Phänomene denn nun naturwissenschaftlich erklären oder bleibt da ein unerklärlicher Rest? Natürlich gibt es immer einen unerklärlichen Rest, aber das hängt nicht zuletzt davon ab, wie Sie die Begriffe verwenden. Oft handelt es sich um eine noch nicht ganz verstandene Kommunikation der Menschen untereinander oder mit ihrer Umwelt – das wird im Alltag als übersinnlich bezeichnet. Ich bin durchaus der Meinung, dass die parapsychologische Forschung das Auftreten anomaler Phänomene dokumentiert hat. Wie man diese dann aber deutet, ist eine ganz andere Frage. Da muss jeder Einzelfall abgeklopft werden, ob eher konventionelle oder eher unkonventionelle Hypothesen als Erklärung greifen. Und das wiederum hängt davon ab, in wie weit man das erlebte Phänomen ins Labor bringen, reproduzieren und messen kann. Bei den meisten der Fälle ist das nicht möglich, da sie spontan und einmalig in Übergangs- oder Krisensituationen auftreten.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Zum Beispiel? Nehmen Sie zum Beispiel den Fall einer jungen Frau, die plötzlich von einer Party aufschreckt und von einem unerklärlichen Impuls getrieben nach Hause fährt, um nach ihren Baby zu sehen. Das Baby ist kurz vor dem Ersticken und sie rettet es. Wie wollen Sie so ein Erlebnis überprüfen oder im Labor wiederholen? Als Uri Geller 1974 im Fernsehen Löffel verbog, riefen hunderte Zuschauer an und behaupteten, auch in ihrem Besteckkasten hätten sich Löffel verbogen. Wie lässt sich das erklären? Das ist ein spannendes sozialpsychologisches Phänomen. Ich erinnere mich noch sehr genau: Damals war ich als Assistent am Institut beschäftigt. Zum einen lag das an der für damalige Verhältnisse massiven Medienaufmerksamkeit, zum zweiten war das Phänomen neu und drittens ist Uri Geller auch ein erfahrener Showmaster mit Charisma. Ich würde ihn als eine Art „Trickster-Persönlichkeit“ bezeichnen. Ein solcher Mensch lebt immer im Zwielicht der Täuschung und des Mysteriösen. Dies zieht die Leute an. Man darf auch nicht vergessen, dass dieser Mensch ein Showmaster ist – mit so einem Nimbus kommt ihm unter Umständen auch der Programmmacher entgegen. Und schließlich sollte man nicht vergessen – das wäre die parapsychologische Zusatzhypothese –, dass manche Menschen solche Effekte selbst qua Psychokinese unbewusst auslösen können Was ist der Unterschied zwischen David Copperfield und Uri Geller? David Copperfield ist ein Techniker. Er arbeitet mit einer großen Bühnenapparatur. Damit lässt er Menschen schweben oder Elefanten verschwinden. Geller hingegen ist ein Mentalist. Das heißt, er arbeitet mit Ablenkung, mit Fingerfertigkeit oder mit ganz bestimmten, subtil erzeugten Erwartungsprozessen. Mentalisten wie Geller arbeiten also nicht mit den Dingen, sondern mit der Wahrnehmung der Zuschauer? Ja. Sie versuchen ihre Zuschauer, auf die falsche Fährte zu locken. Wenn Millionen Menschen Uri Geller beim Löffelverbiegen im Fernsehen sehen, gibt es immer ein paar hundert, denen auf einmal die verbogene Gabel im Besteckkasten auffällt. Die liegt da aber schon seit fünf Jahren. Gute Mentalisten wissen auch, wie sie sich präsentieren müssen. Vergessen Sie nicht, Mentalisten verwenden elaborierte Täuschungssysteme, die teilweise eine Jahrhunderte lange Tradition haben. Akte jetzt.de - hier liest Du die übersinnlichen Erfahrungen der Redaktion

Text: philipp-mattheis - Illustration: Katharina Bitzl

  • teilen
  • schließen