Jedes Tier sind wir. Tele im Interview

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Beim Durchhören der neuen Platte ist mir ein Hang zu mehr Direktheit aufgefallen, während eure Texte früher offener für bestimmte Interpretationsansätze waren. Absicht oder Zufall? Francesco: Das war kein bewusster Prozess. Ich selbst mag das Spiel mit deutlichen Bildern genauso sehr wie mit Unklarheit. Jörg: Ich finde es insofern spannend, als das wir eigentlich immer erst in Interviews damit anfangen, unser Zeug zu interpretieren. Zudem findet das Schreiben der Texte im Gegensatz zur Musik sehr viel zurückgezogener statt. Ich habe heute auch zum ersten Mal gehört, warum unsere Platte eigentlich so heißt wie sie heißt.

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Illustration: Julia Schubert

Ist das dein Ernst? Jörg: Sagen wir so: Ich fand die Interpretation im vorherigen Gespräch sehr schön. Aber für das nächste Interview lassen wir uns wieder etwas Neues einfallen. Solche Unterredungen mit Journalisten sind deshalb immer ganz schön, weil man dazu gezwungen wird, sich mit seinem eigenen Kram vor der Veröffentlichung noch einmal intensiv auseinanderzusetzen. Stefan: Manche Songs sind ja auch schon ein oder zwei Jahre alt. Als Band entwickelt man sich aber ständig weiter. Und wenn man dann zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach ein und demselben Song gefragt wird, erzählen wir auch gerne mal komplett unterschiedliche Dinge auf ein und dieselbe Frage. Das ist aber nicht unbedingt schlecht, denn sonst stände in jedem Interview mit euch dasselbe drin. Francesco: Eben, dazu kenne ich auch eine kurze Geschichte: Der Mathias Hielscher von Virginia Jetzt! hat früher mal ein Fanzine gemacht und ein vierstündiges Interview mit Jochen Diestelmeyer von Blumfeld geführt. Danach war er total platt und hatte den Eindruck, er hätte mit ihm gerade komplett neue Welten erkundet. Eine Woche später hat er dann in einer anderen Zeitschrift genau denselben Wortlaut gelesen, war richtig sauer und dachte sich: Was für ein Arsch! (lacht) Es ist aber klar, dass bestimmte Fragen gestellt werden müssen und dann identische Antworten nicht ausbleiben. Deshalb würde ich schon gerne noch wissen, welches nun dieser großartige Interpretationsansatz für den Plattentitel gewesen ist, von dem ihr gerade gesprochen habt. Francesco: Für mich hängt die Latte jetzt zu hoch. Lies es doch einfach nach bei…Mist, für welches Magazin war das Interview davor doch gleich? (lacht) Es ging vor allem um die Allgemeinheit des Titels, dass man damit eben jeden anspricht. Gleichzeitig funktioniert er aber auch wie ein Spiegel, weil wir uns eben auch stilistisch nicht nur in einer Musikrichtung bewegen. Das ist keine Platte nur für Turnschuh-Träger oder Verliebte, sondern für jeden. Das ist ein Album für jedes Tier. Eure Musik wird oft als „Referenzpop“ beschrieben. Was haltet ihr von diesem Begriff? Francesco: Mir ist das zu vage. Ich will eine Rock- oder Pop-Band sehen, die nicht in irgendeiner Art und Weise eine Referenzband ist. Jeder Musiker hat Vorlieben, Vorbilder oder Idole, an deren Schaffen man sich bis zu einem gewissen Grad orientiert. Bei uns sind diese Vorlieben aber sehr breit gestreut, was dazu führt, dass unsere Referenzen sehr vielseitig sind. Aber gerade deshalb ist es komisch, dass euch diese Zuschreibung anhaftet, weil man die einzelne Referenz aus eurem breiten Spektrum gar nicht mehr großartig heraushört. Francesco: Stimmt, aber für uns ist das genauso nervig wie bereichernd. Als wir unsere erste Platte rausgebracht haben, wurden wir beispielsweise mit Bands wie Prefab Sprout und 10cc verglichen, die ich bis dato gar nicht kannte. Die habe ich mir daraufhin angehört und fand die ganz cool. Die Referenz entsteht also erst rückwirkend im zweiten Schritt? Francesco: Man muss ja nicht zwangsläufig davon wissen. Als in Europa das Porzellan erfunden wurde, wussten die ja auch nicht, dass es das in Asien bereits gab. Die neue Single: Die Nacht ist jung
Euch wird außerdem nachgesagt, mit eurer Musik sehr stark zu polarisieren, weil ihr auf der einen Seite diesen Indie-Background habt, auf der anderen Seite jedoch mit einem nicht von der Hand zu weisenden Pop-Appeal aufwartet. Wie nehmt ihr das wahr? Stefan: Manchmal nimmt das Ganze schon sehr merkwürdige Formen an. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass uns ein Journalist eigentlich ganz gut fand, aber von uns ein offizielles Bekenntnis hören wollte, dass wir uns deutlich auf der guten Seite der Indies positionieren und mit der bösen Major-Welt aus Pop, Synthies und Streichern in Wirklichkeit nichts zu tun haben. Aber der Konflikt, um den es da ging, das war seiner und nicht unserer. Wir haben uns seit jeher die Freiheit genommen, das zu tun, was wir für richtig halten. Dieser selbstkonstruierte Kampf zwischen gut und böse, Indie und Major, Rock und Pop – der existiert bei uns nicht. Jörg: Diese Meta-Ebenen haben ja auch rein gar nichts mit der Musik zu tun. Ich höre mir eine Band schließlich deshalb an, weil mir ihre Songs gefallen und nicht, weil sie bei einem Indie oder einem Major sind. Manche Leute bemessen Musik nach ganz merkwürdigen Parametern, die für mich absolut nicht nachvollziehbar sind. Der Refrain vom letzten Stück „Jedes Tier“ kommt auch im Opener vor. Ist das eine bewusste Rahmung gewesen? Das Zoogitter für die musikalischen Tierchen dazwischen? Francesco: Ursprünglich war das mal ein und derselbe Song. Der hat sich bei einer Neuaufnahme jedoch plötzlich so verändert, dass auf einmal ein ganz anderes Lied daraus geworden ist. Einzig und allein der Refrain in beiden Stücken ist geblieben. Und diese Klammer fanden wir ganz schön für die Platte. Wie ein Mantra, das am Schluss des Albums noch einmal wiederkehrt. Wenn man ganz konsequent gewesen wäre, hätte man diesen Refrain eigentlich für jeden Song auf der Platte benutzen müssen. Das machen wir dann vielleicht mal beim nächsten Album – jedes Stück mit anderen Strophen, aber immer mit demselben Refrain.

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Illustration: Julia Schubert

"Jedes Tier" von Tele erscheint Anfang Juni bei Tapete Records

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