Jan Delay über HipHop und Freestyle

armin-wolf hatte die Gelegenheit vor Jan Delay zu rappen (hier kannst du dir seinen Freestyle anschauen). Er selber fands nicht so gut, was aber sagt Jan Delay dazu. Ein Interview.
michael-moorstedt

Jan, was hältst Du denn nun von Armins Freestylekünsten? Er bewegt sich im soliden Mittelfeld. Ich habe auf jeden Fall schon mal Leute gehört, die besser waren aber auch auf jeden Fall solche, die sehr viel schlechter waren. Armin meinte gerade, er sei gestresst von seinem „wacken Rap“, wie viel Bedeutung hat der Text im eigentlichen Sinn? Beim letzten Stück hat er ja eine Menge Unsinn erzählt. Aber das macht einen Freestyle aus, egal ob er nun gut oder schlecht ist. Man muss einfach extrem schnell Zeilen im Kopf bilden. Da kommt es schon mal vor, dass man Unsinn erzählt.

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Illustration: Julia Schubert

Der Rapper als Lehrer: Jan Delay hier selber auf der Bühne, Foto: ap Das erste Stück hat ja in gewisser Weise doch Sinn ergeben. Wie wichtig ist das für einen guten Freestyle? Das darfst du mich nicht fragen, sondern die Freestyle-Rapper. Ich habe damit ja vor 15 Jahren aufgehört. Wenn man das ernsthaft betreiben will, muss man das jeden Tag machen. Sobald du Pause machst, bist du sofort aus dem Training. Weshalb hast du denn damit aufgehört? Ich wollte einfach richtige Songs schreiben und hatte nicht mehr die Zeit und die Energie, jeden Tag durch Gegend zu freestylen. Wenn man sich richtig damit beschäftigt und richtig darin aufgeht dann verliert man auch die Fähigkeit, Songs zu schreiben. Man kann sagen: Gute Freestyler schreiben schlechte Songs. Richtig gute Freestyler - wie Samy Deluxe oder David P - haben jeden Tag gefreestylt. Von Sam weiß ich, dass er über zwei Jahre jeden Tag von morgens bis abends nichts anderes gemacht hat. Danach war er der Beste. Aber die beiden schreiben ja auch „echte“ Songs. Sam hat ja auch wieder damit aufgehört. Aber wenn man das so extrem betrieben hat, und so viele Wettbewerbe gewonnen hat wie die beiden, fällt es auch leichter für längere Zeit Pause zu machen und danach immer noch einen guten Freestyle zu kicken. Ist das ein logischer Karriereschritt, vom Freestyle zum Lieder schreiben? Definitiv, das ist einfach die billigste und einfachste Art sich selbst zu trainieren und gleichzeitig einen gewissen Namen zu bekommen. Aber irgendwann steigt dann auch der eigene Anspruch. Das geht mir mit meinen Alben auch so: Ich mag keine Platten doppelt machen. Du hast ja in der Szene eine gewisse Deutungshoheit über den deutschen HipHop? Was denkst du über die aktuelle Lage? Ja, es gibt ihn immer noch. Wie wäre es denn mit einer etwas profunderen Analyse? Ich finde es sehr gut, was gerade passiert. Es ist nicht so, dass ich mir jeden Tag in der Küche die aktuellen Platten anhöre, aber weil ich selber meine Wurzeln im HipHop habe, freue ich mich, dass die Szene unabhängig bleibt und die Indie-Labels viele Platten verkaufen. Momentan gibt es aber auch einige Leute, die bei Major Labels unter Vertrag genommen wurden. Ja, aber die verkaufen eben keine Platten. Der einzige, der auf Major Erfolg hat, ist Bushido, alles andere ist Indie. Gibt es immer noch den Authentizitätsbonus für Indie-Labels? Nein, das liegt einfach daran, dass die Majors nicht peilen, was geht, und vor einigen Jahren dachten, Rap ist tot. Die Macher der kleineren Labels, wie beispielsweise AggroBerlin wussten, dass das nicht der Fall ist, und haben sich in Ruhe aufbauen können, und gute Künstler unter Vertrag genommen. Dann hatten sie auch Erfolg. Nach Jahren hat das die Industrie wieder gemerkt und versucht jetzt krampfhaft, irgendwelche Halbgangster zu signen, um auch noch was vom Kuchen abzukriegen. Aber die Leute merken halt, dass das nicht der richtige Shit ist. Die meisten Künstler, die bei AggroBerlin unter Vertrag stehen, verbreiten eine sehr krude Message. Kann man diesen Erfolg überhaupt gutheißen? Wie gesagt, das ist nicht die Musik, die ich mir selbst anhöre. Aber es verwundert mich doch, wenn die Leute damit nicht klar kommen. Als ich mit HipHop angefangen habe und amerikanischen Rap gehört habe, wurde das auch schon erzählt. Die ganze Empörung liegt doch nur daran, dass die Texte jetzt auf Deutsch gerappt werden. Kool Herc oder NWA haben schon vor zwanzig Jahren geschrieben, dass sie deine Mutter ficken.

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