Jugend korrigiert: Paula Riester über Frieden, Politik und Claudia Roth.

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Derzeit wird viel von Grabenkämpfen und Zersplitterung bei den Grünen geschrieben. Wird die Diskussion um das Friedensengagement die Grünen und ihre Jugendorganisation schwächen? Für uns als Grüne Jugend habe ich nicht den Eindruck, dass wir geschwächt werden. Soweit ich in den letzten Tagen mitbekommen habe, sind viele Kreise sehr froh, dass wir uns als Grüne Jugend so stark einbringen. Wir arbeiten ja mittlerweile schon seit anderthalb Jahren mit dem Aktionsbündnis gegen die G8. Und was die Grünen angeht, haben einige Kreise sehr wohl negativ reagiert. Dazu muss man aber sagen, dass in letzter Zeit bei vielen Leuten generell eine ablehnende Haltung gegenüber der Partei entstanden ist. Meinst du innerhalb der Friedensbewegung? Genau. Trotzdem gibt es innerhalb des Protestspektrums auch noch viele Leute, die das Engagement der Grünen auch beim G8-Gipfel schätzen. Deswegen hoffe ich, dass diese ganze Diskussion auf einer breiteren Ebene nicht zu einer Aufspaltung führt. Als Grüne Jugend definiert man sich ja auch über die Mutterpartei. Tut es weh, wenn die eigene Partei in der Friedensbewegung so an Ansehen verliert? Ja, natürlich tut das manchmal weh. Einerseits trifft die Kritik oft zu und ist für uns auch wichtig. Wir versuchen dann als Grüne Jugend, dagegen zu steuern und den Leuten klar zu machen, dass auch innerhalb der Partei unterschiedliche Positionen bestehen. Deswegen versuchen wir bei solchen Themen dann auch sehr eigenständig und selbstständig zu sein und können dann ruhig auch mal selbstbewusst sagen: „Gut, das ist jetzt die Position unserer Mutterpartei, aber wir haben in manchen Dingen eine andere Position.“ Seht ihr euch als eine Art eigene Partei? So würde ich das nicht sagen. Bei allen Parteien ist die Politik mit den Jugendorganisationen nicht immer ganz einheitlich. Aber natürlich hat man gemeinsame Werte und Grundpositionen. Gerade bei uns hat die Grüne Jugend auch einige Positionen der Partei maßgeblich mit entwickelt. Bei den Jusos und der SPD sind die Unterschiede noch viel größer, würde ich sagen. Sind die Jungen eine Art Korrektiv, das die ursprünglichen Werte der Partei zu retten versucht? Ich würde nicht sagen, dass wir Korrekturen vornehmen, wir wissen ja auch nicht immer alles besser. Aber natürlich möchten wir der Öffentlichkeit auch zeigen, dass es innerhalb der Grünen eben ganz unterschiedliche Meinungen gibt und die Partei nicht immer dasselbe denkt, wie der Vorstand sagt. Die Grüne Bundestagsabgeordnete Franziska Eichstädt-Böhlig hat vor kurzem gesagt, dass die Grünen eben auch einsehen mussten, dass Abrüstung nicht besonders viel bringt. So eine Aussage drückt doch ein gewisses Maß an Desillusionierung aus. Werden junge engagierte Menschen denn da noch repräsentiert? Natürlich gibt es in der Partei viele Meinungen, die einem zum Teil nicht in den Kopf gehen. Gerade bei einer Äußerung wie der von Franziska Eichstädt-Bohlig fragt man sich schon, inwieweit die jetzt im Establishment angekommen ist. Natürlich hat eine Demonstration nicht dieselbe weltpolitische Wirkung wie eine Angela Merkel, die im Hinterzimmer mit George Bush verhandelt. Aber die meisten Menschen, die sich für Frieden engagieren wollen, haben eben nicht die Möglichkeit mit Politikern selbst zu verhandeln. Politische Bewegungen von oben und auf der Straße sind nach wie vor wichtig, und es ist schon sehr merkwürdig, das in Abrede zu stellen. Gerade als junger Mensch, der vielleicht noch nicht so viele frustrierende Erfahrungen im politischen Leben gemacht hat, fragt man sich dann schon, was das soll. Eure Parteichefin Claudia Roth gibt sich auch eher erwachsen-pragmatisch. Fühlt ihr euch als junge Grüne denn noch in der Partei aufgehoben? Doch, auf jeden Fall. Gerade Claudia Roth ist eine Frau, die auf junge Menschen eine besondere Anziehungskraft ausübt. Sie tritt immer sehr froh und optimistisch auf und verkörpert etwas ganz anderes als eine steife Politikerin. Frau Roth hat einen eigenen Demonstrationsaufruf der Grünen angekündigt. Unterschreibt ihr den dann auch? Nein. Wir haben den Aufruf des Aktionsbündnisses gegen G8 ja schon mitunterschrieben. Zum anderen werden wir schauen, dass wir als Grüne Jugend einen eigenen Mobilisierungsaufruf heraus geben.


Die Grünen haben in den letzten Jahren einige Resolutionen mitgetragen, die nicht gerade mit den Vorstellungen der Friedensbewegung übereinstimmen. Eigentlich passen die beiden im Moment gar nicht besonders gut zusammen. Wenn ihr euch als Grüne Jugend im Bereich Friedenspolitik versucht, anders zu positionieren – wie sieht diese Position dann aus? Also, man muss schon sagen, dass auch wir Kriegseinsätze nicht vollkommen ablehnen. Solange sie das letztmögliche Mittel sind und vor allem unter UN-Mandat geschehen. Generell fordern wir aber verstärkt politische Lösungen, Oppositionshilfe in bürgerkriegsgefährdeten Gebieten zum Beispiel. Auf diesem Gebiet passiert seit einigen Jahren praktisch nichts mehr. Im Gegensatz zu den Grünen haben sich ja gerade die linken Parteien ohne wenn und aber auf die Seite der Friedensbewegung und der Anti-Globalisierungsbewegung geschlagen. Habt ihr eigentlich Angst, dass die euch die Leute in dieser Szene abjagen? Denn die Jugendorganisationen werden – bei aller Eigenständigkeit – doch eher über die Parteien an sich definiert. Das stimmt. Leute treten einer Jugendorganisation oft auch bei, um zu der jeweiligen Partei zu kommen. Trotzdem glaube ich nicht, dass die Linken für die Leute als eine Alternative zu uns gelten. Denn die vereinfachen ja doch recht viel, echte Lösungsvorschläge kommen dabei nicht `rum. Oder auch die ökologischen Aspekte, die für viele bei den Grünen schon sehr wichtig sind, da haben die linken Parteien auch nicht viel Inhalt zu bieten. Trotzdem müssen wir natürlich nach außen zeigen, dass diese Themen bei uns nicht unumstritten sind. Und wir müssen es schaffen, dass innerhalb der Partei wirklich diskutiert wird. Werdet ihr denn überhaupt gehört? Ja, auf dem letzten Parteitag kam das ja auch zur Sprache. Und es ist dann nicht so, dass die Leute einen dann einfach ins Leere reden lassen. Also kein Graben zwischen Alt und Jung? Nein, das würde ich nicht sagen. Wir sind ja auch innerhalb der Grünen Jugend nicht alle einer Meinung. Es gibt Pazifisten und Leute, die unter Einschränkungen einen Militäreinsatz befürworten würden. Das hat mit dem Alter nichts zu tun. Gerade wenn man sich die Geschichte der Grünen ansieht: Ein Haufen junger, wilder Typen die mit ihrem Enthusiasmus und ihrer Respektlosigkeit unglaublich viel Energie und Zulauf erzeugten. Dieselben Leute sagen jetzt zu euch mehr oder weniger: Ihr seid so jung und habt eigentlich keine Ahnung, wie es läuft. Fühlt man sich da nicht irgendwie ausgebremst? Ja natürlich. Aber es ist ja auch nicht die Mehrheit, die das zu uns sagt. Und gerade Claudia Roth nimmt uns ja schon sehr ernst. Wir machen immer viel mit ihr zusammen und sie sieht in uns nicht die kleinen Kinder, die da irgendwie ihre Träume verwirklichen wollen. Also ich zumindest fühle mich schon sehr gut aufgehoben. Wenn jemand grundsätzlich gegen Militäreinsätze ist – sind die Grünen dann die richtige Partei? Es gibt schon noch Pazifisten bei den Grünen. Man würde auf jeden Fall Leute, finden mit denen man einer Meinung wäre. Aber das sind nicht diejenigen, die entscheiden. Nein, das ist nicht die Mehrheit. Aber man könnte auf jeden Fall viel diskutieren.

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