„In der Schule war ich ein Außenseiter“

Familie Beimer in den Anfangstagen der "Lindenstraße" (Foto: WDR) Das da in der Mitte ist Klausi.
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Illustration: Julia Schubert

Familie Beimer in den Anfangstagen der "Lindenstraße" (Foto: WDR) Das da in der Mitte ist Klausi. In den 80ern hat er mit seinem Nazi-Opa einen Nachbarn blind geschossen, war dann in den 90ern selbst Rechtsradikaler oder auch militanter Tierschützer. Die Freundin starb an Tollwut, der Bruder bei einem Autounfall. Nun ist er verheiratet und arbeitet als Journalist in Südafrika. Zumindest in der Dauerserie „Lindenstraße“. Wenn die heute 20 Jahre alt wird, spielt Moritz A. Sachs genauso lange den Klaus Beimer, den Sohn der Nation. Mit sieben Jahren hat Moritz angefangen. Jetzt ist er 27 und immer noch dabei. Dieses Jahr hat er allerdings eine Weile ausgesetzt, um sich um sein richtiges Leben zu kümmern, das jenseits der Lindenstraße. Als Regieassistent jobbte er im letzten Jahr auch für „Boiling Points“ (MTV) oder „Die Rettungsflieger“ (ZDF). Er lebt in einer Kölner WG, hat eine Freundin, fährt ein kleines Auto – „mein Hase“ rufen lässt er sich in seinem realen Leben jedoch nicht. Wie viel Platz nimmt die Lindenstraße in deinem Leben ein? In einer Zeit, in der wer weiß wie viele Soaps und Serien gedreht werden, ist es ein normaler Job. Es sind ja auch nur etwa 60 Drehtage im Jahr. Fast alle Schauspieler arbeiten nebenbei für andere Produktionen oder studieren. Was meine Berufswahl angeht, hat mich die Serie aber schon geprägt: Ich will beim Film bleiben und in erster Linie hinter der Kamera, aber auch als Schauspieler arbeiten. Wolltest du nie etwas ganz anderes machen? Meine Eltern sind beide Juristen, meine Schwester studiert das auch. Da hätte ich mich dranhängen können. Zwei Semester habe ich auch mal in Jura reingeschnuppert. Aber dann war es für mich einfach der Film. Ich mag das Set, mag es, Geschichten zu erzählen, mit den ganzen Leuten einen Film herzustellen. Während ich als Schauspieler schon recht auf Kleinklausi festgelegt bin, läuft es mit dem anderen Job als Regieassistent gerade richtig gut. Das war etwas, was ich mir wirklich erarbeiten musste, während ich die Lindenstraße quasi geschenkt bekommen habe. Inwiefern war es ein Geschenk? Ach, ich war einfach ein süßer, lauter Bengel, der im Park angesprochen wurde, ob er nicht Lust hätte, bei einer Fernsehserie mitzuspielen. Und das wollte ich. Wieso und warum, daran kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Das klang einfach nach Spaß. Meine Eltern haben allerdings erst zugestimmt, als sie wussten, dass Hans W. Geißendörfer die Serie macht. Dadurch war es für sie seriös genug. Wie war es mit dem zweiten Ich „Klaus Beimer“ aufzuwachsen? Sind das nicht parallele Welten? Was die Rolle angeht war das eigentlich nie ein Problem. Um mich wirklich in eine Parallelwelt zu begeben, sind das einfach zu wenige Tage im Jahr, die ich mich damit beschäftige. Hast du denn, als du klein warst, den Unterschied schon so deutlich begriffen? Als Kind macht man sich darüber gar keine Gedanken. Das war wie Mutter, Vater, Kind spielen. Schwieriger war es, die Öffentlichkeit zu kapieren, die ich auf einmal hatte. Wenn man als Neunjähriger den Bambi bekommt, versteht man noch nicht, was das alles bedeutet. Die Rolle aber war unproblematisch. Als Nazi ein bisschen rumbrüllen oder so, das ist leicht gemacht. Klaus ist ein netter, offener Typ, der auch seine Probleme hat – eben eine Person in meinem Alter. Ansonsten habe ich mit ihm nicht so viel gemeinsam. Früher war ich beispielsweise eher ein Einzelgänger. Wie kam das? Als ich mit der Serie anfing, waren auf einmal alle Freunde weg. In der Schule war ich ein Außenseiter. Meine Eltern meinten auch, ich solle nicht erzählen, dass ich in der „Lindenstraße“ mitspiele. Aber es kam natürlich trotzdem raus. Schon mit dem ersten Artikel zum Serienstart hat sich das gegen mich in der Schule richtig hochgeschaukelt. Ich weiß nicht, woran das lag. Neid vielleicht. Keine Ahnung. Warum hast du dann trotzdem weitergemacht? Ich wollte mir diese Chance von den anderen nicht vermiesen lassen, auch nicht durch Schulprügeleien. Außerdem konnte ich eh nichts mehr ändern, denn irgendwann war es dafür zu spät. Vom Typ war ich im Grunde nie ein Einzelgänger, jetzt bin ich es auch nicht mehr. Mir 13 oder 14 Jahren hat sich das aufgelöst. Da gab es dann nur noch vereinzelt Leute, die meine Rolle als Klausi gestört hat. Inwieweit hat die Serie auf dich abgefärbt? Hat sie deine Weltsicht beeinflusst? Klar, vor allem, was freiheitliches Denken angeht. Wenn da ständig etwas vom Atomkrieg im Skript steht, erfordert das für einen Achtjährigen schon eine besondere Auseinandersetzung mit diesen Themen. Ich habe durch die „Lindenstraße“ auch gelernt, was Arbeit ist und wie man sich in der Öffentlichkeit verhält. Zum Beispiel wie man Pressebälle durchsteht, die oft strunzlangweilig sind. Die „Lindenstraße“ hat mir vor allem das Schauspiel beigebracht und sicherlich auch, wie Menschen ticken. Dass da Fans sind, die einfach auf einen zustürmen ohne weiterzudenken. Wie siehst du deine Fernsehfamilie im echten Leben? Die bedeutet mir schon etwas. Meine Fernsehmutter die Marie Luise zum Beispiel. Trotz aller Unterschiede ist eine unheimliche Vertrautheit da. Es ist völlig egal, wie alt die Leute sind, man kann sich mit jedem anfreunden. Das ist auch etwas, das ich gelernt habe. Ich lebe nicht in meiner kleinen „Alle-sind-gleich-alt-Welt“. Gab es einen Punkt, wo du dich bewusst entschieden hast, auf lange Sicht bei der „Lindenstraße“ zu bleiben? Ich überlege mit jeder Vertragsverhandlung neu. Am Anfang mit sechs, da haben mich meine Eltern gefragt, ob ich das wirklich machen will. Und wenn ich lieber draußen spielen wollte, als zu drehen, dann sagte meine Mutter: „Du musst schon wissen, was du willst.“ So schön „Lindenstraße“ ist, geht es auch um meine Perspektive – ich bin jetzt 27. Deshalb habe ich auch gerade ein Jahr ausgesetzt. Weil ich einfach mal rauswollte und noch mehr Berufserfahrung sammeln wollte. Ich kann nicht einfach warten bis die “Lindenstraße“ vorbei ist und dann sagen: „Hallo, Herr Wortmann, hier bin ich!“ Jetzt hast du aber wieder für drei Jahre unterschrieben. Ich spiele sehr gerne und es ist ja auch nicht der unangenehmste Beruf. Dazu habe ich noch Zeit nebenher, auch bei anderen Sachen am Ball zu bleiben. Ich bin in der guten Situation, dass ich mich gar nicht gegen die „Lindenstraße“ entscheiden muss. Und wo siehst du die Serie heute, in der Zeit von Telenovelas? Sie ist immer noch etwas Besonderes. Aber der inhaltliche Stellenwert ist heute nicht mehr so hoch. Es gibt fast kein gesellschaftliches Tabu, das wir noch nicht gebrochen haben: Neonazis, Sex im Alter, Mord. Das war natürlich immer ein Skandal und dadurch kam diese enorme Popularität zustande. Welches Tabu sollen wir denn noch brechen? Sollen wir auf Tische kacken? Das kann es auch nicht sein.

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