Internet gegen Stromausfall. Wie junge Afghanen sich in die Gegenwart bloggen.

Nasim Fekrat ist freier Journalist und lebt in Kabul. Ein Gespräch über Bloggen ohne Strom, gefährliche Themen und Hilfe aus dem Ausland
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Bringt sich ein Blogger in Afghanistan in Gefahr? Hier ist es generell gefährlich, digitale Medien zu nutzen. Die afghanische Regierung versucht ständig, den Internetzugang der Menschen zu beschränken, sie übt Druck auf die IP-Provider aus, Daten zu filtern und Informationen weiter zu geben.

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Illustration: Julia Schubert

Nasim stellt regelmäßig Fotos aus Kabul online Wie sieht es mit anderen Medien aus? Wir haben hier keine unabhängigen Medien. Alle Zeitungen und Magazine sind entweder Regierungsorgane oder gehören zu bestimmten politischen oder religiösen Gruppierungen. Als ich nach Kabul zurückkam, habe ich zunächst ein Magazin gegründet, doch es wurde von islamischen Fundamentalisten geschlossen. Im Netz wird man auch bedroht, wenn man gegen die Islamisten schreibt oder die Regierung kritisiert. Wie denn? Ein afghanischer Kollege ist aus dem Exil in Iran zurück gekehrt und veröffentlichte auf seiner Website Dokumente, mit denen die Korruption der Regierung belegt wurde. Daraufhin wurde er vom afghanischen Geheimdienst fünf Tage lang fest gehalten. Kurze Zeit später wurde er wieder verhaftet, sie drangsalierten ihn so lange, bis er das Land wieder verließ. Aber die Mujaheddin sind auch nicht besser. Man stellt sich islamische Fundamentalisten ja eher nicht als progressive Internetnutzer vor.. Doch, die sind sehr aktiv. Einmal habe ich zum Beispiel über die Rolle, die Analsex im Koran spielt, gebloggt. Daraufhin kamen so massive Drohungen gegen mein Leben, dass ich den Post wieder offline gestellt habe. Sie beschuldigten mich, ihre Nation beschädigen z wollen. Das ist die Art, wie diese Leute sind: Sie wollen die Menschen blind machen, sie sollen ein vollkommen unreflektiertes Verhältnis zur Religion und zu Gott haben. Aber was können Blogs denn daran ändern? Ich vermute mal, dass nicht allzu viele Afghanen einen eigenen Internetanschluss haben. Ha! Lass mich dir mal beschreiben, wie es bei mir gerade aussieht. Es ist jetzt halb zehn Abends und ich sitze im Dunkeln, ich kann nicht mal die Hand vor Augen sehen. Warum? Weil wir hier nur acht Stunden am Tag Strom haben. Also ja, die wenigsten Menschen kommen regelmäßig ins Netz. Wie arbeitest du denn dann? Ich tippe meine Posts zu Hause und speichere sie auf einer Diskette. Damit gehe ich ins Internetcafé, jeden Tag zwei Kilometer hin und zurück. Es ist ein wahnsinniger Energieaufwand.

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Illustration: Julia Schubert

Trotzdem siehst du im Internet ein großes Potential für dein Land, warum? Zum einen werden die regionalen und lokalen Medien hier sehr stark vom Internet beeinflusst, ich beobachte, wie die Zeitungen hier Geschichten aufgreifen, die sie zuerst auf unseren Seiten gelesen haben. Es gibt derzeit auch keine andere Möglichkeit als das Netz, eine Meinung auszudrücken, überall anders werden wir zensiert. Aber Afghanistan hat doch in gewisser Weise noch dringendere Probleme, die Hungerkrise und der kalte Winter. Was kann ein Blog denn da nutzen? Zum einen ganz konkret. Vor ein paar Monaten schrieb ich auf meiner Seite darüber, dass viele Kinder in den Flüchtlingslagern keine Schuhe hätten. Kurz darauf schickten mir ein paar Menschen aus den USA 15 Paar Schuhe, die Kinder waren so glücklich als ich sie ihnen brachte. Zum anderen geht es aber auch darum, dass wir mit dem Internet eine wunderschöne Verbindung zur Welt aufbauen können. Ist die Vernetzung Afghanistans als eine Art kulturelle Aufbauarbeit? Ja klar, wir haben so viele Ideen, aber leider so wenig Geld, wir haben ja nicht mal Computer oder Projektoren. Gerade Deutschland leistet ja sehr viel Hilfe und Unterstützung, aber wenn es um Blogs geht, besteht kein Interesse. Dabei kann das Netz die junge Generation inspirieren und uns helfen, dieses Land in die Moderne zu bringen. Ist das dein Anliegen? Die Modernisierung Afghanistans? Ja, unbedingt. Wir sind nicht mehr das Land der 80er und 90er Jahre. Wir sind nicht nur Krieg, wir Afghanen haben auch Liebe, Herzen, Kultur. Manche Menschen in Europa und den USA meinen, wir würden wie auf einem anderen Planeten leben. Dabei sind wir hier, in der Welt.

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