Kevin? Wer ist eigentlich Kevin?

Statt braun sind die Haare des Jungen plötzlich blond.
christina-waechter
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Illustration: Julia Schubert

Statt braun sind die Haare des Jungen plötzlich blond. Noch dazu sind sie neckisch nach hinten gekämmt und fallen nicht wie bisher brav gescheitelt ins Gesicht. Das Polo-Hemd ist jetzt orange statt weiß und auch das Lächeln ist irgendwie nicht mehr so unschuldig wie früher. Der brave Heintje-Verschnitt, der uns 30 Jahre lang von den Kinderschokolade-Verpackungen entgegen lächelte ist von Ferrero ausgetauscht worden. Aber der Konzern hat nicht mit Volker Tzschucke, 31, und Jan Thiele, 24, beide Studenten an der TU Chemnitz, gerechnet, die zum Widerstand gegen den Neuen aufgerufen haben: Auf www.weg-mit-kevin.de kann man eine an Ferrero gerichtete Petition unterschreiben und sich ein Notfall-Bastelset herunterladen, um die neue Packung mit der alten zu verhüllen. Jetzt.de hat mit Volker Tzschucke gesprochen:

Wie seid ihr auf die Idee mit dem Protest gekommen? Wir saßen in der Uni-Mensa beim Mittagessen. Jemand brachte als Nachspeise eine Tafel Kinderschokolade vorbei, wir haben das neue Gesicht gesehen und waren verwundert und „erschüttert“ über diese Änderung. Und dann haben wir in der Runde spontan entschieden, dagegen zu protestieren, den neuen Jungen „Kevin“ zu nennen, eine Homepage zu bauen, das Notfall-Bastelset anzubieten und die Petition an Ferrero zu starten. Die Idee ist in einer Stunde entstanden, die Seite an einem Tag. Grafisch und textlich haben wir das dann zu Zweit umgesetzt und einen befreundeten Programmierer gebeten, das technisch umzusetzen.

Was genau ist euer Problem mit der neuen Verpackung? Es gibt nur ein Problem mit Kevin: Er hat das alte Gesicht abgelöst, das so lang auf der Packung zu sehen war, über 30 Jahre. An dem hingen Kindheitserinnerungen, in meinem Fall zum Beispiel an die Tage, an denen West-Pakete mit der Kinderschokolade kamen. Wenn das neue Gesicht auf einer anderen Schokolade wäre oder auf einer Zwiebackverpackung, wäre das für uns sicher kein Problem. Uns hat schlicht die Tatsache des Wechsels auf der Kinderschokolade gestört. Wir gehören der Generation Golf an, die sich an Markenartikeln erfreut hat und immer noch erfreut, und wenn die plötzlich ganz anders aussehen, löst das eben etwas aus -wobei unser Protest natürlich auch ein wenig ironisch angelegt ist. Das erkennen zumindest die meisten Besucher der Seite.

Wie erfolgreich seid ihr mit eurer Online-Petition? Wir haben enorm viele Seiten-Zugriffe. Inzwischen konnten wir über 50.000 Unterschriften sammeln, das Ganze innerhalb von zehn Tagen. Über den Erfolg entscheidet natürlich letztendlich Ferrero – wenn das alte Gesicht zurückkehrt, war unsere Aktion erfolgreich.

Habt ihr eine Erklärung für die große Zustimmung? Offenbar bewegt das Thema doch sehr viele Menschen, weil Kinderschokolade sehr bekannt ist. Es ist etwas, womit fast jeder irgendetwas verbindet, entweder sind das Rückgriffe auf Kindheitserlebnisse oder der Wunsch, nicht erwachsen zu werden oder einfach Nostalgie. Dass der Erfolg so schnell kam, liegt wohl mit an der Form des Internetprotestes. In den ersten Tagen haben wir die höchsten Zugriffszahlen durch eine Vielzahl von Blogs erreicht. Die sind untereinander so stark vernetzt, dass stetig neue Autoren auf uns aufmerksam wurden, uns kommentiert und verlinkt haben. Und da Journalisten offenbar ebenfalls große Blog-Leser sind, kamen die dann auch sehr schnell auf uns zu.

Wie funktioniert Online-Protest, was muss man beachten? Ich kann da sicher keine allgemeingültigen Aussagen treffen, sondern nur für uns sprechen. Man braucht wohl ein Thema, das viele Menschen mehr oder weniger betrifft. Dann muss es ein Thema sein, zu dem man sich sehr schnell eine Meinung bilden kann. Bei der Kinderschokolade kann man sofort entscheiden: Gefällt mir das alte Gesicht besser oder das neue. Es gibt also bei uns sehr wenige Barrieren, sich zu diesem speziellen Thema zu äußern – und einen Namen in eine virtuelle Unterschriftenliste zu setzen, ist eine Sache von wenigen Sekunden. Allgemeiner kann man vielleicht sagen: Man muss berücksichtigen, dass man ein Thema so zuspitzt, dass man sehr schnelle Antworten bekommen. Allzu komplexe Themen oder Fragen sind für diese Form des Protestes sicher nicht geeignet. Das ist ja auch ein Trend, der in der Politik zu beobachten ist: Sehr komplexe Themen werden auf High-Noon-Situationen verkürzt: Bürgerversicherung oder Kopfpauschale? Oder: Mehrwertsteuererhöhung – ja oder nein? . Außerdem hilft in unserem Fall vielleicht auch der „David gegen Goliath“ – Effekt: Die kleine Internet-Seite gegen den großen Lebensmittel-Konzern. Das ist etwas, worauf Medien offenbar sehr gern anspringen und wo auch viele Verbraucher gern mitziehen, vor allem, wenn es so schnell geht. Mehr zu diesem Thema auch beim SZ-Magazin (Bild: weg-mit-kevin.de)

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