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Foto: Catherina Hess

Er twittert seit einer Weile unter @foodoraboi  von seinen Erlebnissen als Essens-Lieferant. Bisweilen liest sich das wie Poesie, und immerhin mehr als 4000 Follower lieben ihn dafür. Ein Gespräch über miese Läden in München und das Warten bei Schnee und Regen vor den Restaurants, wenn sie wieder nicht reingelassen werden.

jetzt: Wie bist du beim Lieferdienst Foodora gelandet?

foodoraboi: Ich wusste nach meiner Ausbildung nicht recht, was ich machen soll. Da ich sowohl privat als auch beruflich viel herumgesessen bin, dachte ich, es wäre eine gute Gelegenheit, mich etwas zu bewegen und dabei Geld zu verdienen.

Warum führst du quasi Tagebuch auf deinem Twitter-Account: Was willst du der Welt mitteilen?

Auf die Idee bin ich gekommen als ein Freund von mir (@lowcard ist sein Twitter-Account, kauft sein Buch, Leute!) angefangen hat, auf Twitter über seine Arbeit zu schreiben. Er hat in einem Kiosk gearbeitet und in jedem Tweet einen Kunden beschrieben. Das fand ich lustig und teilweise regelrecht poetisch, also habe ich das auch gemacht.

Du bleibst meist humorvoll.

Ja, ich will einfach gute Laune verbreiten und nett und seriös sein. Es kann aber sein, dass sich das ändert. Meine Tweets sind in letzter Zeit etwas bösartiger geworden, vielleicht wird das irgendwann doch noch so eine Story: vom freundlichen Kurier zum Zyniker.

Wegen der Arbeitsbedingung?

Die Arbeit ist schon hart, aber auch nicht so hart, dass sie einen körperlich fertig macht. Ich bin selten richtig aus der Puste. Daher ist eigentlich alles okay: Außerdem hat man genug geistige Kapazität übrig, um seine Umgebung und die Menschen zu betrachten.

Wie läuft so eine Foodora-Bestellung aus Fahrersicht ab?

Wenn ein Kunde bestellt, bekommt das Restaurant eine Benachrichtigung und fängt im Optimalfall an, das Essen zuzubereiten. Gleichzeitig oder etwas später, wird die Bestellung einem Fahrer von uns zugewiesen, wir haben isolierte Transportboxen, und wir holen sie ab und fahren zum Kunden. Ich fahre wie die meisten mit dem Fahrrad, es gibt aber auch Fahrer, die ein Motorrad oder ein Auto verwenden. Es gibt Deadlines, wann man beim Restaurant und beim Kunden sein sollte. Die sind aber oft schwierig einzuhalten – allerdings drohen uns da jetzt in der Regel keine Konsequenzen. Ich entschuldige mich aber beim Kunden, wenn ich sehe, dass ich 20 Minuten hinter der Zeit liege. Dass jemand sein Essen zu einem bestimmten Termin will, habe ich noch nicht erlebt, es gibt die Option aber.

 

Wie sind die Restaurants zu euch: Stellen die ein Glas Rotwein hin und weisen euch für die Wartezeit einen Tisch zu?

Die meisten Restaurants sind okay. Aber mehr nicht. Selten passiert es mal, dass man etwas zu trinken ausgegeben bekommt. Einige sind allerdings auch sehr unfreundlich oder unseriös. Sie kennen zum Beispiel ihre Liefernummer nicht. Das ist eine Nummer, mit der eine Lieferung identifiziert werden kann, damit man auch das Richtige abholt. Einige wollen auch nicht, dass wir das Restaurant betreten. Dann heißt es: draußen warten und zwar bei jedem Wetter.

 

Warum ist das so?

Einem Lieferservice lastet schon der Ruf von schlechterer Essenqualität an, denke ich. Die Befürchtung ist wohl, dass dieser Ruf abfärbt, wenn man die Fahrer im Restaurant sieht. Außerdem steht man eventuell auch im Weg, gerade bei kleinen engen Locations.

 

Die Restaurants wollen euch nicht, wegen der Gäste?

Das ist oft so, ja.

 

Wie viel verdient ihr eigentlich?

In München verdient man 10 Euro die Stunde. Mit Trinkgeld sind es etwa 12. Anders als die Fahrer von Deliveroo sind wir Angestellte. Einen Fahrradschlauch bekommt man schon mal "spendiert". Ansonsten müssen wir Reparatur und Verschleiß selber zahlen. Gleiches gilt für Telefonkosten oder ein kaputtes Telefon.

 

Wie wichtig ist Trinkgeld?

Obwohl es nur einen kleinen Teil des Gesamtlohns ausmacht, finde ich es viel schöner, nach Schichtende einen Döner oder ein Bier mit Trinkgeld zu bezahlen als mit regulärem Lohn. Es heißt ja schließlich auch Trinkgeld.

 

Sieht man den Leuten an, wer wenig Trinkgeld gibt?

Den Leuten selbst eher nicht. Aber am Wohnort kann man sehen, wer reich ist. Reiche Leute geben deutlich seltener Trinkgeld. Es gibt aber auch schöne Momente – denn wir haben zwei Sorten von typischen Kunden: Einmal der eher zurückhaltende Single, der Ruhe vor der Welt haben will. Und die Familien, in denen vermutlich beide Elternteile berufstätig sind. Da steht oft ein hungriges Kind an der Tür, das strahlt, wenn das Essen ankommt. Das ist immer nett.

 

Warum geben Reiche weniger Trinkgeld?

Schwer zu sagen. Vielleicht denken sie: Ich zahle schon so viel Steuern, ich schulde der Welt gar nichts mehr.

 

Hat Dir schon mal jemand nackt aufgemacht - oder voll auf Crystal?

Nein. Das passiert vielleicht in Berlin. München ist zu bieder.

 

Welches Essen liegt gerade im Trend?

Eindeutig vietnamesisch. Oft Pho oder Curry. Italienisches Essen, besonders Pasta ist auch sehr beliebt.

 

Welches war das ekligste Essen, das Du je geliefert hast?

Es gibt Sushi-Läden, die richtige Baracken sind. Dort isst fast niemand, sondern sie verdienen ihr Geld, weil sie mit allen Lieferdiensten, die es gibt, zusammenarbeiten. Sie packen alles, was sie fertig gekocht haben, in eine riesige Isolierbox, es steht und liegt ewig. Mir tut jeder leid, der dort bestellt. Ich will jetzt aber keine Namen nennen.

 

Liefern auch richtig edle Läden, gar Sterne-Restaurants mit Hummer und so?

Ich glaube Michelin-Sterne sind keine dabei, aber einige Restaurants sind durchaus teuer. Gehobene Steakhäuser oder Italiener. Hummer habe ich allerdings noch nie geliefert.

 

Was war das leckerste Essen, das du je geliefert hast?

Ich habe durch die Arbeit schon einige gute Restaurants entdeckt, bei denen ich dann privat essen war. Ein guter Thailänder ist dabei, der immer mit frischen Zutaten kocht, den mag ich sehr gerne. Ich verrate natürlich auch hier keine Namen, aber er ist sehr beliebt und hat mehrere Filialen in der Stadt. Da hat der Job dann seine Vorteile.

 

Was sind die lustigsten Orte, an die du geliefert hast?

Einmal habe ich einem Studenten die Pasta in die Mensa geliefert. Das war interessant. Oder ich hatte eine Schülerin, die ihren Salat vor die Schule bestellt hat. Nicht zu vergessen Ärzte, die im Krankenhaus arbeiten. Ich sage nur: Es ist nicht einfach in einem so riesigen Gebäudekomplex das Blutdepot zu finden.

 

Kriegt ihr an Feiertagen und Wochenenden eigentlich mehr? Und was wünscht du dir für die Touren selbst?

Die meisten Schichten sind von 11.30 bis 14 Uhr, dann wieder von 17.30 bis 21.30 Uhr. Wir bekommen an Feiertagen und am Wochenende nicht mehr Lohn, nur oft mehr Trinkgeld. Und über zwei, drei Euro freuen sich die Fahrer wirklich sehr.

 

 

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