Sie drehen Videos, sie halten Reden auf öffentlichen Plätzen, sie geben Interviews. Islamisten nutzen alle erdenklichen Wege, um ihr Wort zu verbreiten. Und: Sie tun das auf eine besondere Art und Weise. Wenn man sie sprechen hört oder auf ihre Wortwahl achtet, stellt man fest, dass sie eine eigene Sprache haben. Besonders deutlich wird das

aber auch abseits der offiziellen Ansprachen und Reden, zum Beispiel in dem Anfang des Jahres veröffentlichten Interview des Journalisten Jürgen Todenhöfer mit dem deutschen IS-Kämpfer „Abu Qatadah“.

Wieso sprechen die Islamisten so? Welche Bedeutung hat ihre Wortwahl? Wie funktioniert ihre Rhetorik? Dr. Abdel-Hakim Ourghi kann diese Fragen beantworten. Er ist Islamwissenschaftler und leitet den Fachbereich Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

1033966

Jürgen Todenhöfer im Gespräch mit dem deutschen IS-Kämpfer Abu Qatadah

jetzt.de: In dem Interview mit Abu Qatadah ist mir als erstes aufgefallen, dass er sehr oft das Wort „yani“ verwendet. Was bedeutet das?
Dr. Abdel-Hakim Ourghi: Das bedeutet auf Arabisch einfach „das heißt“. Es wird sehr oft verwendet, weil das Arabische eine sehr bildhafte Sprache ist und zu ständigen Wiederholungen neigt, das soll dem besseren Verständnis dienen und den Sinn eines Sachverhaltes betonen. Da ist das Arabische anders als das Deutsche, das eine sehr genaue Sprache ist. Das hat viel mit der Koransprache zu tun, dort findet man auch unendliche Wiederholungen in verschiedensten Kontexten, um ein Thema zu vermitteln.

Abu Qatadahs Muttersprache ist aber vermutlich Deutsch, warum dann dieser arabische Ausdruck?
Deutsche Salafisten können meist kein Arabisch, aber sie lernen ein paar Wörter und Floskeln und verwenden sie in der gesprochenen Sprache. Unter anderem, um zu demonstrieren, dass sie Muslime und Teil der Gemeinschaft sind.

Wie und wo lernen sie die denn?
Wir wissen mittlerweile, dass es eine Art „geheime Wohnungspropaganda“ in Deutschland gibt, Betreiber sind zum Beispiel Pierre Vogel oder Sven Lau. Was bei diesen Treffen genau passiert, weiß man nicht, weil sie sich der Kontrolle der Sicherheitsbehörden entziehen. Wir können aber davon ausgehen, dass dort Propaganda für den salafistischen Islam betrieben und Radikalisierung befördert wird. Und dass deutsche Salafisten dort und zum Teil in Moscheen oder autodidaktisch durch das Internet diese Floskeln lernen.

Welche Floskeln sind das?
Zum Beispiel „Alhamdulillah“ („Gott sei gepriesen“), „Masha’allah“ („Was Gott will“), zu Beginn einer Rede die Phrase „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“ oder die sogenannte Eulogie für den Propheten Mohammed, also eine Art Segenssprechung über den Propheten nach der Nennung seines Namens. Interessanterweise taucht in einigen Propagandavideos auch die Wendung „Ummat Mohammad“ auf, „die Gemeinde des Propheten“ – da spielen also die Nationalitäten überhaupt keine Rolle, sondern eher das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinde der Muslime. Bei öffentlichen Auftritten wird vom Redner zum Takbir aufgerufen.

Was ist das?
„Takbir“ bedeutet in etwa „sagen, dass Gott groß ist“. Wenn zum Beispiel Pierre Vogel in seinen öffentlichen Predigten „Takbir“ sagt, müssen die Zuhörer mehrfach „Allahu akbar“, also „Allah ist groß“ wiederholen. Das erzeugt und intensiviert ein Gemeinschaftsgefühl. Wer angesprochen wird, kennt ja die Floskeln.

"Beim Zuhörer entsteht der Eindruck, dass es sich um die Sprache einer der coolsten Gangs der Welt handelt"

Diese Misch-Sprache aus Arabisch und Deutsch verbindet also die Islamisten, auch wenn sie ursprünglich verschiedene Sprachen sprechen?
Ja, es ist ein Soziolekt, also eine Sprache einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe.

So ähnlich wie Kiezdeutsch?
Ja, beim Zuhörer entsteht der Eindruck eines Gruppenprofils, „das Wir“, und dass es sich hier um die Sprache einer der coolsten Gangs der Welt handelt.

Diese Rhetorik spricht vor allem junge Menschen an?
Wir haben es hier mit einer Jugendsprache zu tun, die sehr gezielt eingesetzt wird. Sie dient als Identifikationsmerkmal für die Salafisten oder für die, die man inzwischen Pop-Dschihadisten nennt, also Jugendliche, die eine Art Fankult um den Dschihad aufbauen, mit entsprechendem Zubehör, wie etwa T-Shirts, einem speziellen Habitus und Ähnlichem. Es kursieren mittlerweile zahlreiche Propagandavideos auf Arabisch und Deutsch.

1033976

                                           Dr. Abdel-Hakim Ourghi

Wie sind die aufgebaut?
Im Hintergrund läuft meist ein Nasheed, das ist ein traditionelles islamisches Lied, bei dem ohne Instrumente gesungen wird, um die Zuhörer seelisch zu bewegen. Die Musik soll Unentschlossene auf einer emotionalen Ebene ansprechen und zum Mitmachen bewegen. Es werden viele Zitate aus dem Koran auf Arabisch wiedergegeben, wenn es um Aussagen des Propheten geht, werden sie allerdings auf Deutsch übersetzt und zwar sinngemäß. Mittlerweile werden auch bekannte Nasheed übersetzt. Zum Beispiel gibt es eines über das Paradies, „Dschanna“, das auf Deutsch gesungen wird, da die meisten kein Arabisch verstehen und Deutsch zur gemeinsamen Sprache geworden ist.

Der Tonfall und die Sprachmelodie des Deutschen klingen bei den Islamisten auch so besonders. Arabischer irgendwie.
Zum Teil ist das vielleicht bedingt durch das Einstreuen arabischer Wörter und Floskeln. Vogel spricht aber eher mit rheinländischem Tonfall.

Gibt es noch andere Unterschiede in der Rhetorik, die vom Arabischen aufs Deutsche übertragen werden?
Das Arabische ist eine sehr vitale, energische Sprache. Wenn man zwei Araber in der Straßenbahn sprechen hört, reden sie oft sehr laut und mit den Händen – dann denkt man als Außenstehender vielleicht, dass die beiden sich streiten, dabei kommunizieren sie ganz normal. Die Redner in den Videos sprechen auch oft mit den Händen und sehr körperlich.

Und sehr pathetisch.
Es geht ihnen auch darum, aus dem Herzen und aus der Seele heraus zu sprechen. Auf Außenstehende wirkt diese gestikulierende Kommunikation befremdlich, aber sie hat viele Aufgaben zu erfüllen. Neben dem schon erwähnten Gefühl des Zusammenhaltes auch, die sogenannten Ungläubigen, also Christen, Juden oder sogar andere Muslime, auszugrenzen.

Und die Zuhörer zu radikalisieren.
Ja, die Redner sollen vor allem unter den sogenannten „unsicheren Kandidaten“ für den Dschihad Propaganda betreiben. Unsichere sollen durch diese Sprache zum Handeln bewegt werden, sie sollen von ihrem sozialen Umfeld, der Familie oder der Schule, abgegrenzt und zu einer Abnabelung bewegt werden. Wir haben hier eine hochentwickelte Propagandamaschine, in deren Visier junge Menschen sind, die sich vielleicht in einer Sinnkrise befinden. Das sind oft Benachteiligte, die leicht zu beeinflussen sind. Diesen vermeintlichen Verlierern der Gesellschaft verspricht man in diesen Reden, dass sie Helden werden und Vorbilder für die anderen.

Über die Propaganda radikaler Islamisten (bzw. die speziellen Propaganda-Strategie des IS) haben wir mit Stephan Rebbe, Beratungsgeschäftsführer der Kommunikationsagentur Kolle Rebbe, gesprochen. Das Interview findest du hier.

Text: nadja-schlueter - Fotos: Screenshot, oH; Illustration: Daniela Rudolf