Interview: Wovon lebst du eigentlich, Nagel?!

Job, Geld, Leben - nichts ist mehr sicher. Für Kulturschaffende haben sich in den letzten Jahren die Lebens- und Arbeitsbedingungen verschärft. Welche Kompromisse Künstler, Musiker, Autoren, Designer und Modemacher eingehen müssen und wollen, damit Miete, soziale Absicherung und alltägliche Ausgaben gedeckt sind, dazu haben die Autoren Jörn Morisse und Rasmus Engler 20 kreativ Tätige interviewt. In ihrem gerade erschienenen Buch "Wovon lebst du eigentlich?" sprechen Kulturschaffende über ihre Strategien, sich jenseits von Festanstellung und Hartz IV mit wenig Geld über Wasser zu halten. Im folgenden Auszug aus dem Buch spricht der Musiker und Autor Nagel, Mitbegründer der Band Muff Potter, über Nebenjobs, Kreativität und die GEMA.
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Nagel, 1976 in Rheine geboren, ist Texter, Gitarrist und Sänger der Rockband Muff Potter, die 1993 gegründet wurde und bislang sieben Alben veröffentlichte. Zuletzt erschien "Steady Fremdkörper" im Mai 2007 auf Vertigo/Universal und erreichte Platz 40 der deutschen Album-Charts. Im selben Jahr kam Nagels erster Roman "Wo die wilden Maden graben" im Ventil Verlag heraus.

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Illustration: Julia Schubert

Nagel bei der Arbeit. Bild: Mark Schmidt Du hast mal gesagt, Musik ist deine Profession, nicht dein Beruf. Was hast du damit gemeint? Es fällt mir schwer, dieses Musiker-Dasein als Beruf zu sehen, weil ich es schon so lange mache, und der Gedanke, damit Geld zu verdienen, war bis vor Kurzem noch völlig undenkbar. Ich habe erst im Sommer 2005 meinen Nebenjob gekündigt, weil klar war, dass ich die nächsten Monate mit der damals neuen Platte "Von Wegen" beschäftigt sein werde und dann auch gar keine Zeit für einen Nebenjob habe. In der Zeit haben wir dann auch einen Plattenvertrag bei Universal unterschrieben und einen Vorschuss bekommen, von dem ich wusste, dass man erst einmal eine Weile damit auskommt. Finanziell ging es mir nie so gut wie jetzt. Was heißt eine Weile? Ich habe mir damals, als ich meinen Idiotenjob als Lakai bei einem juristischen Verlag gekündigt habe, schon ausgemalt, wenn es total gut läuft, dann brauch ich dieses Jahr keine Hiwi-Arbeiten mehr machen, weil wir sowieso die ganze Zeit auf Tour sein werden und nach der Tour vielleicht auch wieder eine bisschen Geld übrig bleibt, dass ich auf jeden Fall bis zum Jahresende damit auskomme. Und seitdem habe ich mir keinen neuen Job suchen müssen. Was schon mal total super ist. Das ist besser, als ich erwartet habe. Natürlich bin ich jetzt auch völlig raus, ich möchte nie wieder so einen beschissenen Hotline-Job machen oder was ich halt gemacht habe. Das heißt, im Moment ist es dir möglich, dich mit deiner Musik und deiner schöngeistigen Literatur ganz komfortabel über Wasser zu halten. Genau, das greift gerade so ineinander. Während des ganzen Jahres 2006 habe ich an dem Buch "Wo die wilden Maden graben" geschrieben. Bei Buchveröffentlichungen kommen jetzt auch keine Unsummen rum, aber es ist trotzdem Geld, mit dem ich erst mal gar nicht so gerechnet hatte, was jetzt einfach so on top ist. Wie schlüsselt sich dein Einkommen auf? Verdienst du pro verkaufter Platte? Theoretisch ja, aber praktisch verdient natürlich kaum noch jemand etwas an Plattenverkäufen. Höchstens insofern, dass man vielleicht eine Plattenfirma hat, die einen Vorschuss zahlt, wie bei uns. Aber davon zahlt man natürlich auch all seine Kosten, Studiomiete und so weiter und guckt, dass noch was übrig bleibt. Man hat also einen Vorschuss bekommen, ich schätze, eine fünfstellige Summe. Aber man verdient als Band ja auch noch, wenn man auf Tour geht. Und wie viel Geld bekommt man eigentlich von der GEMA? Durch den Rückgang der Plattenverkäufe sind Gagen die größte Einkommensquelle für jede Band. Und es gibt praktisch keine andere Möglichkeit, um Geld reinzukriegen, als auf Tour zu gehen. Dann kommt natürlich Merchandise dazu. GEMA wird auch interessanter, je mehr Konzerte man spielt und je mehr man im Radio und Fernsehen stattfindet. Jeder Laden in Deutschland, der Musik spielt, zahlt im Prinzip eine Gebühr an die GEMA. Die GEMA darf keinen Gewinn erwirtschaften, sondern schüttet die Einnahmen nach einem bestimmten Schlüssel, den kaum jemand genau nachvollziehen kann, prozentual wieder aus. Das heißt eigentlich: Für jede kleine Band, die nicht in die GEMA geht, kriegt Robbie Williams noch ein bisschen mehr. Kann man sich das so vorstellen, dass es für eure Band einmal im Jahr einen warmen Geldregen von der GEMA gibt? Bisher war das immer so taschengeldmäßig, aber jetzt haben wir zum ersten Mal auch mal ein bisschen mehr bekommen, wahrscheinlich immer noch ein Betrag, für den uns andere Bands in Deutschland belächeln würden. Was bei der GEMA nervt, aber gleichzeitig auch schön ist, du weißt halt nie genau, wieviel es ist, deswegen plan' ich überhaupt nicht mit dem Betrag. Es kommt dann immer einigermaßen unerwartet, auf einmal ist wieder ein bisschen Geld auf dem Konto, und dann freut man sich. Hast du schon mal was auf ebBay verkauft, um dich zeitweise über Wasser zu halten? Ja, ich habe Platten verkauft, meine Star-Wars-Actionfiguren und sogar gezielt mal Sachen gekauft, um sie wieder zu verkaufen, zum Beispiel limitierte Auflagen spezieller Vinylsingles, von denen ich mir dachte, dass sie sicher bald sehr wertvoll sein würden. Ich habe mich da latent schlecht gefühlt. Immerhin habe ich es mir verkneifen können, Muff-Potter-Artikel bei eBay zu verscherbeln, obwohl es auch da ein paar Raris gibt, aber das ist wirklich das Uncoolste, was man machen kann. Was motiviert dich? Rastlosigkeit ist natürlich mein Motor, die Kraft, aus der sich das meiste speist, was ich kreativ überhaupt anzubieten habe. Es gibt nichts Berauschenderes, als mit dem Fahrrad zum Proberaum zu fahren, und man weiß, man macht gleich ein Lied weiter, das man gestern angefangen hat und nur bis zum ersten Refrain gekommen ist. Man hat die ganze Nacht, weil einem das nicht aus dem Kopf gegangen ist, mit seiner Gitarre auf der Bettkante gesessen und nach einem passenden Refrain gesucht, und auf einmal hatte man diese Idee. Und diese Idee, die kennt noch kein Mensch auf der ganzen Welt, nicht mal die anderen Leute in der Band. Die gibt's nur in meinem Kopf, und die Vorfreude, den Song gleich vollenden zu können, ist schon was Besonderes. Du wärst jetzt nicht am liebsten verheirateter Familienvater, oder? Ach, Beziehungen werden total überbewertet. Ist natürlich super, wenn Leute sich lieben und zusammenbleiben, aber alles danach auszurichten, ist völlig überbewertet. Ist ja auch oft genug das Gegenteil von der Fahrkarte ins Glück. Was mir manchmal fehlt, ist dieses Zu-viert-ins-Auto-steigen-und-was-kostet-die Welt-Gefühl als Band. Die ganze Zeit gibt es einen Apparat, Plattenfirma Management, Crew, der einen umgibt. Und früher hat es einfach gereicht, zu viert im Auto zu sitzen, strotzend vor Selbstbewusstsein, scheißegal, das ist alles nur unsere Angelegenheit. Kompromisslos. Auch keine Verantwortung zu haben, die Crew, den Bus noch zu bezahlen, sondern Hauptsache, das Konzert ist gut. ---

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Illustration: Julia Schubert

Dieses gekürzte Interview entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch „Wovon lebst du eigentlich? – Vom Überleben in prekären Zeiten“, herausgegeben von Jörn Morisse und Rasmus Engler. © 2007 Piper Verlag GmbH, München, ISBN 978-3-492-25065-8

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