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Journalismus in Russland: "Dass wir gefährlich leben, wissen wir schon immer"

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Du bist in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen, dein Abitur hast du aber in Moskau gemacht. Was hat dich vor vier Jahren zurück nach Russland gezogen? Ich habe diesen wahnsinnigen Lebensrhythmus von Moskau gespürt, und da hat es mich gereizt, hier mit meinem Leben ganz von vorn anzufangen. Ich glaube, so eine Chance bekommt man nicht sehr oft im Leben. Außerdem wusste ich damals bereits, dass ich Politik und Journalismus studieren wollte, und in Moskau hatte ich die Möglichkeit, vier Jahre früher mit dem Studium anzufangen, als ich das in Deutschland gekonnt hätte.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Ermordet, weil sie als Journalistin arbeitet: Vor einem Jahr starb Anna Politkowskaja. Auf ihrem Begräbnis erwiesen ihr viele Russen die letzte Ehre. Bild: dpa Andererseits könntest du in Deutschland ein sehr viel sichereres Leben als Journalistin führen. Ja, aber wenn politischer Journalismus nicht so ein bisschen gefährlich wäre, dann würde ich mich wahrscheinlich gar nicht damit beschäftigen wollen. Vielleicht ist es genau das, was mich reizt. Ich stelle es mir ungemein langweilig vor, über Politik in einem Land zu schreiben, in dem es wirklich Pressefreiheit gibt, in dem man alle Informationen relativ leicht bekommen und über alle Themen problemlos berichten kann. Wie frei kannst du denn bei dem Radiosender „Stimme Russlands“, für dessen deutsche Redaktion du neben deinem Studium arbeitest, berichten? Nun, ich kann nicht alles sagen, was ich gerne sagen würde. Ich kann beispielsweise nichts über die Opposition bringen. Auch nichts über die Anti-Regierungsmärsche. Ich kann ein bisschen was darüber sagen, aber nur andeutungsweise und sehr vorsichtig. Eingeschüchtert habe ich mich aber nie gefühlt. Auch wenn es schon mal vorgekommen bin, dass ich Live-Sendungen nicht moderieren durfte, weil mich die Chefs als zu „revolutionär“ betrachten. Aber das fasse ich eher als Kompliment auf. Olga Kitowa, eine russische Journalistin aus Belgorod, die ein Jahr in Deutschland als Stipendiatin der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte verbrachte, sagt: In Russland gibt es keine Pressefreiheit. Wie siehst du das? Es kommt ein bisschen darauf an, was genau man unter Pressefreiheit versteht. Ich glaube, da muss man zwei Aspekte unterscheiden. Zum einen gibt es die Zensur, die der Staat ausübt, und zum anderen die „Schere im Kopf“ des Journalisten selbst. Ich glaube, letztere ist in Russland ausgeprägter als erstere. Obwohl ich natürlich nicht sagen kann, dass wir in Russland über alle politische Themen gleich viel schreiben können. Allerdings haben Zeitungen viel mehr Möglichkeiten, die Zensur zu umgehen, als beispielsweise das Fernsehen. Aber ich bin mir auch nicht sicher, dass es mit dem Fernsehen in anderen Ländern wirklich anders ist. Hast du denn das Gefühl, dass sich die Stimmung unter jungen russischen Journalisten durch den Mord an Anna Politkowskaja vor einem Jahr verändert hat? Ich glaube nicht, dass sie sich sehr verändert hat. Natürlich war es für sehr viele ein Schock. Aber Anna Politkowskaja ist ja nicht die einzige Journalistin in Russland, die ermordet wurde. Es gab immer mal wieder solche Fälle, bloß wurde darüber nicht so viel berichtet, weil die betroffenen Journalisten nicht so prominent waren. Dass wir gefährlich leben, wussten wir also schon immer.

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