Interview: Was steht eigentlich im Kampf der Kulturen?

Seit die Proteste gegen die Mohammed-Karrikaturen begonnen haben, ist ohne Unterlass vom "Kampf der Kulturen" die Rede. In den seltensten Fällen wird dieser Ausdruck dabei noch in Frage gestellt, geschweige denn erklärt, woher er stammt und was sich dahinter verbirgt. Ein Gespräch mit dem Münchner Politikwissenschaftler Dr. Mir A. Ferdowsi.
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Illustration: Julia Schubert

Der Begriff und das dahinter stehende Szenario wurden von dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington entworfen, der 1996 das Buch „The Clash of Civilizations“, in der deutschen Übersetzung „Kampf der Kulturen“, veröffentlicht hat. Ein Buch, das viel Aufsehen erregt, aber auch sehr viel Kritik nach sich gezogen hat. Wir sprachen mit Dr. Mir A. Ferdowsi, Politikwissenschaftler an der Universität München mit den Schwerpunkten Naher und Mittleren Osten sowie Friedens- und Konfliktforschung, über das Buch.

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Illustration: Julia Schubert

Mir A. Ferdowsi Was genau steht im "Kampf der Kulturen"? Das Buch basiert auf einem Artikel, den Huntington 1993 – also relativ kurz nach Ende des Ost-West-Konflikts - in der Zeitschrift "Foreign Affairs" veröffentlicht hat. Damals war der Titel „Clash of Civilizations“ noch mit einem Fragezeichen versehen. Bei der deutschen Übersetzung fehlt nicht nur das Fragezeichen, sondern auch die Bezeichnung „Kampf der Kulturen“ ist etwas unscharf, da „Clash“ Zusammenprall und nicht Kampf bedeutet. Seine Thesen waren ein Gegenentwurf zu der euphorischen Hoffnung von damals, das Ende der Blockkonfrontation und der Zerfall der Sowjetunion hätten automatisch die weltweite Verbreitung von Demokratie, Marktwirtschaft und Frieden zur Folge. Huntington plädierte dagegen dafür, das Paradigma vom Kalten Krieg zur Erklärung internationaler Beziehungen durch ein neues, das Zivilisations-Paradigma, abzulösen. Was heißt das, das Zivilisations-Paradigma? Er vertritt die These, dass Nationalstaaten zwar die mächtigsten Akteure auf dem Globus bleiben, die grundsätzlichen Auseinandersetzungen der Weltpolitik aber zwischen Nationen und Gruppierungen aus unterschiedlichen Kulturen auftreten werden. Dementsprechend schlug er vor, Staaten nicht mehr nach ihrer politischen oder ökonomischen Struktur oder ihrer wirtschaftlichen Entwicklungsstufe zu klassifizieren, sondern aufgrund ihrer kulturellen und zivilisatorischen Stellung einzuordnen. Die künftige Welt werde demnach hauptsächlich von sieben oder acht großen Kulturen geprägt werden. Dazu zählte er die westliche, die konfuzianische, die japanische, die islamische, die hinduistische, die slawisch-orthodoxe, die lateinamerikanische und möglicherweise die afrikanische Kultur. Für ihn hat „der samtene Vorhang der Kulturen den Eisernen Vorhang der Ideologien abgelöst als bedeutsamste Scheidelinie in Europa“. Welche Szenarien beschreibt Huntington in dem Buch? Der Westen ist zwar derzeit der „kulturelle Hegemon“, aber zum ersten Mal in der Geschichte nicht alleiniger weltpolitischer Akteur. Denn die sinisch-konfuzianische und islamische Zivilisation wachsen und expandieren. Gründe hierfür sieht er im rasanten Wirtschaftswachstum in Asien und der Bevölkerungsexplosion in der islamischen Welt. Letztere geht nach seiner Ansicht oft mit Destabilisierung, Radikalisierung und Fundamentalisierung einher. Die universalistischen Ansprüche des Westen drohen ihn in Konflikt mit anderen Kulturkreisen zu bringen, besonders mit der islamischen Welt, deren Militanz nach Huntington nicht nur seit über 1300 Jahren die westliche von der islamischen Welt trennt, sondern deren jahrhundertlange militärische Auseinandersetzungen kaum nachlassen, sondern sich noch verstärken werden. Damit unterstellt er dem Islam per se einen gewalttätigen Charakter.

Samuel P. Huntington Ist die Entwicklung, die zum „Kampf der Kulturen“ führt, unabwendbar? Um einen „Zusammenprall“ zu vermeiden, empfiehlt Huntington den USA, sich vor allem voll und ganz zu ihrer Zugehörigkeit zum Westen zu bekennen. Er fordert deshalb einen engeren Schulterschluss mit der europäischen Union und sich von jeglichen multikulturellen Bestrebungen abzuwenden. Darüber hinaus warnt er den Westen, die westlichen Werte als universell zu verstehen. Für Huntington sind die westlichen Werte einmalig. Sie anderen aufzudrängen sei zwecklos. Der Westen sollte lieber seine technologische und wissenschaftliche Überlegenheit gegenüber anderen Kulturen weiter ausbauen, aber bei all dem ein friedliches Verhältnis zu anderen Kulturen anstreben. Das könnte man erreichen, wenn man sich nach drei Prinzipien richtet, die Huntington am Ende des Buchs beschreibt: 1. Kein Staat sollte sich in Konflikte innerhalb eines anderen Kulturkreises einmischen, da dies nur zu Hass, Missgunst und bösem Blut führt. 2. Man sollte Wege finden, die intrakulturellen Konflikte auf friedlichem Wege beizulegen. 3. Als Basis für die interkulturelle Verständigung sollte man einen Wertekanon definieren, der allen Kulturen gemeinsam ist. Schon damals waren seine Thesen umstritten. Was waren die Hauptkritikpunkte? Obwohl Kulturen im Mittelpunkt stehen, erfährt man über sie fast nichts, vor allem nicht über den Islam. Das ist umso merkwürdiger, als er nicht islamischen Fundamentalismus zum Problem erklärt, sondern den Islam selbst, weil dieser angeblich, verglichen mit allen übrigen, eine ganz andere Kultur darstellt. Problematisch ist auch, dass bei ihm die Kulturen nicht wandlungsfähig und veränderbar sind. Darüber hinaus wird sein Black Box-Denken der Realität nicht gerecht: es ist schwer Marokko, die Golfstaaten, Afghanistan, Indonesien, Sudan und Nigeria „in einen Topf zu werfen“ und ernsthaft zu glauben, dass ihre Interessen aus der gemeinsamen Religion bestimmt werden. Schwierig ist auch, wie er die Kulturkreise definiert. Während der Islam, Indien und Japan über Religionen definiert werden, betont er beim Westen die „Zivilisation“. Noch problematischer wird es bei Lateinamerika, das obwohl katholisch, nicht zum Westen gezählt wird. Und in Afrika gibt es keine einheitliche Religion. Kritisiert wurden auch seine Beispiele, etwa, was die Ursachen des jugoslawischen Bürgerkrieges angeht. Eine nüchterne Analyse zeigt, dass in Jugoslawien keine Kultur- oder Konfessionskriege tobten, sondern es sich um den Zerfall von Vielvölkerstaaten als Ergebnis tiefgreifender ökonomischer und politischer Krisen handelte. Wie würden Sie die Thesen heute beurteilen? Ebenso negativ und problembeladen wie zur Zeit seines Erscheinens. Aber kann sein Buch heutige Entwicklungen erklären? Oberflächlich betrachtet: ja. Aber wenn man sich genauer anschaut, was zu den Reaktionen in einigen islamischen Staaten führt, dann nein. Denn die „organisierten“ Protestbewegungen zeigen, dass sie dort besonders stark sind, wo die Regime oder bestimmte politische Kräfte mit den Europäern im Konflikt liegen: zum Beispiel in Syrien wegen der Verwicklung in den Bombenanschlag auf den libanesischen Politiker Hariri oder in Iran wegen des Konflikts um seine Atomforschungszentren. Auch die Gruppierungen, die die westliche Präsenz in mehreren Krisengebiete des Mittleren Ostens (Irak, Afghanistan) ablehnen, nutzen den Streit um die Karikaturen für Proteste. Es ist allerdings zu befürchten, dass durch die Ausblendung dieser Tatsachen und oftmals mangelnde differenzierende Berichterstattung tatsächlich jener „Kampf der Kulturen“ herbeigeredet wird, den Huntington mit seiner Studie, trotz der angesprochenen Unzulänglichkeiten, ja eigentlich verhindern wollte. Mehr zum Thema: Im Ressort „Kultur“ gibt es gesammelte Antworten auf die Frage Was darf Satire?, außerdem im Ressort Macht ein Porträt des Königreichs Dänemark

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