439997

Michael Moore: Ikone der Linken, Hassobjekt der Rechten - und ein Schummler? Foto: ap Was war der Beweggrund für diesen Film? Haben Sie von Anfang an geplant, die Person Michael Moore und seine Arbeitsmethoden kritisch zu hinterfragen? Rick Caine: Wir haben schon sehr viele Filme über Leute gemacht, die wir nicht mögen. Nach unserem letzten Projekt haben wir uns gesagt: Warum nicht mal einen Film über jemanden, den wir bewundern, dessen Meinung wir teilen. Michael Moore stand auf unserer Liste immer an erster Stelle. Zu dieser Zeit haben wir in der New York Times einen Artikel über Moores nächsten Film, Fahrenheit 9/11 gelesen. Es war klar, dass dieses Werk einen großen Einfluss entwickeln würde. Deshalb wollten wir ein Portrait über ihn machen, während er durch eine sehr bewegte und interessante Phase seines Leben geht. Wie lange hat es gedauert, bis Sie bemerkten, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht? Debbie Melnyk: Etwa vier oder fünf Monate. Wir fragten nach Interviews, die uns aber ständig verweigert wurden. Also haben wir Leute aus seinem Umfeld angerufen, ob sie bereit wären, uns einige Statements über Michael Moore zu geben. Jedoch war von seinen Mitarbeitern niemand dazu bereit, sie hatten nichts Positives zu berichten und wollten deshalb nicht vor die Kamera. Später haben wir realisiert, dass es eigentlich ein offenes Geheimnis in der Dokumentarfilmgemeinschaft ist, dass seine Arbeitsmethoden ein bisschen unkoscher sind. Daraufhin hat sich auch unser Ansatz geändert. Michael Moore ist nicht nur in Amerika eine Ikone der Linken. Welche Reaktionen bekamen Sie auf Ihren Film? Melnyk: In Amerika gibt es zwei unterschiedliche Positionen. Die Anhänger der Demokraten mögen den Film nicht besonders, weil er ihren Helden verletzt. Von dieser Seite gab es harsche Kritik. Das ist in Ordnung. Wir wollten Moore mit unserem Film nicht demontieren, sondern eine Debatte über Dokumentarfilme an sich anstoßen. Ich denke, dass ist uns gelungen. Eine zweite Meinung kommt von den älteren linken Aktivisten. Viele dieser Leute, die bereits in den 1960er Jahren politisch sozialisiert wurden, haben sich bei uns bedankt, da sie der Ansicht sind, dass Michael Moore vor der letzten Wahl ihrer Sache nicht geholfen habe, sondern mit seinen Auftritten vielmehr die rechte Basis aktiviert hat. Seine Verteidiger sind der Meinung, der Zweck heilige die Mittel. Melnyk: Ich glaube ehrlich gesagt nicht an diesen Satz. Der Zweck heiligt die Mittel – das sagt auch die CIA oder das Pentagon. Damit stellt man sich mit diesen Leuten auf eine Stufe und verliert enorm an Glaubwürdigkeit. Ein weiterer Punkt ist, dass Moores Filme die Leute zwar in gewisser Weise aufgeweckt haben, aber die adressierten Probleme deshalb noch lange nicht gelöst wurden. Nach Roger&Me hat sich die Situation in Flint nicht verbessert, General Motors hat weiterhin Arbeitsplätze abgebaut. Nach Bowling for Columbine haben sich die Waffengesetze nicht geändert. Und nach seiner Slacker Uprising Tour, die er 2004 veranstaltet hat, um die Leute an die Urnen zu bewegen, wurde George W. Bush wiedergewählt. Ich bin mir mittlerweile nicht mehr sicher, welchen Einfluss seine Filme eigentlich gehabt haben. Konservative Medien haben ihren Films dazu verwendet, Michael Moore weiter zu diffamieren. Wie fühlen Sie sich dabei? Melnyk: Wir bekamen einen Anruf von Fox News, die uns in ihrer Sendung haben wollten. Die erste Zeit haben wir uns geweigert. Nach einiger Zeit haben wir dann doch zugesagt, aber nur zu unseren Bedingungen - unter der Voraussetzung, dass wir live in die Sendung kommen dürfen. Während des Interviews sagte Rick: „Es geht uns nicht nur um die Fehler von Michael Moore, Fox News verdreht die Wahrheit noch viel schlimmer.“ Nachdem wir die wirklichen Probleme angesprochen haben, haben sie uns nach zwei Minuten den Ton abgedreht. Caine: In meinem Kopfhörer konnte ich den Produzenten der Sendung sagen hören: „Schmeißt diese zwei Demokratenarschlöcher aus meiner Sendung.“ Die Methoden Michael Moores und der widerliche Opportunismus von Hollywood-Stars - darüber erzählen Debbie Melnyk und Rick Caine auf der nächsten Seite.


439998

Der große Erfolg: Michael Moores Film "Fahrenheit 9/11" Foto: reuters Ein großer Kritikpunkt an Michael Moores Filmen ist sein Umgang mit Interviews. Im Vorfeld seines ersten erfolgreichen Films Roger&Me führte er beispielsweise ein 15-Minuten-Gespräch mit dem General Motors CEO Roger Smith – behauptete dann aber , ihm wäre nie ein Treffen gewährt worden und baute dies zum zentralen Kritikpunkt aus. Glauben Sie, dass sich Methoden wie diese im Genre Dokumentarfilm weiter ausbreiten werden? Melnyk: Das ist doch bereits der Fall. Nicht nur in Dokumentarfilmen sondern in der gesamten Medienwelt. Damit bewegt man sich auf dünnem Eis. Produzenten und Redakteure fangen an zu glauben, dass sie tun und lassen können, was immer sie wollen. Das sie Fakten erfinden können, nur um ihre Dokumentationen unterhaltsam zu machen und um ein größeres Publikum zu erreichen. Die Hälfte der Filmemacher, mit denen ich nach dem Start unseres Film gesprochen habe, hat sich dafür bedankt, dass wir dieses Problem angesprochen haben. Wir sind die Beichtväter für diese Leute, viele haben uns danach von ihren unlauteren Tricks und Methoden erzählt. Auch Sie benutzen in ihrem Film einige von Moores Tricks und sagen, sie wollen damit das Publikum auffordern, den Medien skeptischer gegenüber zu stehen. Glauben Sie, dass Sie damit Erfolg haben? Caine: Wir hoffen jedenfalls, dass wir Erfolg haben. Der erste Schritt dabei ist, dass wir unsere Tricks zeigen und somit andere Leute animieren, das ebenfalls zu tun. Auf diese Weise wird das Publikum besser informiert und zu einer kritischen Einstellung ermutigt. Hätte Moore von Anfang an klar gemacht, wie er arbeitet - ich bin mir sicher, viele Leute hätten ihn trotzdem gemocht. Er ist lustig und unterhaltsam, seine Message stimmt. Da er es aber nicht gemacht hat, fängt man an nachzudenken, ob da nicht noch mehr dahinter steckt. Eigentlich war das vollkommen unnötig. Und das ist unsere eigentliche Kritik an ihm. Michael Moore wurde durch seine Filme zur Berühmtheit – muss man zwangsläufig ein Popstar sein, um Politik zu machen? Caine: In unserer Zeit funktioniert es so: Die Politiker wollen Entertainer und die Entertainer Politiker sein. Es gibt heutzutage so viele Leute, die sich in ihren politischen Entscheidungen und Meinungen nur noch nach Berühmtheiten richten. Daran ist erstmal nichts auszusetzen. Ich finde es gut, wenn Leonardo di Caprio sich für die Umwelt einsetzt, oder Bono für die Dritte Welt. Wenn diese Leute wirklich daran glauben ist es prima, das bedeutet mehr Stimmen für unsere Sache. Leider läuft es in Hollywood aber meistens so ab, dass PR-Agenten ihren B- und C-Prominenten raten, sich für ein Problem stark zu machen, um so ihre Karriere in Schwung zu bekommen. Es ist dieser Opportunismus, der uns so anwidert.