Maike, dein Film „häppchenweise“ wird als Postporno bezeichnet – kannst du erklären, was du damit meinst?
„häppchenweise“ ist kein klassischer Pornofilm, sondern ein dokumentarischer Film zum Thema, der sich auch traut, explizite Bilder zu zeigen. Er eignet sich auch eher nicht als Masturbationsvorlage. Die Grundaussage des Filmes ist: Kopf und Körper lassen sich nicht voneinander trennen. Ganz grundsätzlich ist „Postporno“ eine Bewegung, die aus den 1980er Jahren stammt, die aus der Queer-Ecke kommt. Die haben damals gesagt: es bringt nichts, immer nur die Mainstream-Porno-Bilder zu bemängeln, wir müssen einfach selber andere Bilder schaffen und so die Geschlechterstereotype ändern. Was das Geschlecht und unsere Sexualität ausmacht, ist mitunter sozialisiert, und Bilder haben einen großen Einfluss darauf. Deshalb ist es so wichtig, dass vielfältige Bilder geschaffen werden. Die Postporno-Bewegung will Pornografie nicht abschaffen, sondern ein vielfältiges Angebot schaffen.  

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Was bedeutet das konkret?
Es geht uns vor allem darum, nicht immer die typischen Porno-Konventionen zu wiederholen, die es für jedes einzelne Genre und Format ja gibt. Außerdem versuchen wir, die Künstlichkeit zu thematisieren und den Unterschied zwischen realer Sexualität und der medial vermittelten.  

Die Handlung von „häppchenweise“ haben die Protagonisten selbst bestimmt, oder? Es geht um einen Abend zwischen Freunden, Flaschendrehen und dann Sex.
Ein Drehbuch hatte ich nicht. Die einzige vorgegebene Requisite waren die Karten für das Flaschendrehen, auf denen Fragen und Aktionen zum Thema Sex standen. Aber selbst da war es den Mitwirkenden selbst überlassen, ob sie die beantworten, oder ob ihnen die zu intim waren. Es gibt in „häppchenweise“ pornografische Szenen, aber wie weit die gehen, kann ich hier nicht verraten. Ich glaube, das macht gerade einen großen Reiz des Films aus, dass man sich mit den realen Personen, die da gezeigt werden, identifizieren kann und mit ihnen zusammen nervös ist, was im Laufe des Abends noch passiert.    

Wolltest du einen Porno drehen? Oder wolltest du mit dem Film über Pornografie etwas sagen?
Der Film hätte schon auch ein Porno werden können, das haben wir ja von vornherein ganz offen gehalten. Ziel war es, dem Thema Sex ganz offen gegenüber zu sein, so dass die Möglichkeit besteht, dass auch etwas Explizites entsteht. Mir war besonders wichtig, dass es keinen Druck gibt. Dass ich keine Regieanweisungen gebe und keine professionellen Pornodarsteller da sind, die dann meinen, sie müssten etwas abliefern. Dafür bin ich auch das Risiko eingegangen, dass gar nichts passiert und die sechs Protagonisten nur nervös dasitzen und schwitzen.    

Gibt es in Deutschland einen Markt für „Postporno“ oder Indie-Porno? 
Wir haben auf jeden Fall schon viele Vorbestellungen für den Film. Ich glaube, es gibt einfach sehr viele Menschen, die nach alternativen Pornoformaten und -Bildern suchen. Und dass es grundsätzlich ein Interesse an Mischformaten gibt – also Filmen, die sowohl eine Geschichte erzählen, als auch pornografische Szenen enthalten. Ganz grundsätzlich kann man sagen, dass Sex ein Thema ist, das alle miteinander verbindet und interessiert.    

Beim Ansehen des Trailers fällt gleich auf, wie hübsch die Protagonisten alle anzusehen sind und dass sie sehr sympathisch und schlau rüber kommen. War das Casting schwierig?
Es war nicht einfach und hat ein paar Monate gedauert. Und ich habe mir mit den sechs natürlich auch die Rosinen rausgepickt. Beim Casting bin ich von meinem eigenen Gefühl ausgegangen und habe auch darauf geachtet, wie sie sich in Gesprächen mit Themen auseinandersetzen und wie sehr sie zur Reflektion fähig sind.    

Ihr alle habt den Film komplett ohne Lohn gemacht. Was tust du jetzt, wenn du dank der vielen Vorbestellungen auf einmal Geld mit dem Film verdienst?
Wir haben das Projekt bewusst erst mal nicht kommerziell angelegt. Aber in unseren Verträgen steht auch drin, dass, sollten wir Geld mit dem Film verdienen, der Gewinn gerecht aufgeteilt wird. Momentan sind wir bei einer schwarzen Null angekommen. Mal schauen, ob wir wirklich etwas damit verdienen.  

Hat sich dein Blick auf die Porno-Industrie durch deine Arbeit verändert?
Man stößt in der Industrie immer wieder auf Produktionsbedingungen, die unter aller Sau sind. Und man trifft auch Darsteller, die aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Lebenssituation darauf angewiesen sind, sich so ihre Lebensgrundlage zu verdienen. Aber ich habe definitiv gelernt, dass Porno nicht gleich Porno ist. Es gibt unglaublich viele Formate: Fair Trade Porno, Pornos für Frauen, Fetisch-Pornos. Es gibt diese alternative Pornoszene, in der viele tolle Gegenbilder geschaffen werden.    

Hast du etwas über den Umgang unserer Gesellschaft mit Sexualität gelernt?
Es gibt auf jeden Fall diese Übersexualisierung, von der immer geredet wird. Aber die ist eben doch sehr einseitig und es werden die immer gleichen Bilder gezeigt von den perfekten Körpern mit den klassischen Schönheiten. Sogar auf Youporn, wo sie so tun, als wären das Amateurfilme und in Wahrheit stecken die immergleichen Produktionsfirmen dahinter. Das ist kein ehrlicher Umgang mit Sexualität und da wollte ich mit „Häppchenweise“ zeigen, dass es auch einen liebevolleren Zugang geben kann zu dem Thema, dass man Menschen mit ihren Ängsten und ihrer ganzen Person in expliziten Bildern zeigen kann. 

Am Freitag, den 26.4., wird "häppchenweise" im Münchner Maxim-Kino in Anwesenheit der Regisseurin und zweier Darsteller vorgeführt. Der Film beginnt um 18:30 Uhr, Einlass ab 18 Jahren. Einen offiziellen Veröffentlichungstermin für den Film gibt es noch nicht, da die Bundesprüfstelle noch keine Altersfreigabe vergeben hat. Maike Bruchhaus hofft, eine FSK 16 zu bekommen. Nähere Informationen findest du auf der Website.



Text: christina-waechter - Foto: Julian Roeder