Jetzt erst recht

Er gab Pussy Riot einen Sendeplatz und war unverhohlen regierungskritisch. Nun soll der russische Fernsehsender TV Rain eingestellt werden. Chefredakteur Michail Sigar hat uns im Interview erklärt, warum das den Sender nicht kleinkriegen kann.
jetzt-redaktion

TV Rain, auf Russisch "Doschd", war vier Jahre lang einer der wenigen kritischen Fernsehsender in Russland. Er übertrug die erste Pressekonferenz von Pussy Riot nach deren Freilassung und hat momentan einen Livestream zu den Protesten in der Ukraine eingerichtet, die momentan um die Abnabelung von Russland kämpfen. Das Thema findet sonst in den russischen Medien kaum statt. Nun haben die russischen Satelliten- und Kabelbetreiber angekündigt, den Sender zukünftig nicht mehr übertragen zu wollen. TV Rain wäre so nur noch im Internet empfangbar. Laut Guardian reduziert sich die Reichweite dadurch von 17 Millionen auf 500.000 Haushalte.  

Offizieller Grund für die Entscheidung ist eine Umfrage des Senders zur Schlacht von Leningrad. Anlässlich des 70. Jahrestages hatte TV Rain gefragt, ob die Sowjetunion die Stadt früher hätte aufgeben müssen, um hunderttausende Menschenleben zu retten. Zwar entfernte der Sender den Beitrag kurze Zeit später und entschuldigte sich, ein Putin-Sprecher verkündete trotzdem der Sender habe „alle Grenzen des Tolerierbaren überschritten“. Die Redaktion von TV Rain sieht dahinter einen Vorwand, die Regierung wolle sich so elegant des kritischen Senders entledigen.

Was genau ist TV Rain?  
Michail Sigar: Wir sind ein junger Sender, die meisten Mitarbeiter sind zwischen 20 und 30 Jahren alt. Es gibt uns seit vier Jahren, wir sind der einzige unabhängige Fernsehkanal Russlands und sehen uns deshalb auch als Spielplatz für mediale Unabhängigkeit. Zum Beispiel geben wir der russischen Opposition viel mehr Sendezeit als andere Sender. Wir haben auch viel über die Unregelmäßigkeiten bei Wahlen berichtet. Für die Wiederbelebung der russischen Zivilgesellschaft ist das wesentlich.  

Wie kommt es, dass Ihre Redaktion so jung ist?  
Die meisten Journalisten in Russland sind jung. Sie können besser mit sozialen Netzwerken umgehen und das Internet wird hier weniger überprüft, als beispielsweise das Fernsehen. Unsere Personalpolitk war es deshalb auch immer, keine Journalisten mit Fernseh-Background einzustellen.  

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Illustration: Julia Schubert

Sendeschluss. Mitarbeiter von TV Rain verlassen die Bühne nach einer Pressekonferenz zum Ende ihres Senders.

Ihr Produzent und Investor Alexander Winukorow sagte vor zwei Tagen auf einer Pressekonferenz, dass die Jugend wohl momentan die größte Schwäche von TV Rain sei. Durch die Debatte um die Leningradumfrage sei sie jetzt verunsichert , säße nur noch mit zitternden Händen vor den Tastaturen...  
Das hat er nicht gesagt.  

Doch.  
Dann hat er gescherzt. Niemand hat Angst hier. Wir verstehen, dass die russische Regierung Krieg gegen uns führt. Wir versuchen deshalb, die Leute maximal zu mobilisieren. Jeder in der Redaktion arbeitet genauso wie bisher. Niemand ist in Panik.  

Der Auslöser zur Blockade von TV Rain war ja eine Umfrage zur Blockade in Leningrad. Zur Unterstreichung eurer Entschuldigung haben sich Ihre Journalisten jetzt mit den Veteranen aus Leningrad getroffen und ausgesprochen. Entschuldigt. Wie lief das Treffen?  
Wir haben die drei größten Veteranen-Organisationen in St. Petersburg getroffen. Das war positiv. Sie unterstützen uns und wollen auch nicht, dass TV Rain geschlossen wird. Stattdessen haben sie das Gefühl, für diese Debatte instrumentalisiert zu werden. Viele haben uns zugesichert, Online-Kunden von TV Rain zu werden, damit wir weiterhin arbeiten können.  

Heute hat TV Rain dann berichtet, dass viele der Veteranen von der Regierung Blanko-Formulare zugeschickt bekommen hätten und bezahlt wurden, um gegen TV Rain Stimmung zu machen. Glauben Sie, dass sie so die Kabelgesellschaften wieder auf Ihre Seite bekommen?  
Ich bin mir sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Gesellschaften uns wieder anschalten.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Zeitpunkt der Kabelkündigung und den nun startenden olympischen Spielen in Sotschi?  
Nein, da sehe ich keinen direkten Zusammenhang.  

Was wird passieren, wenn TV Rain nicht wieder angeschaltet wird?  
Wir werden überleben. Ein anderes Szenario gibt es nicht.  

Nehmen wir mal an, Sie haben Recht. TV Rain rehabilitiert sich und macht aber so kritisch weiter, wie bisher. In zwei Wochen wird der Regierung dann doch wieder etwas nicht passen. Haben Sie keine Angst, dass sie diesen Kampf um die Pressefreiheit dann auf ewig weiterführen müssen?  
Ja, vielleicht. Aber wir haben keine andere Wahl.  

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Mitarbeiter sind Sie ein gestandener Journalist, haben Bücher über Gazprom geschrieben und aus Kriegsgebieten berichtet. Wie gehen ihre jüngeren Mitarbeiter mit dem Druck um?  
Ich kann nicht für jeden sprechen. Aber wir sind alle auf den Sender eingeschworen und wollen weiter für unsere Existenz kämpfen.      


Text: jetzt-redaktion - Text: Dmitrij Kapitelman / Bild: dpa

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