"Kann sein, dass wir weniger unreif sind"

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Matt Helders (27), das Schlagzeug spielende und erwiesenermaßen redewilligste Viertel der Arctic Monkeys aus Sheffield, scheint nicht den allerhärtesten Arbeitstag zu haben, als er bei uns anruft, um Auskunft über das neue Album „AM“ zu geben. Er sitzt in Südfrankreich, irgendwo nicht weit von Nizza, am Strand, trinkt ein San Miguel und freut sich auf das abendliche Festival, bei dem die Arctic Monkeys Headliner sein werden.

jetzt.de: Matt, ist das überhaupt noch Arbeit oder schon Urlaub, was ihr da macht?
Matt Helders: Auf dem Papier ist es wohl Arbeit, aber meine Güte, ich quatsche mit dir, liege am Wasser und trinke ein Bier. Wir hatten den ganzen Tag zur freien Verfügung, wir spielen nachher zum ersten Mal auf einem Festival, bei dem die Bühne direkt am Meer steht, und gestern war es auch super: Wir traten irgendwo im Landesinneren in einem uralten Schloss auf. Wir hatten vorher noch nie in einem Schloss gespielt.

Es gibt Musiker, die beklagen sich über zu viel Routine und Eintönigkeit während einer Tournee.
Ich kenne solche Leute auch, und ich kann ihnen beim besten Willen nicht helfen. Wahrscheinlich wäre denen immer langweilig, egal, was sie tun. Ich sehe das ganz anders: Selbst nach zehn Jahren mit den Arctic Monkeys ist dieses Leben wirklich noch immer total interessant. Wir haben zum Beispiel im Sommer in Glastonbury gespielt, das war einfach einzigartig.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Haben jetzt auch die Funktionsweise eines Kamms entdeckt: Die Arctic Monkeys (Drummer Matt ist der Zweite von rechts.)

Seid ihr eigentlich noch in Sheffield zu Hause?
Teils, teils. Die anderen beiden haben ihren Wohnsitz noch in Sheffield, sind aber wenig da. Alex (Turner, der Sänger, Anm. d. Red.) und ich haben uns jetzt in Los Angeles niedergelassen.

Weil ihr beide mit Hollywood-Schönheiten liiert seid?
Das ist einer der Gründe. Und weil LA recht praktisch zum Arbeiten ist, wir haben das neue Album hier mit unserem Produzenten James Ford aufgenommen. Wir sind allerdings praktisch das halbe Jahr unterwegs, da spielt es kaum eine Rolle, wo man wohnt oder ob man überhaupt irgendwo wohnt. Ich ziehe immer mit ganz wenig Gepäck los, und dann kaufe ich immer irgendwelche neuen Klamotten. Gegen Ende einer Tour passt nichts mehr in meine Tasche.

Man hat sowieso den Eindruck, dass ihr neuerdings mehr auf euer Äußeres achtet. Ihr seht gar nicht mehr so klassisch indiejungenmäßig aus. Speziell Alex scheint die Funktionsweise eines Kamms entdeckt zu haben.
Er ist nicht mehr so strubbelig, das stimmt, sondern etwas männlicher und schicker.

Oft trägt er jetzt sogar einen Anzug.
Klar, das ist schon eine Veränderung. Vielleicht wird er jetzt wirklich langsam zum Mann. Kann sein, dass wir weniger unreif sind. Zugleich sind wir aber noch immer keine richtigen Erwachsenen, das stelle ich mir auch nicht so lustig vor.

Du hast mit 25 gesagt, dass du gerne für immer 25 bleiben möchtest, weil es danach nur noch bergab geht. Wie siehst du das mit 27?
(lacht) Ich muss das zurücknehmen. Ich nenne besser keine Altersgrenzen mehr.

Auch die Themen eurer Songs sind nach wie vor eher jugendlich. Wie schon seit Beginn eurer Karriere 2006 mit „I bet you look good on the Dancefloor“ geht es um Mädchen, Mädchen und Mädchen.
Alex hat nun einmal ein unerschöpfliches Reservoir an Mädchenbeschreibungen. Er findet immer wieder neue Drehungen und Metaphern. Die Ballade „No. 1 Party Anthem“ handelt zum Beispiel nicht von einer Partyhymne, sondern von einem Mädchen. Es ist eine etwas andere Art zu sagen „Sie ist schön“. Genau wie auf dem letzten Album, da umschrieb er das Mädchen mit „She is Thunderstorm“.

„Why’d you only call me when you’re high“ erweitert das Thema Mädchen noch um das Thema Alkohol.
Ja. Solche Situationen kennen wir alle zur Genüge. Entweder bist du selbst der Nervige, trinkst ein bisschen viel und wirst für das Mädchen anstrengend und unangenehm. Oder es passiert anders herum: Das Mädchen lässt dich nicht in Ruhe, schickt dir eine SMS nach der anderen, um zu gucken, was du so machst, dabei hast du selbst sie längst vergessen.

Alex ist fest mit der Schauspielerin Arienne Vandenberg liiert, du selbst mit Model Breana McDow sogar verlobt. Wann gibt es mal neue Themen? Kinder zum Beispiel?
Dass jemand von uns Vater wird, kann natürlich passieren. Aber ob dieses Thema zu den Arctic Monkeys passt, kann ich noch nicht abschätzen. Zehn Jahre lang ging es jetzt ums Spaßhaben, das Thema wird irgendwann mal auserzählt sein. Mal schauen, ob wir dann Erwachsenentexte hinbekommen.

Was mittlerweile ja richtig erwachsen und gar nicht mehr kleinjungenhaft klingt, ist eure Musik. „AM“ erinnert an Seventies Rock, an die Stooges, die Rolling Stones, auch an R&B und Soul. Was war der Plan mit dieser Platte?
Wir wollten tatsächlich, dass alles ein bisschen lüsterner klingt. Sexier. Die Stones waren da sicher ein gutes Vorbild, keine Frage. Wir finden es wichtig, stilistisch weiterzuwandern. Dieses Mal standen R&B und guter Hintergrundgesang ganz weit oben auf dem Zettel. Wir wollen keine kotzlangweilige Indieband sein, die immer nur dasselbe macht.

Warum nennt ihr die selbstbetitelte Platte nicht „Arctic Monkeys“ sondern „AM“?
Das fanden wir cooler. Wir mögen den Namen Arctic Monkeys nicht. Das ist einfach ein schusseliger Bandname, den wir uns in der Schule ausgedacht haben, und der jetzt bis in alle Ewigkeiten an uns kleben wird.  

Das Album „AM“ ist am Freitag erschienen.

Text: steffen-rueth - Foto: Zackery Michael

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