London, Paris, Ceuta: Interview über den Sturm auf die Festung Europa

Die Anschläge auf die Londoner U-Bahn vor einem Jahr. Der Sturm der afrikanischen Flüchtlinge auf die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla im September 2005. Die brennenden Autos in den Pariser Vorstädten kurz danach. Europa sitzt auf einer Sprengladung und die heißt Migration, sagt österreichische Journalistin Corinna Milborn, 34, in ihrem Buch „Gestürmte Festung Europa“. Die aktuellen Ereignisse geben ihr Recht: Erst letzte Woche wurden wieder drei Menschen erschossen bei dem Versuch, den Grenzzaun in Melilla zu überwinden. Am Montag und Dienstag trafen sich jetzt Politiker aus Europa und Afrika um Lösungen für das Problem der illegalen Einwanderung zu finden – und haben in erster Linie Sicherheitspolitik diskutiert.
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Für Corinna Milborn liegt genau darin das Problem. Sie war in den Auffanglagern in Nordafrika und ist in die Herkunftsländer der Flüchtlinge gefahren, in die Sahelzone und den Kongo. Sie hat mit Moslems in London gesprochen und mit illegalen Landarbeitern in Spanien und sie ist überzeugt: Mehr Sicherheitspolitik kann die Einwanderung nicht aufhalten. Sie macht sie nur gefährlicher, und zwar für alle.

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Illustration: Julia Schubert

Corinna Milborn in Ceuta mit illegalen Einwanderern aus Algerien; Foto: Milborn London, Paris, Ceuta – du gehst in „Gestürmte Festung Europa“ auf alle drei Ereignisse ein. Welches Ereignis hat dir den entscheidenden Anlass gegeben, ein Buch über Europa und die Einwanderung zu schreiben? Eigentlich waren es genau diese drei, und zwar in dem Moment, als mir klar wurde, dass es sich hier nicht um separate Phänomene – also die Afrikakiste, das Integrationsthema – handelt, sondern um mehrere Facetten desselben Problems. Der Zusammenhang liegt in der Ausgrenzung? Genau. Europa ist seit Jahrzehnten ein Einwanderungskontinent, geht damit aber nicht um. Hier leben bereits Millionen von Einwanderern und es werden noch viel mehr werden. Anstatt dieser Tatsache ins Auge zu schauen, und sich zu überlegen, was man mit den Leuten macht – werden immer mehr Mauern errichtet. Aber das nützt nichts. Wenn Menschen irgendwo hinein wollen, dann schaffen sie es auch – da kann die Mauer noch so hoch sein, das hat die Geschichte oft genug gezeigt. Wie sehen diese Grenzen aus? Einerseits werden sichtbare, greifbare Mauern um Europa herum gebaut – die Stacheldrahtzäune, die Überwachungszonen, die bewaffneten Grenztruppen gehören dazu. Sie sind dafür da, um niemanden herein zu lassen. Andererseits gibt es die Barrieren im Inneren, die auch viel mit Rassismus zu tun haben. Da werden ganze Bevölkerungsgruppen diskriminiert und auch dann noch als Ausländer und Fremde wahrgenommen, wenn sie schon in der dritten oder vierten Generation im Land leben. In deinen Beschreibungen der muslimischen Jugendlichen in London sieht man, wo das hinführt: Überzogene Identifizierung mit der Religion, weil das Land einen nicht zu haben wollen scheint. Generell erzeugt die missglückte Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte Extremismus. Jugendliche, die von dem Staat, in dem sie leben, nur Beschränkungen und Ablehnung erfahren, können sich mit ihm auch nicht identifizieren. In Paris haben Kinder aus Einwandererfamilien etwa bei Bewerbungsgesprächen keine Chance, wenn sie keinen französischen Nachnamen tragen, in England sieht es ähnlich aus. Die falsche Hautfarbe und Herkunft bedeutet automatisch gesellschaftliche Benachteiligung – eine unglaublich frustrierende Erfahrung. Keine staatlichen Sozialeinrichtungen kümmern sich in England um die Einwanderer aus Pakistan – das machen dann die radikal-islamischen Muslim-Brüder, und über den entsprechenden Einfluss. Und auch in Deutschland und Österreich haben wir dieses Problem: erst pauschale Ignoranz gegenüber Einwanderern, jetzt pauschales Misstrauen. Wenn man von den jungen Hobby-Djihadisten in London liest, die mitten in Europa einen Gottesstaat aufbauen, wird einem aber auch etwas klamm. Das stimmt, so ging es mir dort auch. Aber man sollte sich trotzdem zwei Dinge vor Augen halten. Ersten muss ein Mensch mir nicht sympathisch sein, um die selben Rechte wie ich zu haben. Und zweitens kann man auch nicht alle extremistisch gesinnten Menschen einfach einsperren. Man kommt einfach nicht um die Frage herum, wie man diese Umstände ändern kann, und das geht ganz einfach nur durch Sozialarbeit, nicht durch irgendwelche Agentennetzwerke.

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Illustration: Julia Schubert

Flucht vom Senegal auf das Urlaubsparadies Kanaren, mehr Bilder dazu gibt es hier ; Fotos:studiosankara.com In einer Erklärung des Europäischen Rates vom November 2004 werden illegale Migration und Terrorismus in einem Satz genannt. Diese Haltung kritisierst du. Aber nach allem was du schreibst – besteht nicht doch ein Zusammenhang zwischen Einwanderung und Terrorgefahr? Es gibt einen Zusammenhang, ja. Aber die Massen illegaler Flüchtlinge, die in kleinen Booten versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, haben mit den Busbomben in Madrid gar nichts zu tun. Trotzdem wird illegale Einwanderung ständig mit Terrorismus verknüpft. Die Leute, die Attentate planen, leben hier – der Extremismus wird zu einem ganz großen Teil durch die mangelhafte Integrationspolitik in Europa erzeugt, nicht durch die wirtschaftliche Not in Afrika. Tausende von Menschen versuchen jeden Tag, illegal nach Europa zu kommen. Viele von ihnen verlieren dabei ihr Leben – soll man sie am Besten alle herein lassen, oder wie geht man mit dieser Situation um? Erstens muss man sich einmal fragen, warum die von zu Hause weg wollen. Sie machen das ja nicht aus Spaß, sondern weil sie für sich keine andere Wahl sehen. Ich habe viele Menschen getroffen, die ganz deutlich gesagt haben, sie seien auch bereit, ihr Leben zu lassen, um nach Europa zu kommen. Diese Verzweiflung entsteht durch zwei Faktoren: Die extreme wirtschaftliche Not und die politische Aussichtslosigkeit in den Heimatländern. Daran muss man arbeiten. Anstatt also den afrikanischen Diktatoren Millionensummen für den Kampf gegen die illegalen Migranten zu schenken, sollten sich Europa bemühen, den Schaden, den es in Afrika angerichtet hat, einzudämmen. Also Bedingungen zu schaffen, damit die Leute wieder Lust haben, zu Hause zu bleiben? Damit sie überhaupt eine Möglichkeit dazu haben. Ein junger Mensch in der Sahelzone wächst auf mit der Erfahrung, dass seine Geschwister verhungern und ohne irgendeine Perspektive später zu arbeiten, irgendwann eine Familie zu gründen oder sich eine Wohnung leisten zu können. So ein Leben hält niemand aus, wenn er weiß, dass er, einmal in Europa angekommen, sich hier auch eine Existenz aufbauen wird. Deswegen wird er alles versuchen, um es zu schaffen. Und deswegen kann die illegale Einwanderung auch nicht durch höhere Mauern und bewaffneten Grenzschutz gestoppt werden. Sie wird nur gefährlicher und tödlicher. Gestürmte Festung Europa von Corinna Milborn ist Styra Verlag erschienen, hat 280 Seiten und kostet 19,90 Euro.

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