Ich habe 20 Jahre in Mülheim gelebt. Mir ist dabei nicht aufgefallen, dass ich eigentlich in einem Kunstwerk wohne. Ein Missverständnis? Das Ruhrgebiet ist reich an Museen und kulturellen Ereignissen, diese spielen aber im Alltag dort keine Rolle, der kulturelle Reichtum geht nicht in die Ruhrgesellschaft hinein. Wenn das Ruhrgebiet eine der privilegiertesten kulturellen Umgebungen weltweit ist, so will ich das den Menschen ansehen können. Und das ist nicht so. Deshalb habe ich mir gesagt, man sollte mit dem Blick, mit dem man auf die Kunst guckt, auch einmal die Wirklichkeit anschauen – so aufmerksam, neugierig, engagiert und gut unterrichtet. Vielleicht kommt für die Wirklichkeit, also für die 2-3 Straßen, etwas dabei heraus. Das heißt nicht die Straße ist die Kunst, sondern die Perspektive, die man auf die Straße hat? Es geht um uns. So wie man auf Caspar David Friedrich guckt, so könnten man versuchen auch den Rest der Wirklichkeit zu sehen.

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Hat Ihnen schon mal jemand vorgeworfen, dass Sie Kunst entwerten, indem Sie zum Beispiel Caspar David Friedrich mit einer gewöhnlichen Straße in Mülheim an der Ruhr vergleichen? Ich glaube, Caspar David Friedrich wäre von dieser Entwertung nicht schockiert. Denn das, was er gemalt hat, war letztlich vergleichbar mit den Straßen, von denen ich spreche. Es geht um uns heute. Aber die künstlerische Leistung bestand ja im Abbilden dieser Wirklichkeit. Richtig, aber es ist kein Bild schöner als die Augen, die es anschauen. Sie suchen jetzt einhundert Augenpaare, die das Ruhrgebiet anschauen ... ... nicht nur die. Natürlich möchte ich denen, die bereits in diesen Straßen wohnen, etwas von diesem Blick, dem Abenteuer und auch dem Risiko weitergeben. Wir wollen ja auch Besucher haben, so wie bei jeder Ausstellung. Ich möchte Leute dazu bewegen, in diese Straßen zu kommen, in denen es – das verspreche ich Ihnen – nichts zu sehen geben wird. Außer dem, was man selber sehen will. Außer dem, was Sie selber mitbringen. Und das führt uns wieder zurück zu Caspar David Friedrich. Der wäre vermutlich auch nicht schockiert, wenn man sagen würde: Man bekommt vom Bild das, was man mitbringt. Es geht aber nicht nur um die Bewohner des Ruhrgebiets. Es geht ja auch um Menschen, die für ein Jahr in diese Straßen ziehen. Haben Sie dafür einen idealtypischen Bewerber im Kopf? Ich stelle in meinen Arbeiten oft Fragen. Mein Bild von der Antwort interessiert mich eigentlich nicht. Fragen ist genug. Das heißt, Sie wollen sich überraschen lassen. Ich will einfach wissen, wer lässt sich von der Einladung zu einer solchen Ausstellung bewegen? Derzeit haben sich fast 1600 Menschen davon ansprechen lassen. Lohnt es sich überhaupt noch sich zu bewerben, auf der Website steht: First come first serve. Wir wollen nicht auswählen, die Menschen jurieren sich selbst. Es gibt Kandidaten aus Petersburg, Istanbul, Shanghai. Wenn jemand für ein Jahr sich so radikal verändern will, muss er genügend Gründe dafür haben. Ich glaube auch, dass viele Bewerber vielleicht doch skeptisch werden, wenn sie den Mietvertrag erhalten. Schon in der Anzeige steht, dass alle Teilnehmer an 2-3 Straßen Verfasser eines Textes sein werden, den sie während eines Jahres schreiben ... Dafür bekommen die Teilnehmer einen Laptop und sollen so eine Art Tagebuch führen ... Tagebuch ist ein Kürzel. Es soll ein Text sein, der von dem Leben an drei Orten während eines Jahres handelt. Dabei steht es jedem frei zu schreiben, was er oder sie will. Text für Text wird chronologisch ins gemeinsame Archiv gespeichert und ist dort unzugänglich. Es geht also nicht um eine dialogische Form, sondern um das Alleinsein mit dem Papier. Und wo genau wird das sein, also um welche zwei, drei Straßen geht es genau? Es geht in Dortmund um die Scharnhorststraße, in Duisburg um die St.-Johann-Straße in Hochfeld und in Mülheim um ein Hochhaus im Zentrum mit der Adresse Hans-Böckler-Platz 9, also um eine vertikale Straße. Werden Sie eigentlich selber ins Ruhrgebiet ziehen? Ich werde sicher auch dort sein.

Text: dirk-vongehlen - Foto: 2-3 Straßen