Erzähl doch bitte kurz, wie es vor fast einem Jahr zu deinem Artikel „Generation Praktikum“ kam. Die Idee hatte ich, weil mich das Thema persönlich betraf. Ich hatte selbst viele Praktika gemacht und mich oft gefragt, ob es richtig ist, das jetzt alles zum neunten Mal zu erleben – oder ob vier Praktika nicht vielleicht auch reichen sollten. Auch im Bekanntenkreis fragten sich das immer mehr Leute. Nicht nur Journalisten übrigens, sondern auch Leute mit durchaus vernünftigen Abschlüssen fingen an, sich mit Praktika über Wasser zu halten. Fertige Juristen mit guten Examen, die stolz berichteten, dass sie ein EU-Praktikum in Brüssel ergattern konnten, nachdem sie sich durch drei Bewerbungsphasen gekämpft hatten. Wusstest du, dass du mit der Geschichte so einen Nerv treffen würdest? Überhaupt nicht. Ich war am Vorabend mit einer Freundin auf einem Konzert und erzählte ihr, dass ich am Wochenende einen Artikel über das Leid des ewigen Praktikantendaseins schreiben wolle. „Oh Mann, das ist doch echt kein Thema“, sagte die nur. Das macht einem nicht gerade Mut. Es hat natürlich auch geholfen, dass unsere Blattmacher das Thema in der ZEIT so groß gemacht und auf den Titel genommen haben. Dadurch hat es erst diese Wucht bekommen. Der Ausdruck "Generation Praktikum" ist inzwischen zu einem feststehenden Begriff geworden. Eine Ehre? Das ist schon sehr okay und ich freue mich darüber – auch wenn der Titel nicht meine Idee war. Aber wenn man dann morgens in den ersten Artikel anderer Zeitungen liest, dass die das übernehmen, dann ist das schon ein guter Tag. Neben der persönlichen Eitelkeit ist es natürlich auch schön, wenn man merkt, dass man einen Nerv trifft. Es kamen mehr Zuschriften als in meinem ganzen journalistischen Leben vorher, und viele davon haben mich sehr berührt. Ein Mädchen zum Beispiel ist wieder Zuhause eingezogen, weil sie sich mit Praktika durchschlagen musste und sich keine eigene Wohnung leisten konnte. Die Mutter sagte immer nur: "Du musst halt mal was Richtiges machen.“ Das Mädchen hat ihr dann meinen Text laut vorgelesen und die Mutter hat es zum ersten Mal verstanden, dass ihre Tochter eben nicht „selbst Schuld“ ist, wenn sie keinen richtigen Job findet.

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In Frankreich hat der Artikel höhere Wellen geschlagen als in Deutschland. Ist die Situation hier weniger schlimm - oder sind die Opfer der Praktikantensituation nur träger? (lacht) Klar, der Franzose an sich: Schafft nix, aber streikt gerne. Nein, grundsätzlich ist das Problem meiner Einschätzung nach in Westeuropa überall ähnlich schlimm. Was die französische Protestbewegung der Praktikanten schlau gemacht hat: Die haben sich mit „Génération Précaire“ gleich einen guten Namen gegeben, ein Logo, eine Website und als Erkennungszeichen tragen sie weiße Masken. Die machen auch keine gigantisch großen Demos – aber sie waren trotzdem sofort in den Abendnachrichten. Hat sich die Situation für Praktikanten seit deinem Artikel etwas gebessert? Ich glaube nicht. Es gibt ja keine Zahlen, keine Statistik. Aber ich bekomme inzwischen immer wieder die furchtbarsten Stellenanzeigen für Praktika zugeschickt. Da wird dann ein "Praktikant im Projektmanagement" gesucht und Studium plus Berufserfahrung erwartet – erst das berechtigt dann zum Absolvieren eines schlechtbezahlten und überlangen Praktikums. Eine andere Firma suchte Praktikanten für die Briefsortierung nachts. Was soll man da lernen? Auch schlimm: Eine Internet-AG suchte Praktikanten für ein "Heimpraktikum" – die sollen dann von Zuhause aus arbeiten. Das Thema ist vielleicht ins Bewusstsein von ein paar Leuten gedrungen, aber verbessert hat sich die Situation nicht. Am Mittwoch bist du in Düsseldorf auf einer Podiumsdiskussion zum Thema eingeladen - bist du jetzt so etwas wie der Experte für die Generation Praktikum geworden? Nein, solche Anfragen sind eher selten. Ich bin kein Sprecher einer Generation geworden - zum Glück. Letzte Frage: Was war das schlimmste Praktikum, das du selbst je gemacht hast? Ich habe Umweltschutz studiert. Da habe ich dann ein Praktikum in einem Umweltbüro gemacht und musste beim Einstellungsgespräch eine Art Gewissensprüfung über mich ergehen lassen: Welche Partei ich wähle, ob ich die Atomkraft auch wirklich verachte und so weiter – eben ob ich so durch und durch Umweltschützer sei. Dem Chef wiederum gefiel es total gut, mich in seinem dicken BMW abzuholen, zu einem Termin zu rasen und mich währenddessen über Autos vollzuquatschen.