Kneipe mit Biergarten-Prinzip: Christian Blau über sein neues Kilombo

Christian Blaus Gastronomen-Dasein begann im Lehel - aus einem ehemaligen Amüsierlokal im Keller der Seitzstraße machte er das legendär plüschige Szene-Lokal „Egon Bar“, als Szene in München noch mit P1 buchstabiert wurde. Als es mit der Egon Bar vorbei war, ging er in eines der unzähligen Münchner Bier-Stüberl. Auch wenn das „Balan“ am Rosenheimer Platz um 22 Uhr schließen musste, war es immer bestens besucht, unter anderem auch dank der hochkarätigen DJs, legte dort doch unter anderem DJ Hell auf. In den letzten acht Jahren etablierte er das unbekannte Kleinst-Viertel „Obere Au“ im Münchner Nachtleben – mit dem „Kilombo“. Im März musste das Kilombo schließen – aber ab kommender Woche wird es wieder aufleben, im Westend, genauer: in der Gollierstr. 14a. Das Kilombo hat unter der Woche von 18 Uhr bis 1 Uhr und am Wochenende bis 2 Uhr geöffnet.
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Du warst in der Innenstadt, in Haidhausen und in Giesing. Warum hat es dich jetzt ins Westend verschlagen? Das Westend hat in München mit die urbanste Viertel-Struktur und erinnert noch am ehesten an das Leben in einer Großstadt. Hier ist Multikulti kein Konzept, sondern einfach da – und zwar schon seit Generationen. Ich wache morgens mit Stimmen aus dem Orient auf – und die schreien teilweise so laut in diesen fremden Sprachen, die man nicht versteht, dass ich schon öfter Angst hatte, dass gleich eine Schlägerei los geht. Aber dann habe ich kapiert, dass die sich einfach nur unterhalten.

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Illustration: Julia Schubert

Ist das Westend das kommende Stadtviertel? Ja, auf jeden Fall. Ich merke das unter anderem daran, dass wahnsinnig viele Leute hierher ziehen, die ich kenne. Das sind bestimmt 30 Prozent des ehemaligen Kilombo-Klientel. Und durch den Bavaria-Park ist das Viertel auch für Familien interessant. Die Mieten sind immer noch verhältnismäßig niedrig. Man muss halt nur hoffen, dass es dem Viertel nicht so ergeht wie Haidhausen, wo mittlerweile fast nur noch diese Wohlstands-Grünen wohnen, die immer noch so tun, als seien sie alternativ. Hast du dich schon eingelebt? Absolut! Ich habe innerhalb von zwei Wochen mehr Menschen kennen gelernt, als in den acht Jahren, die ich in der Senftlstraße in Haidhausen verbracht habe. Gibt es etwas, das du vermisst? Überhaupt nicht, Ich habe hier eine permanente Urlaubsstimmung. Alleine die Bewegungen sind viel langsamer. Das habe ich sogar gemessen: Die Menschen legen hier im Westend den Meter halb so schnell zurück wie auf der Leopoldstraße. Auch beim Einkaufen wartet man immer länger. Nicht, weil so viel los wäre, sondern weil alles einfach ein bisschen länger dauert und weil man hier gerne einen Plausch hält. Aber das heißt nicht, dass hier nichts los wäre – es herrscht den ganzen Tag über eine ziemliche Betriebsamkeit. Was wird das neue Kilombo für ein Lokal? Es gibt definitiv kein Schnitzel mehr. Die Küche funktioniert ein wenig so wie in einer italienischen Autobahn-Raststätte. Es gibt nur kleine Gerichte, zum Beispiel Sandwiches. Wer richtig essen will, kann etwas von meinem Nachbarn „Halil“ bekommen, der nebenan seinen sehr guten türkischen Imbiss hat und die Bestellungen sogar ins Kilombo liefert. Und wir stellen eine Speisekarte für alle Nicht-Westendler zusammen: Da stehen die Empfehlungen für gutes Essen in der Umgebung drin. Ich habe alle getestet und weiß, wo es gute Pizza oder andere gute Speisen gibt. Das neue Kilombo soll nach dem Biergarten-Prinzip funktionieren. – jeder kann sein Essen mitbringen und bei mir verzehren. An der Bar kann sich jeder seine Getränke holen und ich habe eine feste Sitzordnung abgeschafft, damit die Leute keine Angst mehr haben, sich an einen besetzten Tisch dazu zu setzen. Aus der Küche haben wir ein Raucherzimmer gemacht – meine Gäste rauchen einfach mehr, als dass sie essen würden. Wie kann man aus einer Kneipe ein gutes Lokal machen? Nach meiner Erfahrung muss man gute und nette Mitarbeiter finden, gute Musik spielen und sich bewusst machen, dass ein Lokal ein Regulativ zum Alltag sein sollte und kein normales Geschäft. Und so habe ich auch keine Kunden, sondern Gäste. Bei manchen Gastronomen beobachte ich das Gegenteil: die sprechen von ihren Gästen immer nur als „Kunden“ und das spürt man auch – in deren Läden fühle ich mich auch wie bei „Penny“ an der Kasse. Welche Leute braucht so eine Kneipe, um zu existieren? Man braucht Stammgäste, aber man darf das nicht nur Viertel-orientiert betreiben. Ich will ja keine Nachbarschafts-Wirtschaft machen, sondern eine gute Bar – eine Stadtteil-Bar. Hast du als Wirt Einfluss auf deine Gäste? Ja. Die Musik ist mein Einfluss auf die Gäste. Alleine wenn ich Klassik auflege, gibt es ein bestimmtes Klientel, das fluchtartig den Laden verlässt. Und so kann ich ein wenig steuern, wer in meiner Bar ist und wer nicht. Wie ist die Konkurrenz im Westend? Ich betrachte andere Wirte nicht als Konkurrenz, sondern als Kollegen. Das war es ja gerade, was dem alten Kilombo in Haidhausen gefehlt hat: dass es keine anderen guten Lokale gegeben hat. Sonst hätten vielleicht mehr Leute den Weg über die Isar auf sich genommen, wenn sie gewusst hätte, dass es dort mehr als das Kilombo gibt. Ich freue mich, wenn ein neuer guter Laden in meiner Nachbarschaft aufmacht.

Text: christina-waechter - Foto: David Freudenthal

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