„Kleider, Kleider, Kleider“

Kilian Kerner hat seit fünf Jahren sein eigenes Modelabel in Berlin und zählt schon zu den deutschen Topstars der Branche. Seine neue Kollektion hat mit Tagebüchern zu tun - deswegen hat jetzt.de mal bei ihm angeklopft.
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Illustration: Julia Schubert

Kilian, deine aktuelle Kollektion heißt „Tagebucheinträge“. Wolltest du also auf Intimität setzen, als du die Sachen entworfen hast? Meine Kollektionen entstehen immer durch Geschichten. Jetzt war es so, dass ich mir von den fünf wichtigsten Menschen in meinem Leben Tagebucheinträge habe schreiben lassen, jeder zwei Stück, die mir anonym zugestellt wurden. Als ich die Einträge gelesen habe, konnte ich mich in ganz verschiedene Gefühlswelten fallen lassen und anfangen, zu entwerfen. Im Gegensatz zu vielen Designerstücken deutscher Kollegen sehen die „Tagebucheinträge“-Outfits sogar täglich tragbar aus. Kann man dich als bodenständigen Künstler bezeichnen? Die Kunst für meine Mode ist, es zu schaffen, wirklich tragbare Mode zu entwerfen. Mein Anspruch ist kein hochkünstlerischer. Ich sehe mich eher als Modedesigner denn als Künstler. "Tagebucheinträge"

Du hast mal gesagt, was ihre Mode angeht, würden sich die Deutschen nicht genug trauen … Auf der Straße findet keine Individualität mehr statt, weil sich die meisten Leute mit Kleidung einfach nicht auseinandersetzen und auch nicht damit auseinandersetzen wollen. Sie wollen in der Öffentlichkeit nicht auffallen. Viele Leute beschäftigen sich nicht mit dem Thema Mode, weil sie es für zu oberflächlich halten – was es ja aber gar nicht ist. Meine Sachen sind schon alltagstauglich, aber auch eigen. Wenn man sie trägt, wird man auch oft angesprochen. Das ist das Feedback, das wir bekommen. Kann man das Modebewusstsein der Deutschen denn ändern? In anderen europäischen Ländern wie England, Frankreich oder Schweden funktioniert das schließlich auch. Zumindest bei den Männern wandelt es sich ja gerade ein wenig. Aber ob man auch den Rest der Menschen verändern kann, darüber kann ich mir kein Urteil erlauben. Du hast den Ausdruck „Berlin Style“ entmachtet – in dem du einfach gesagt hast, so etwas würde es gar nicht geben. Ich finde auch, dass es den „Berlin Style“ nicht gibt. Klar, wenn man nach Mitte geht, dann sehen die Leute dort schon gleich aus. Dann nennen wir es den Berlin-Mitte-Style. Wobei auch das eigentlich nicht als Berlin-Mitte-Style bezeichnet werden dürfte, weil es den Style in London schon vor zwei Jahren gab. Es gibt auch nicht den typischen Berliner Designer. Hier in der Stadt arbeiten unheimlich gute Designer, aber sie unterscheiden sich in ihrer Mode doch sehr. Würdest du anderen deutschen Städten einen eigenen Style zugestehen? Köln zum Beispiel hat schon einen anderen Stil als Berlin, den ich jetzt aber gar nicht so beschreiben möchte – falls das hier Kölner lesen. Und München ist viel schicker als Berlin. Aber ob die Stadt in ihrer Mode deswegen auch individueller ist, wage ich zu bezweifeln. Du selbst ziehst Klamotten von H&M oder aus Second Hand-Läden an – und natürlich deine eigenen Outfits. Ich sitze auch ganz oft in Trainingshose im Atelier, weil es einfach am bequemsten ist. Ich denke nie darüber nach, wie ich mich einem Anlass entsprechend kleide. Ich ziehe immer das an, wonach ich mich gerade fühle. Was macht denn mehr Spaß: Für Frauen oder für Männer zu entwerfen? Es macht mir beides gleich viel Spaß. Aber wenn ich jetzt ein Teil rauspicken soll, das ich am liebsten entwerfe, dann sind es definitiv Kleider. Ich entwerfe jedes Mal viel zu viele Kleider, auch wenn ich mir immer sage: Mach mal ein paar mehr Hosen für Frauen! Am Ende sind’s dann doch wieder Kleider, Kleider, Kleider. Ich habe gerade mit meiner nächsten Kollektion angefangen und mir vorgenommen, es auf die Hälfte runterzuschrauben – habe aber jetzt schon mehr Entwürfe von Kleidern als von allem anderen. Das empfiehlt Kilian Kerner für diesen Herbst und Winter:

Nach welchen Kriterien suchst du dir deine weiblichen Models aus – schließlich sehen die heute doch oft alle gleich aus, oder? Wir hatten vor kurzem eine Show, wo nur blondhaarige Mädchen waren, und alle das gleiche Make-Up und die gleichen Frisuren bekamen. Wir konnten die Mädchen auseinander halten, weil wir uns ja mit ihnen beschäftigen. Viele Leute im Publikum – und gerade die, die nichts mit der Mode zu tun haben wie meine Familie -, sagen dann: Die sehen doch alle gleich aus! Es gab mal eine Situation, letzte Saison im Winter. Da haben wir ein dreitägiges Fitting und Casting gemacht. Da kam dann mal ein Mädchen vorbei, dann mal zwei – und plötzlich kamen innerhalb von einer Stunde zwölf. Wir konnten sie nicht auseinander halten. Wenn alle gleich aussehen, entscheidet man sich dann für diejenige, die besser läuft, oder bei der das Kleid besser sitzt. Schreibt die Mode den Models vielleicht zu viel vor – zum Beispiel, dass sie zu dünn sein müssen? Wenn du ein Tennisspieler sein willst, ist es eine Grundvoraussetzung, dass du Tennis spielen kannst. Und als Model musst du dünn sein, das bringt der Beruf mit sich. Privat habe ich viele Freundinnen, die nicht Größe 34 oder 36 haben, das finde ich auch überhaupt nicht schlimm. Aber auf dem Catwalk möchte ich keine Größe 38 sehen. Wenn ein Mädchen allerdings nur noch Größe 32 hat, und nichts mehr an ihr dran ist, ist es auch nicht schön. Viele Prominente bekennen sich zu deiner Mode. Neulich habe ich ein Foto von dir zusammen mit Jeanette Biedermann gesehen. Ist es dir nicht peinlich? Ich stelle mich nicht aus Promotion-Gründen neben Jeanette Biedermann. Sagen wir es mal so: Jeanette Biedermann und ich haben sehr lange miteinander gearbeitet und wir haben uns sehr gut verstanden. Sie hat meine Sachen schon getragen, als mich noch niemand kannte. 2004 stand in der Zeitung: Jeanette Biedermann ist die am schlechtesten angezogene Frau Deutschlands. Und dann kam ich. Es hat ungefähr noch zwei Jahre gedauert, dann stand das nicht mehr da. Jeanette arbeitet hoch professionell, und wir haben tolle Sachen zusammen erlebt.

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