Interview: "Ich wollte nur wieder frei und eine gute Mutter sein."

Amina ist eine Deutsch-Marokkanerin aus Nordrhein-Westfalen, die nach einer Ehe mit einem Drogenabhängigen die Scheidung einreichte. Wir haben mit ihr über das Thema „Allein erziehend und Muslima“ gesprochen.
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Wie hast Du deinen Mann kennen gelernt? Amina: Es war ein Bekannter der Familie, den ich kennen gelernt habe. Wir hatten uns ein paar Male getroffen, als wie beschlossen zu heiraten. Er hatte vor ein paar Jahren eine schwierige Phase mit Drogen und falschen Freunden gehabt. Nach einer Drogentherapie beschloss er sein Leben neu zu ordnen und sich von diesem schlechten Umfeld zu trennen. Er wollte einen Neuanfang. Eine Frau heiraten und eine Familie gründen. Dasselbe wollte ich auch. Die Familien waren auch von vorneherein einverstanden. Wir feierten im Jahr 1998 in Deutschland unsere Hochzeit. Was führte zur Scheidung? Wir führten ein Jahr lang eine gute Ehe. Er hielt sich in diesem Zeitraum auch von seinen ehemaligen Freunden fern. Nach einem Türkeiurlaub kam plötzlich der Kontakt zu diesen Freunden wieder zustande. Sein Verhalten veränderte sich. Man konnte schlecht mit ihm ins Gespräch kommen. Unzuverlässigkeit und Lügen waren an der Tagesordnung. Zudem kam hinzu, dass er häufig Geld abhob, ohne dass ich nachvollziehen konnte, wofür. Wenn ich ihn ansprach, wofür er das Geld benötigte, hatte er Ausreden wie: Ich habe meiner Mutter Geld gegeben, Geld verliehen oder bin mit Freunden ausgegangen. Er arbeitete nur noch unregelmäßig. In Wirklichkeit nahm er wieder Drogen. Oft suchte er Ausreden, um allein das Haus verlassen zu können. Er baute ein regelrechtes Lügengerüst um sich herum auf, was schnell zu durchschauen war. Als der Drogenkonsum offensichtlich wurde und er es nicht mehr verheimlichen konnte, beschlossen wir, dass er unbedingt eine Therapie machen musste. Gemeinsam mit meiner Schwägerin fanden wir einen dreimonatigen Therapieplatz. Leider hielt er die Therapie nur eine Woche durch. Er bat mich, ihm trotzdem beizustehen und ihm allein zu helfen. Ich willigte ein und gab ihm Vorlagen; wie nie allein ausgehen undsoweiter. Doch auch dies gelang ihm nicht. Er verkaufte Wertsachen von uns, wie Möbel. Mein Mann und ich wünschten uns beide ein Kind. Als ich schwanger wurde, hoffte ich, dass dies unsere Rettung war, um ihm die Augen zu öffnen, dass er Verantwortung für eine Familie hat und endlich mit dem Drogenkonsum aufhört. Ich hoffte von ganzem Herzen, dass die Schwangerschaft Motivation genug für ihn war, um sich zu ändern und um sich klar zu werden, dass sein Drogenmissbrauch den Traum von einer eigenen Familie kaputt machen würde. Doch dies ist ein Trugschluss gewesen. Zwei Tage nach der Geburt gab ich ihm dann im Krankhaus ein Ultimatum. Sollte er nicht bis zum ersten Geburtstag unseres Sohnes clean sein, würde ich ihn verlassen. Er startete erneut eine Therapie von sechs Monaten. Diese hielt er leider erneut nicht durch. Ich litt sehr unter unserer Situation, ich hatte Ess- und Schlafstörungen. Der Druck des Alltages wurde immer größer. Ich zog mich auch immer mehr von meiner Außenwelt zurück. Er rauchte häufig in der Nähe unseres Kindes und kümmerte sich nur wenig um unseren Sohn. Zum ersten Geburtstag des Kindes 2002 war es, wie bereits im Ultimatum angekündigt, aus. Ich war an einem Punkt angekommen, wo ich in unserer Ehe keine positive Veränderung geschweige denn eine Chance sah, dass dieser Ehemann und Vater sich jemals von seiner Drogensucht befreien würde. Ich war sehr besorgt um das Wohl des Kindes und wollte es nicht verantworten, dass es in einer Familie aufwächst, welche nicht intakt ist. Er war weder clean noch anwesend an dem Geburtstag, deshalb sah ich mich in meiner Entscheidung bestätigt, ihn endgültig zu verlassen und mich allein um das Kind zu kümmern. Wie war die Scheidung? Ich verließ die Wohnung 2002 und lebte zwei Jahre allein mit unserem Sohn. Mein Mann wollte die Scheidung nicht. Erst als seine Familie ihn soweit hatte, in die Scheidung einzuwilligen, flogen wir nach Marokko. Dort mussten wir uns scheiden lassen, da wir damals im marokkanischen Konsulat geheiratet haben. Daher muss eine Scheidung immer in Marokko durchgeführt werden. Vor Gericht wollte mein Ex-Mann plötzlich nicht in die Scheidung einwilligen. Die Richterin sah kein Grund die Scheidung einzuleiten. Dann erklärte ich ihr, dass er Drogen nehme. Sie sagte, dass Haschisch doch nicht so schlimm sei und ich mich deshalb nicht scheiden lassen bräuchte. Auch nachdem ich ihr alles erklärte, meinte sie, ich solle mich zunächst einmal eine Woche lang mit meinem Mann einigen. Ich wiederholte, dass mein Entschluss feststehe. So gingen alle für zwei Stunden aus dem Saal. Nachdem die Richterin uns erneut fragte, wiederholte ich meinen Wunsch. Mein Ex-Mann stimmte auch zu, obwohl er meinte, dass er eigentlich diese Scheidung nicht wolle. Letztendlich entschied die Richterin, uns nur zu scheiden, wenn ich auf jeglichen Unterhalt verzichte. Das war mir egal. Ich wollte nur wieder frei sein und eine gute Mutter sein. Im Sommer 2004 waren wir geschieden. Wie war es mit dem Sorgerecht? Das bekam ich ohne Schwierigkeiten, da ich fester im Leben stand als er und das Kind versorgen konnte. Mein Mann stimmte ohne Schwierigkeiten zu. Wie hat es euer Kind aufgenommen ? Da er noch sehr klein war, hat er keinen Schaden genommen. Ihm ist in dem Alter nicht viel bewusst. Er ist nicht mit seinem Vater aufgewachsen und somit hatte er keine Beziehung zu ihm aufbauen können. Von daher hatte unser Sohn keine Trennung von seinem Vater erleiden müssen. Das war auch ein Grund, warum ich mich dafür entschied, mich von meinem Mann zu trennen, solange unser Sohn noch klein ist. Wie hat es die Umgebung aufgenommen? Alle, meine Freunde, meine und seine Familie, Kollegen und Bekannten waren über meine Entscheidung sehr froh. Sie waren eher überrascht darüber, wie lange ich es mit ihm aushalten konnte. Alle haben meinen Schritt begrüßt. Hat dein Kind Kontakt zu seinem Vater? Wie regelt ihr das Besuchsrecht? Ja, den hat er, wenn auch nur sehr unregelmäßig. Da Familienangehörige von ihm in meiner Nähe wohnen, kommt er, wenn er zu Besuch dort ist, den Kleinen abholen. Er ist sein Vater und er kann ihn sehen, wann er möchte. Allerdings sind wir, seine Familie und ich, uns einig, dies immer in Anwesenheit einer weiteren Person zu tun. Nicht dass ich Angst hätte, dass er ihn mir wegnimmt. Mir machen eher sein Zustand und Umgang Sorgen. Drogen verändern einen Menschen einfach zu sehr.


Wie sieht dein Alltag aus? Mein Alltag ist eigentlich nicht anders als der anderer Frauen. Ich stehe jeden Morgen auf und bringe den Kleinen in den Kindergarten. Dann frühstücke ich zu Hause und gehe dann zur Arbeit. Nach der Arbeit hole ich mein Kind bei meiner Mutter ab, die ihn immer vom Kindergarten abholt. Dann bleibe ich noch ein wenig bei ihr, bevor ich nach Hause gehe. Klar gibt es Tage, wo es etwas stressig wird. Aber das ist bei jedem mal so. Im Großen und Ganzen unterscheidet sich mein Alltag nicht von dem der anderen. Meine Familie steht mir da sehr beiseite, was mir auch sehr hilft. Wenn sie nicht da wären, würde es sicherlich anders aussehen. Wie glaubst Du sieht der Islam eine allein erziehende Frau? Soweit ich weiß ist das im Islam kein Problem. Sieht der Islam allein erziehende Frauen anders als die Muslime selbst? Ja, auf jeden Fall. Da viele unserer Frauen so erzogen werden, mit ihrem Mann durchzuhalten und ihm auch in jeder Situation beizustehen – auch, wenn der Mann die Familie ins Verderben stürzt. Bloß keine Scheidung. Ich sehe es aber anders. Eben weil die Ehe etwas Wertvolles ist, sollte sie geschützt werden. Eine Ehe muss sauber bleiben, da haben Drogen, Untreue, Gewalt und Respektlosigkeit nichts verloren. So wie es auch der Islam sieht. Schon allein, wenn wir Muslime uns konsequent an islamische Vorschriften halten würden, davon bin ich überzeugt, würden mindestens die Hälfte aller heutigen Scheidungen nicht stattfinden! Aber wenn es dennoch leider zur Scheidung gekommen ist, sollte man keine Vorurteile der Ehefrau gegenüber haben. Es ist unfair zu behaupten, dass die Ehe gescheitert ist, weil diese Frau unfähig war, aus einem "schlechten" Mann einen Vorzeige-Ehemann zu zaubern! Gibt es eine differenzierte Sichtweise auf allein erziehende muslimische Mütter bei Muslimen im Gegensatz zu den anderen Religionsangehörigen oder Nationalitäten ? Ja, eine Deutsche oder ein Deutscher zum Beispiel würde nicht von vorneherein denken, dass die Frau am Scheitern der Beziehung schuld ist. Bei den Muslimen ist es oft andersherum. Man redet oft schlecht hinter ihrem Rücken. Man glaubt die Frau hätte sich nicht gut genug um ihren Mann gekümmert oder ihn schlecht behandelt und der Mann hat sich daher scheiden lassen. Wobei das häufig nicht stimmt. Ganz besonders gehässig sind sie, wenn man auch noch eine Frau ist, die auf ihr Äußeres achtet. Dann wird man schnell mal in eine Schublade gesteckt. Viele Frauen haben auch Angst, dass man sich an ihre Männer ranwagt, um aus Eifersucht oder Neid diese auseinander zu bringen. Woran man gar nicht denkt, da man selbst weiß, was es bedeutet, wenn eine Beziehung auseinander geht. Was würdest Du dir von den Muslimen wünschen? Einfach mal aufhören, die Leute vorzuverurteilen. Vor allem wird sehr häufig die Äußerung gemacht, dass die Frauen von heute nicht viel Geduld haben und sofort aufgeben. Kann sein, dass es bei einigen Personen zutrifft, aber dennoch sollte man es nicht gleich auf die gesamte heutige Generation beziehen! Wie sieht es mit den Männern aus? Gibt es da Schwierigkeiten? Es ist schwierig, sobald sie wissen, dass ich bereits verheiratet war und ein Kind habe. Ich denke, dass viele gar nicht wirklich bereit sind, sich auf jemanden einzulassen, der bereits schlechte Erfahrungen in der Ehe oder Partnerschaft gemacht hat. Das gilt für Frauen als auch für Männer. Man meint immer, dass Personen, die keine negativen Erlebnisse diesbezüglich hatten, eher in Frage kommen und interessant für einen sind, als zum Beispiel Geschiedene. Und ich glaube auch, dass sie Hemmungen haben vor den Reaktionen der Familie. Vor allem wie sie selber mit einem fremden Kind zu recht kommen sollen. Auch gibt es meistens Schwierigkeiten, wenn der Mann seiner Familie mitteilt, dass er eine geschiedene Frau heiraten möchte. Manche gehen soweit, dass sie ihren Söhnen sogar den endgültigen Bruch schwören, sollten sie die Frau heiraten. Aber ich selbst habe Angst vor einer neuen Bindung. Momentan lebe ich ganz gut. Ich habe ein gutes Zuhause, ein Kind und einen guten Job. Ich bin zufrieden, dass ich diese schwierige Zeit endlich hinter mich habe und es geschafft habe, wieder ein gesundes Familienleben zu haben, auch wenn es mir im Herzen weh tut, dass unser Sohn ohne Vater oder Vaterersatz aufwächst. Aber wer weiß, wie es ist, wenn ich eine neue Ehe eingehe? Die Angst, wieder eine große Enttäuschung zu erleben, ist natürlich da, aber dennoch bin ich optimistisch, dass es auch noch vernünftige Brüder gibt, denen die Ehe genauso heilig ist, wie mir auch. Gibt es etwas, dass Du unseren Leserinnen gerne mitteilen würdest? Wenn man morgens erwacht und man merkt, man lebt ein Leben, was man eigentlich so nicht leben wollte, dann sollte man die Ärmel hochkrempeln und sich Ziele setzen. Man darf nicht aufgeben und sagen: „Das war´s, ich kann eh nichts ändern.“ Mit Allahs Hilfe sind wir im Stande jede negative Situation ins Positive umzuwandeln. Es ist ziemlich schade und sinnlos, sein Leben an sich vorbei ziehen zu lassen, ohne wirklich zu leben. +++ Den Text entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung der aktuellen Ausgabe des Magazins Gazelle. "Gazelle" versteht sich als multikulturelles Frauenmagazin und hat sich zum Ziel gesetzt, „spezifische Probleme, Bedürfnisse und Interessen der in der Bundesrepublik lebenden Migrantinnen und deutschen Bürgerinnen einzugehen und ihnen eine Plattform zum Austausch zu bieten, um somit einen Beitrag zum interkulturellen Verständnis und Zusammenleben zu leisten.“ Ein Porträt des Gazelle-Magazins erschien auf bereits auf jetzt.de.

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