Seit der Parteigründung vor zwei Jahren setzt sich der junge Parteienforscher David Bebnowski mit dem Phänomen AfD auseinander. Unter dem Titel „Wettbewerbspopulismus. Die Alternative für Deutschland und die Rolle der Ökonomen“ beantwortet er in einer Studie die Frage: Welche ideologische, politische und personelle Konstellation sorgte dafür, dass die AfD entstehen und sich etablieren konnte? Außerdem forscht Bebnowski am Göttinger Institut für Demokratieforschung zu politischem Engagement, Generationen und widmet sich dabei auch der nachwachsenden Generation in der AfD.

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David Bebnowski, Demokratieforscher an der Uni Göttingen
jetzt.de: Vergangenes Wochenende war der Parteitag der AfD in Bremen. Unter den Zuschauern waren auffällig viele junge Leute. Trotzdem gilt die AfD als Rentnerpartei. Was ist denn jetzt richtig?
David Bebnowski: Die AfD unterscheidet sich vom Durchschnittsalter der Mitglieder kaum von den Volksparteien. Ziemlich wahrscheinlich sind die Mitglieder sogar noch ein Stück älter. Als Besonderheit kommt bei der AfD allerdings hinzu, dass sie ihre Jugendorganisation offiziell nicht anerkennt. Die Junge Alternative (JA) darf also vorpreschen, ohne dass es die Gesamtpartei bei krassen Tabubrüchen zu sehr belastet. Das ist Strategie.

Die Junge Alternative gilt als noch rechter als die AfD. Sie fordert beispielsweise eine radikalere Auflösung der Europäischen Union. Warum ist das so?
Alle Jugendorganisationen von Parteien schießen tendenziell über das hinaus, was die offizielle Partei macht – das ist auch in der AfD so. Das zeigt aber auch, wo die Zukunft und das Potential der AfD liegen.

Und diese Positionen verfangen sich vor allem bei jungen Menschen?
Offenbar. Vielleicht finden es jüngere Leute auch normaler, an angeblichen politischen Tabus zu kratzen. Für die AfD ist das Fluch und Segen zugleich. Segen, weil man sieht, dass da Leute sind, die das noch weiter treiben könnten und Fluch, weil da teilweise auch wirklich Rechte dabei sind. Es ist teilweise schon sehr problematisch, was da in die Partei und die Landtage strömt.

Forderungen wie "zurück zur D-Mark" klingen von einer Jugendorganisation, bei denen viele die D-Mark kaum noch erlebt haben, kurios. Warum ist der Jungen Alternative das Thema wichtig?
Die Sache mit der D-Mark ist eine Position, die sonst nirgendwo in der deutschen Parteienlandschaft zu finden ist, weil sie stark provoziert und das ist es, was die JA will. Vor allem spielt sie da mit klaren Symbolen, die für ein vermeintlich gutes und funktionierendes Deutschland stehen – also ein vertrautes und unabhängiger, souverän wirkendes Deutschland. Das ist eine Forderung, mit der man ein rechtskonservatives Spektrum auch gut anspricht.

"Menschen abzuwerten ist gesellschaftsfähig geworden."

Friedrich, der Sohn von Parteigründer Bernd Lucke, hat mit sechs Kommilitonen an der Uni Freiburg eine Hochschulgruppe gegründet und wirbt um AfD-Mitglieder. Sind Studenten potentielle AfD-Mitglieder?
Momentan sind AfD-Hochschulgruppen noch die Ausnahme, aber das muss nicht so bleiben. Es ist ja längst nicht mehr so, dass die meisten Studenten eher links sind.

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Trotzdem bekommt Friedrich Lucke in Freiburg Gegenwind...
Na klar, ich kann mir schon denken, dass die AfD an der Hochschule noch sehr viel stärker bekämpft wird. Es ist ja doch auch ein Tabu. Das Interessante an der ganzen Sache ist aber, dass die AfD das gar nicht braucht, um junge Leute zu bekommen. Es deutet sehr viel darauf hin, dass aus den rechten Burschenschaftsmilieu jetzt schon viele junge Leute die AfD unterstützen. 

Man vermutet ja ersteinmal, dass sich in der AfD vor allem Studenten aus wirtschaftsorientierten Studiengängen engagieren. Ist das tatsächlich so?
Was man seit der Parteigründung sieht ist, dass jüngere Leute recht häufig aus der erwähnten Fachrichtung kommen. Es gibt aber auch die Philosophen, Geschichtswissenschaftler und andere Absolventen. Auch das deutet auf ein generelles Erstarken des Konservatismus über alle möglichen Fächer hin.

Heißt das, die Partei ist gesellschaftsfähig geworden?
Das wird sich zeigen. Ganz nüchtern könnte man sagen, es ist wünschenswert, wenn eine neue Partei eine Repräsentationslücke in Politik und Gesellschaft schließt. Das darf man auch wirklich nicht als irrational oder verrückt interpretieren, sondern so, dass es Gründe gibt dafür, dass man mit Europa, dem deutschen Parlamentarismus und den etablierten Parteien unzufrieden ist. Es ist allerdings schon ziemlich traurig, dass es mit der AfD ausgerechnet eine rechte Partei ist, der es gelingt, das zu artikulieren und nutzen. Denn es bedeutet dann, dass es zumindest gesellschaftsfähiger geworden ist, Menschen abzuwerten.

Text: lisa-bruessler - Bilder: oH / dpa