Klingeling: Wir dürfen bald im Flugzeug telefonieren. Ist das gut?

In Fliegern mit entsprechender Ausrüstung sollen wir bald telefonieren dürfen. Ist das Fortschritt? Der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit über notorische Labertaschen und fiese Handystrahlung
wlada-kolosowa

Ade, du Stille über den Wolken! Am Montag hat die EU-Kommission die Einführung von Mobilfunknetzen in Flugzeugen erlaubt. Dafür müssen die Fluggesellschaften an Bord Miniantennen installieren, die die Gespräche in normale Mobilfunknetze leiten. Bisher geht das nicht, weil die Handys mit aller Handykraft versuchen würden, eine Verbindung zur nächsten Bodenstation aufzubauen. Das könnte, heißt es oft, die Bordinstrumente stören. Einige Fluggesellschaften kündigten an, Handygespräche an Bord noch in diesem Jahr möglich zu machen. Markus Kirschneck ist der Pressesprecher der Pilotenvereinigung Cockpit und sagt im Gespräch, was er davon hält. [b]jetzt.de: Jahrelang wurde uns erzählt: Handys aus, sonst stürzt das Flugzeug ab. Warum darf man jetzt plötzlich doch über den Wolken telefonieren? [/b] [b]Markus Kirschneck[/b]: Moment! Es ist ja nicht so, dass man ab sofort an Bord jedes Flugzeugs telefonieren kann. Die Europäische Kommission hat zwar ein entsprechendes Gesetz verabschiedet, aber das gilt nur für Maschinen mit der nötigen technischen Ausrüstung. Ohne ein Bordsystem kann man in einer Höhe von 10.000 Metern sowieso nicht viel mit einem Handy anfangen - es gibt ja keinen Empfang. [b]jetzt.de: Ist es denn nun ein Märchen, dass Handys in Betrieb die Sicherheit im Flugzeug beeinträchtigen? [/b] Den alten Gutachten zufolge könnte Handystrahlung Flugzeugsysteme erheblich stören. Dies blieb zwar immer nur eine Vermutung, aber ich habe nie einen Bericht gesehen, der das Gegenteil beweist. Auf der anderen Seite: Die Europäische Kommission ist übervorsichtig. Wenn sie ein Verbot aufheben, muss es was heißen. Ich gehe also davon aus, dass auf jeden Fall ausreichend wissenschaftliche Beweise dafür vorliegen, dass Telefonieren im Flugzeug mit den neuen Systemen nicht mehr gefährlich ist.

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Illustration: Julia Schubert

Markus Kirschneck ist selbst noch aktiver Pilot. [b]jetzt.de: Hat Cockpit überhaupt keine Bedenken? [/b] Manche haben nach wie vor leise Zweifel – wie gesagt, den entwarnenden Bericht hat noch niemand von uns zu Gesicht bekommen. Grundsätzlich haben wir aber nichts dagegen, solange das Telefonieren kein Sicherheitsrisiko darstellt [b]jetzt.de: Aber sie begrüßen den Gesetzesvorstoß auch nicht. [/b] Wir finden es etwas unglücklich, dass die neue Regelung so unvorbereitet in die Öffentlichkeit gegeben wurde – noch bevor Flugzeuge entsprechend ausgerüstet sind. Ich kann mir vorstellen, dass einige Passagiere nur Fetzen aus den Medien aufgeschnappt haben und jetzt irrtümlich drauf bestehen werden, an Bord Handys zu benutzen. Dabei haben einige Fluggesellschaften wie Air Berlin oder Lufthansa angekündigt, diese Systeme nicht einzubauen und somit das Telefonieren im Flugzeug auch künftig nicht zu ermöglichen. [b]jetzt.de: Ist das eine gute Entscheidung? [/b] Ich denke, es ist im Sinne der meisten unserer Gäste. Mich nervt es schon, wenn in der S-Bahn der Mensch drei Sitze weiter die ganze Zeit laut telefoniert. In einem engen Flugzeug auf einem Langstreckenflug könnte es zu Aggressionen führen. [b] jetzt.de: Gibt es viele, die sich nicht von ihrem Handy trennen können? [/b] Oh ja! Solche Fälle gibt es täglich. Manche versuchen es immer wieder. Besonders hartnäckige Passagiere mussten wir sogar vom Flug ausschließen. [b]jetzt.de: Vielleicht war es ja ein wichtiges Gespräch. [/b] Es gibt keine so dringenden Telefonate, die nicht ein paar Stunden warten können. Vor 15 bis 20 Jahren hatte noch niemand ein Handy und die Wirtschaft, das Leben und die zwischenmenschlichen Beziehungen haben ja trotzdem funktioniert. [b]jetzt.de: Wen würden Sie manchmal gern anrufen, wenn sie in der Luft sind? [/b] Niemanden. Ich finde es ganz schön, wenn es noch Orte auf der Welt gibt, an denen man nicht erreichbar ist.

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