Sie werfen Stinkbomben auf andere Schiffe, blockieren Schiffsschrauben, zerschneiden Netze oder rammen Boote auf hoher See: Die Aktivisten der Organisation Sea Shepherd kämpfen gegen Walfänger und Delfinfischer. Sie setzen dort an, wo staatliche Macht aufhört: Regierungen können Gesetze nur innerhalb einer mehrere Seemeilen breiten Zone parallel zur Küste anwenden. Außerhalb dieses Gebiets hat kein Staat das Recht, Verbrecher verfolgen. In diesem justiz-freien Raum versucht „Sea Shepherd“ mit der Hilfe von Freiwilligen, Regierungen und Fischer zur Einhaltung der internationalen Gesetze und Abkommen zu zwingen. Im Interview sprechen Maddy Madison und Brigitte Scheffer, Vorstandsmitglieder von „Sea Shepherd“ in Deutschland, über versenkte Boote und die Rettung von dreitausend Walen.    

jetzt.de: Ihr seid wie eine internationale Meeres-Polizei. Wer muss sich am meisten vor euch fürchten?
Jeder Fischer, der illegales Fanggerät benutzt, geschützte Arten bedroht oder Regeln ignoriert, muss befürchten, einmal mit uns Bekanntschaft auf dem Wasser zu machen. Sea Shepherd setzt sich weltweit für die Verteidigung, den Schutz und somit auch für die Erhaltung maritimen Lebens ein. Wir sind weniger eine Protestorganisation, sondern stehen eher für direktes Eingreifen und Einschreiten.

856309

Eine Aufnahme von Sea Shepherd zeigt japanische Fischer in einer Bucht nahe Taiji beim Schlachten von Delphinen. Das Wasser ist vom Blut der Tiere bereits rot gefärbt.

Wer hat eure Organisation gegründet?
Sea Shepherd ist eine gemeinnützige Meeresschutzorganisation. Sie wurde 1977 von Paul Watson gegründet und ist bis heute die einzige Organisation, die durch direkte Aktionen Ozeane und Tiere verteidigt. Wir haben drei eigene Schiffe, die Crews bestehen aus Freiwilligen. Unser Ziel ist es, die weitere Ausbeutung der Meere zu beenden und den Lebensraum für die folgenden Generationen zu erhalten. Wie Captain Paul Watson einmal sagte: "Wenn die Meere sterben, sterben wir alle."  

Sea Sheperd ist bekannt dafür, härtere Maßnahmen als beispielsweise „Greenpeace“ anzuwenden und provoziert auch mal einen diplomatischen Streit mit Japan. Gibt es etwas, wovor ihr zurückschreckt?
Unsere Aktionen sehen immer sehr spektakulär aus auf den Bildern, aber Sea Shepherd hat in über dreißig Jahren noch keinen Matrosen oder Fischer der anderen Schiffe gezielt oder vorsätzlich verletzt. Wir wenden keine Gewalt an und wurden noch nie dafür angeklagt oder verurteilt. Unsere Aktionen sind eher als Sachbeschädigung zu bezeichnen. Wenn zum Beispiel Langleinenfischer illegal in einer Schutzzone fischen und selbst nach mehrfacher Aufforderung nicht bereit sind, ihr Fanggerät einzuholen, muss man halt deutlicher werden. Wir reden hier von Verbrechern, die etwas Verbotenes tun - die diskutieren oder verhandeln auch nicht mit uns. Viele unserer Rammversuche auf See wurden im letzten Moment abgebrochen, weil sich Besatzungsmitglieder in der Nähe der Reling befanden. Ebenso erfolgte das Versenken der Walfangschiffe in den Häfen immer erst, nachdem klar war, dass keine Person im Schiff ist oder vielleicht sogar schläft. Ich persönlich würde unsere Aktionen eher als „nachdrücklich“ und nicht als „aggressiv“ bezeichnen.  

Wie reagiert ihr auf den Vorwurf der Selbstjustiz - heiligt der Zweck hier die Mittel?
Wir beziehen unseren Auftrag aus der „Weltcharta für die Natur“ der Vereinten Nationen. Sie berechtigt ausdrücklich auch Privatpersonen, im Namen der internationalen Schutzgesetze zu handeln und diese durchzusetzen. Somit ist es keine Selbstjustiz, sondern eher das Durchsetzen bestehender Gesetze.  

Beschreibt mir eine typische Aktion. Wie lange seid ihr auf See? Wie sieht der Alltag aus? Wer darf mit an Bord?
Die Länge unserer Kampagnen auf See hängt von der Finanzierung ab. Manche dauern nur vier Wochen, für große Kampagnen gegen illegalen Walfang brauchen wir inklusive Vorbereitung circa fünf Monate. Die permanente Überwachung der "Cove Guardians" an der Bucht von Taiji in Japan, wo jedes Jahr zehntausende Delfine zusammengetrieben und abgeschlachtet werden, dauert von September bis März. Natürlich ist nicht jeden Tag auf See eine spektakuläre Aktion angesagt, die meiste Zeit verbringt man mit Arbeiten an Deck. Die Verpflegung auf allen „Sea Shepherd“-Schiffen ist rein vegan – wir wollen niemandem eine Angriffsfläche bieten.  

Wann ist eine Aktion in eueren Augen gelungen?
Wenn illegales Verhalten gestoppt wird. Ob es der Einsatz von Stinkbomben ist, der die Arbeit an Deck erschwert oder das Blockieren der Schiffsschraube, das die Fahrt eines Harpunenbootes beendet: „Sea Shepherd“ bedient sich mehrerer innovativer Mittel um Robbenschläger und Walfänger zu stoppen. Aktuell versuchen wir auf den Färöer Inseln die Einheimischen davon abzuhalten, tausende Grindwale allein zur Belustigung grausam abzuschlachten. Dort setzen wir Akustik-Bojen ein, die die Wanderung der Wale von den Inseln weglockt. Durch unsere Kampagnen wurde europaweit ein Handelsverbot für Robbenprodukte eingeführt. Auf Iki in Japan werden Delfine nicht mehr gejagt, sondern von Touristen in Fischerbooten beobachtet. Durch sieben Antarktis-Kampagnen wurden bereits über dreitausend Wale gerettet. Im Mittelmeer wurden vergangenes Jahr über achthundert illegal gefangene Thunfische befreit. 



Text: benjamin-duerr - Foto: dpa/Sea Shepherd