"In der Natur aufzuwachsen halte ich für überschätzt."

Frank Spilker, Frontmann der "Sterne", hat einen Roman geschrieben - über eine Reise in die eigene Vergangenheit auf dem Land. Ein Gespräch über Treckerunfälle und Styling-Regeln auf dem Dorf.
daniel-schieferdecker

jetzt.de: Zur letzten Sterne-Platte hast du gesagt, dass ihr euch wegen einer „ästhetisch-musikalischen Unzufriedenheit“ in eine etwas andere Richtung bewegen wolltet. Ist dein Roman ebenfalls dieser Unzufriedenheit geschuldet?
Frank Spilker: Nicht dieser Unzufriedenheit, sondern einer anderen. Mit den Sternen sind wir in eine ästhetische Sackgasse geraten, aus der wir uns irgendwie herausmanövrieren mussten. Unzufriedenheit ist ja häufig der Antrieb, neue kreative Wege einzuschlagen. Und beim Schreiben des Romans habe ich es durchaus genossen, mal in eine andere Richtung zu denken. Ab einem bestimmten Lebensalter braucht man vielleicht auch andere künstlerische Ausdrucksformen.  

Wann hat sich herauskristallisiert, dass du ein Buch schreiben wirst?
Ich wurde seit Jahren immer wieder angestupst, einmal etwas in Buchform zu veröffentlichen – und sei es ein Lyrikband oder die Sterne-Texte. Nach der letzten Platte hatte ich dann die nötige Zeit und habe mich entschieden, das zu machen.  

War es befreiend, autark zu arbeiten und keine Kompromisse mit der Band eingehen zu müssen?
Ich empfinde das Bandgefüge nicht als Belastung, sonst gäbe es uns wohl nicht schon so lange. Aber diese Alleinarbeit hat eine neue Form der Inspiration zugelassen. Obwohl ich glaube, die Möglichkeiten, die so ein Roman bietet, mit meinem Buch noch nicht mal ansatzweise ausgeschöpft zu haben.  

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Illustration: Julia Schubert

Frank Spilker, 46: "Schlimm ist es, wenn Leute ihre innere Kleinstadt in die Großstadt mitbringen."

Im Buch geht es um Thomas Troppelmann aus Hamburg, der selbständig im Kreativ-Bereich arbeitet, in einer Krise steckt und sie durch eine Reise in seine provinzielle Vergangenheit meistern will. Wie viel Selbstreferenz steckt da drin?
Ich habe natürlich eigene Geschichten zum Vorbild genommen und Anschauungen verarbeitet, die ich kenne; weil ich glaube, dass das viele Leute nachvollziehen können. Ich habe versucht, ein Porträt der Zeit und Geisteshaltung aus den Konflikten zu weben, mit denen Menschen meiner Generation tagtäglich konfrontiert werden.  

Du schreibst, es sei schön, wenn die Vergangenheit einen Platz habe, an den man zurückkehren kann. Ich nehme an, du denkst da an dein Elternhaus.
Ja, genau. Es freut mich sehr, dass meine Eltern erstens noch leben und es zweitens noch diesen Ort gibt. Viele haben das ja gar nicht mehr. Aber vielleicht macht es auch gar keinen so großen Unterschied, weil man ja eh nicht in die Vergangenheit zurückreisen kann. Die Leute von damals sind heute ja nicht mehr dieselben.  

In einem Interview hast du mal gesagt, du seist auf der Suche nach einem Weg, die Sprachlosigkeit zu überwinden. Das bezog sich auf Musik. Hattest du diesen Drang auch als Buchautor?
Ich fand es jedenfalls spannend zu sehen, dass durch das Wegfallen des musikalischen Korsetts plötzlich Platz geschaffen wird für vollkommen andere Inhalte. Durch meine eigenen Kinder, die mittlerweile 15 und 17 Jahre alt sind, bin ich darauf gekommen, ein paar Dinge aufzuschreiben, die auch ich damals durchmachen musste.  

Zum Beispiel?
Die Anwerbungsversuche irgendwelcher christlichen Gruppen, von denen auch meine Kinder gerade betroffen sind – obwohl wir uns bewusst dazu entschieden haben, sie nicht zu irgendwelchen Konfirmationsveranstaltungen zu schicken, die letztlich nur auf eine geistige Uniformierung abzielen und die Leute am Denken hindern sollen. Die Schule ist da bereits schlimm genug.  

Kommt denn Kritik aus deiner Heimat, was die Abkehr von solchen christlichen Ritualen angeht?
Das bleibt abzuwarten. Aber was ich im Buch versucht habe darzustellen, ist diese bodenlose Kritiklosigkeit. Die Kirche als Institution wird einfach nicht in Frage gestellt – das sind die Überbleibsel der Standesgesellschaft. In der Kirche wird das Gute verortet ohne hinterfragt werden zu dürfen, und das halte ich für falsch. Gerade die Gegend, aus der ich komme, Ostwestfalen, ist da recht heftig.

Vergleichst du deine eigene Kindheit in der Kleinstadt mit der deiner Kinder in der Großstadt?
Natürlich, das passiert automatisch, obwohl sich das Leben auf dem Land seit meiner Kindheit sehr verändert hat. Ich halte das soziale Umfeld aber eh für viel prägender als die Frage, ob man in der Stadt oder auf dem Land groß wird. Außerdem glaube ich nicht an Erziehung. Die Entwicklung von Kindern beruht vorwiegend auf Nachahmung und nicht darauf, was man ihnen erzählt. Was außerdem von vielen Eltern total überschätzt wird, ist das sogenannte Aufwachsen in der Natur. 

Wie meinst du das?
Es gibt viele Eltern, die deshalb aufs Land ziehen, weil sie möchten, dass ihre Kinder einen Bezug zur Natur bekommen. Das Landleben wird idealisiert. Aber die Großfamilie gibt es schon lange nicht mehr, landwirtschaftliche Betriebe sind vorwiegend industrialisiert, und man darf auch nicht vergessen, dass es in ländlichen Umgebungen viele Todesfälle gibt, weil Kinder in Silos fallen oder vom Trecker überfahren werden. Ein Bauernhof ist eben kein Spielplatz.  

An einer Stelle des Buches schreibst du: „Es gib einen klar definierten Rahmen, innerhalb dessen man durch Kleidung und Styling auf sich aufmerksam machen darf. Je kleiner die Stadt, desto geringer der Spielraum.“ Wann ist dir das zum ersten Mal bewusst geworden?
Als ich in die Großstadt gezogen bin. Genauer gesagt: Als ich dann zum ersten Mal wieder zurück in die Heimat kam. Über die enge soziale Kontrolle im Dorf ergeben sich eigene Regeln, welche Kleidung man zu tragen hat und ab wann man als Exzentriker gilt. In Hamburg oder Berlin muss man viel mehr tun um aufzufallen.  

Hast du den Eindruck, dass sich das mit dem Internet verändert hat?
Sicherlich ist das mittlerweile ein bisschen aufgeweicht, aber die soziale Kontrolle gibt es in ländlichen Gegenden immer noch stärker als in der Großstadt. Wer ausschert, hält sich für etwas Besseres, und das wird sozial geahndet. Aber es kommt natürlich auch darauf an, wie sehr man sich dieser Gruppe zugehörig fühlt und demzufolge überhaupt etwas zu verlieren hat.  

Kann es sein, dass dein Roman eine versteckte Abrechnung mit der Kleinstadtmentalität ist?
Ein bisschen vielleicht. Wobei: Schlimmer als die Kleinstadt selbst finde ich es, wenn die Leute ihre innere Kleinstadt in die Großstadt mitbringen. Die Leute auf dem Land können ja letztlich nichts für ihre provinzielle Denke. Der Reflex der Abneigung gegenüber alles Modernem ist ja quasi ein Naturgesetz.  

Hast du je überlegt, zurück aufs Land zu ziehen? Als zum Beispiel deine Kinder unterwegs waren?
Ja, den Gedanken hatten wir tatsächlich. Aber nur deshalb, weil wir gemerkt haben, wie schwierig es ist, in der Stadt als junge Familie mit geringem Einkommen eine bezahlbare Wohnung zu finden. Ich bin aber sehr froh, dass wir das nicht gemacht und gemerkt haben, dass die Phase, in denen die Kinder mit den Gefahren der Großstadt überfordert sind, nur sehr kurz ist. Ich sehe eigentlich nur Vorteile in der Stadt.  

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Illustration: Julia Schubert


„Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“ von Frank Spilker erscheint am 14. März bei Hoffmann und Campe.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: Juliane Werner

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