"In Fernbeziehungen wird nicht mehr fremdgegangen"

Fanny Jimenez erforscht Fernbeziehungen. Im Interview erklärt sie, warum es die schon immer gab, wie man sie erhält – und was sie scheitern lässt.
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Anna studiert in München, Philipp arbeitet in New York, Silvia ist Trainee in Hamburg, Lukas Assistenzarzt in Essen. Sie sind Paare - aber nur selten auch wirklich zusammen. Höchstens ein oder zwei Wochenenden im Monat tauschen sie Skype und Webcam gegen das reale Treffen. In jedem Freundeskreis gibt es mindestens ein Paar, das eine Fernbeziehung führt. In Zeiten, in denen Job und Karriere Flexibilität verlangen, sind acht Stunden Zugfahrt oder 3000 Flugmeilen für 48 Stunden Zusammensein für viele fast schon normal geworden. Dabei sind Fernbeziehungen gar kein neues Phänomen, sagt Fanny Jimenez, Fernbeziehungsforscherin an der HU in Berlin. Schon immer habe es Bezeihungen gegeben, in denen ein Partner, meist der Mann, über lange Zeit weit entfernt von seiner Familie arbeitete, um deren Überleben zu sichern - als Seemann, Diplomat, Militärangehöriger oder Händler. Und was gibt es sonst noch über Fernbeziehungen zu wissen? jetzt.de hat Fanny Jimenez zum Interview gebeten.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Was braucht man unbedingt, um eine Fernbeziehung führen zu können? Fanny Jimenez: Obwohl Telefon oder Computer natürlich helfen, mit dem Partner in Kontakt zu bleiben, ist es eher festes Vertrauen. Die Partner müssen eine gemeinsame Welt, die sich bei anderen Paaren von selbst ergibt, erst herstellen. Das ist etwas schwieriger, gibt den Partnern aber die Möglichkeit, die Beziehung sehr bewusst und überlegt zu gestalten. Für Partnerschaften, die als Fernbeziehung beginnen, ist dies meist etwas einfacher als für Paare, die zuerst in einer Nahbeziehung gelebt haben. Gibt es denn noch andere Vorteile an Fernbeziehungen? Fernbeziehungspaare sind in der Regel gezwungen, und daher sehr gut darin, einander zuzuhören und die Kommunikation innerhalb der Beziehung positiv und befriedigend zu gestalten, das gilt auch besonders für Konflikte. Daneben werden als Vorteile häufig Autonomie und geringere „Abnutzungserscheinungen“ der Beziehung genannt. Sowohl die Zeit ohne Partner als auch die Zeit mit ihm oder ihr werden als erfüllend erlebt, da es genau abgesteckte Zeiträume für Job und Beziehung gibt. Und was ist negativ? Je weiter der Partner entfernt ist und je seltener man sich sieht, desto größer ist die emotionale Belastung, die übrigens mit der Dauer der Fernbeziehung auch eher zu- als abnimmt. Bei Fernbeziehungen mit langer Dauer und eher seltenen Besuchen können Schlaf- und Konzentrationsstörungen auftreten, gelegentlich auch depressive Verstimmungen. Der Partner, der ja eigentlich die Aufgabe hat, im Alltag unser emotionaler Anker zu sein, kann dies je nach den Umständen der Fernbeziehung und der Persönlichkeit der Partner leider nicht immer leisten. Das kann sehr belasten. Fernbeziehungspaare tendieren auch dazu, sich viele Gedanken um die Stabilität der Beziehung zu machen. Natürlich ist auch Vertrauen in die Treue des Partners oft ein großes Thema. Weitere Nachteile sind die hohen Kosten und oft die fehlende Einbindung in ein soziales Netzwerk. Die Wochenenden gehören dem Partner, und das kann Probleme schaffen. Gehen Leute in Fernbeziehungen denn häufiger fremd? Unsere Studie zeigt nicht nur, dass Partner in Fernbeziehungen genauso oft fremdgehen bzw. sogar geringfügig seltener fremdgehen als andere Paare, sondern auch, dass es dabei weniger Persönlichkeitsunterschiede gibt. Das bedeutet, dass es bei zusammenlebenden Paaren stärker von Persönlichkeitsunterschieden abhängt, wer fremd geht und wer nicht, bei den Fernbeziehungen jedoch alle Partner unabhängig von ihrer Persönlichkeit etwa gleich oft fremd gehen. Interessanterweise gibt es da allerdings einen kleinen Geschlechtseffekt, der nahelegt, dass Frauen in Fernbeziehungen geringfügig häufiger fremdgehen als in Nahbeziehungen. Das klingt zunächst paradox, lässt sich aber damit begründen, dass die Idealisierung des Partners sowie die Angst um die Beziehung die Attraktivität eines Seitensprungs deutlich mindert. Möglicherweise erhöht eine Fernbeziehung die emotionale und moralische Bindung an die Beziehung, was dazu führt, dass man sie unter keinen Umständen gefährden möchte. Woran scheitern Fernbeziehungen meistens? Gibt es typische Trennungsgeschichten? Fernbeziehungen scheitern aus den gleichen Gründen, aus denen auch alle anderen Beziehungen scheitern: unkonstruktive Kommunikation, besonders in Konfliktsituationen, emotionale Verschlossenheit eines oder beider Partner, fehlende Empathie und grundsätzlich Negativität im Umgang miteinander. Männer geben häufiger an, dass die Fernbeziehung aufgrund der Distanz gescheitert ist - sie leiden aber auch mehr unter der Fernbeziehungssituation als Frauen, vermutlich, weil sie die fehlende emotionale Nähe nicht so gut aus anderen Beziehungen „rekrutieren“ können oder wollen wie Frauen. Der einzige Faktor, der fernbeziehungstypisch ist, ist, dass manchmal eine gemeinsame Perspektive fehlt, was zur Trennung führen kann. Dies liegt dann jedoch nicht an der Form der Beziehung an sich, sondern an der Bereitschaft beider Partner, die Fernbeziehung in eine Nahbeziehung zu verwandeln. Kritisch für Fernbeziehungen ist dann genau das: das Zusammenziehen. Viele Paare, etwa ein Drittel, trennen sich relativ schnell innerhalb weniger Monate. Dabei spielen die Idealisierung des Partners, die typisch für Fernbeziehungen und eine Art Schutzmechanismus ist, und die Ernüchterung danach eine Rolle. Sie kann Konflikte verschärfen und das Aufgeben der Beziehung beschleunigen. Übergänge sind immer kritisch, besonders wenn die Hoffnungen groß sind und die zeitlichen und finanziellen Investitionen in die Beziehung sehr intensiv waren. Welche persönlichen Eigenschaften sind wichtig, damit eine Fernbeziehung funktioniert? Nach unseren Erkenntnissen ist es eher so, dass die Situation der Fernbeziehung selbst bestimmte Denk- und Verhaltensweisen fördert oder hervorbringt. Diese sind zwar abhängig von Persönlichkeitsmerkmalen, jedoch nicht in dem Maße, dass man sagen könnte, es gäbe eine „Fernbeziehungspersönlichkeit“. Selbst wenn ein Partner grundsätzlich eher verschlossen ist und nicht gern über Probleme spricht, wird er in einer Fernbeziehungssituation offener und konfliktbereiter sein, als er das in einer Nahbeziehung wäre. Tatsächlich werden Fernbeziehungspartner immer konstruktiver in ihrer Kommunikation, je weiter sie voneinander entfernt leben. Umgekehrt wird ein sonst sehr selbstsicherer Partner in einer Fernbeziehung ein wenig ängstlicher und besorgter um die Beziehung sein, als er das in einer Nahbeziehung wäre. Gibt es die Sünde aller Fernbeziehungsführenden? Goldene Regeln gibt es nicht. Was aber oft unterschätzt wird und enorm zur Zufriedenheit mit der Beziehung beitragen kann, sind zum einen genaue Absprachen über die Grundfeste der Beziehung und zum anderen das Einbinden des Partners in den eigenen, ganz banalen Alltag. Absprachen betreffen zum Beispiel das Thema Treue. Die Partner nehmen oft an, dass Treue selbstverständlich ist, sprechen es aber nicht aus. Das Gleiche gilt für die Langzeitperspektive der Beziehung. Es kann viel Stoff für Konflikte geben, wenn die eigenen Wünsche und Erwartungen nicht klar thematisiert werden. Das Einbinden des Partners in den Alltag ergibt sich in Fernbeziehungen ebenfalls nicht von selbst, sondern muss hergestellt werden. Gerade alltägliche Problemchen und Entscheidungen, die zu bewältigen sind, bieten aber die Möglichkeit, dem Partner zu signalisieren, dass man da ist und unterstützt bzw. dass der Partner gebraucht wird und seine Meinung wichtig für das eigene Handeln ist. Partner, die beides tun, führen glücklichere und auch stabilere Beziehungen. Kann man sagen, dass eine gewisse Entfernung und eine gewisse Zeit zwischen zwei Treffen nicht überschritten werden sollten, um das Funktionieren der Beziehung zu gewährleisten? Paare, die sich regelmäßig seltener als einmal im Monat sehen, laufen Gefahr eine eigene Welt zu entwickeln, in der der Partner nur sehr begrenzt Platz hat. Es konnte gezeigt werden, dass Partner, die sich so selten sehen, eher depressive Verstimmungen entwickeln oder die Situation allgemein als sehr belastend empfinden. Oft entwickeln die Partner auch Wut auf den jeweils anderen und wenden sich an andere Bezugspersonen, um die fehlende Nähe zu kompensieren. Das kann der Beziehung ebenfalls gefährlich werdenn. Je weniger bei diesen Beziehungen in der Zeit der räumlichen Trennung die Möglichkeit zur Kommunikation gegeben ist, desto belasteter sind die Partner. Für die simple geografische Entfernung gilt das nicht, da sie an das vorherrschend genutzte Verkehrmittel gebunden und somit relativ ist.

Text: marie-charlotte-maas - Illustration: judith-urban

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