"Lustgrotte" geht gar nicht"

In "Bester Sex" erzählen Frauen, was guter Sex für sie ausmacht. Ein Gespräche über das Reden über Sex mit den Herausgeberinnen Ina und Marlene
philipp-mattheis

jetzt.de: Findet ihr eigentlich nicht, dass wir alle zu viel über Sex sprechen? Ina: Insgesamt ja - nur in Partnerschaften wird wenig darüber gesprochen. Marlene: Das ist eine Art Doppelmoral. Nach außen hin wirkt alles sehr liberal und übersexualisiert, aber im zwischenmenschlichen Bereich gibt es immer noch viele Hemmschwellen. Wie ist das bei euch selbst? Redet ihr viel darüber? Ina: Ich halte mich schon für sehr offen. Nur manchmal wundert es mich, dass anscheinend Leute in meinem Alter damit mehr Probleme haben als 40- oder 50-Jährige. Vor allem Mädchen haben da oft Hemmungen. Marlene: Ja, da ist bei manchen wirklich erstaunlich. Viel hat mit Erziehung zu tun. Wie seid ihr selbst mit dem Thema groß geworden? Ina: Ich würde sagen: ganz normal. Es war schon locker, aber meine Eltern haben nicht vor mir Sex gehabt oder so. Ich habe viel Bravo gelesen und hätte auch mit meinen Eltern darüber reden können, aber das wollte ich nicht. Wer will das schon? Marlene: Wir sind ja auch nicht jetzt die Sexpertinnen oder gar Nymphomaninnen. Wir glauben nur, dass es viele Parallelen zwischen Frauen gibt. Und die meisten Frauenzeitschriften geben halt immer noch dämliche Sex-Tipps, wie man dem Mann besser gefallen kann. Ina: Zum Beispiel: Man sollte beim Blowjob ein paar Körner Reis mit in den Mund nehmen. Das ist doch Schwachsinn! Nach welchen Aspekten habt ihr die Geschichten für das Buch ausgewählt? Marlene: Uns war dann vor allem wichtig, dass die Geschichten realistisch sind. Ina: Wir wollten keine Schundromanerotik. Wir hatten ja auch Anfragen, ob es ok ist, wenn Feen und Kobolde darin vorkommen. Natürlich nicht! Uns war es auch wichtig, dass man die Dinge beim Namen nennt – also „Schwanz“ und „Fotze“ statt „Vulva“ und „Pullermann“.

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Illustration: Julia Schubert

Sexuelles Vokabular ist vermint. Welche Wörter gehen gar nicht? Marlene: Zum Beispiel bei Wörtern wie „Lustgrotte“ oder „Jadestab“. Da stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ina: Ich kenne aber auch Mädchen, die finden das Wort „Schwanz“ grässlich. Sprechen Männer anders über Sex? Ina: Männer und Frauen empfinden Erotik unterschiedlich. Und ich glaube, dass Jungs weniger offen über sexuelle Probleme sprechen. Das Vokabular unterscheidet sich aber nicht. Marlene: Ich muss aber auch sagen, dass ich noch nie bei einem reinen Männergespräch dabei war. Vielleicht drücken sich Jungs derber aus? Ina: Das glaube ich nicht. Marlene: Vielleicht, wenn es sich um einen One-Night-Stand handelt, aber nicht über Probleme mit der eigenen Freundin. Ina: Ich glaube auch nicht, dass Frauen weniger über Sex sprechen, aber sie haben eher Probleme, als sexuell aktiv wahr genommen zu werden. Männer werden halt noch immer als „geiler Hengst“ wahrgenommen. Wenn Frauen darüber sprechen, ist man schnell als Schlampe verrufen – davor haben viele Angst. Als Frau hat man oft immer noch nur die Wahl zwischen Heilige und Hure. Marlene: Einerseits will man modern und offen sein. Andererseits hat man Angst davor, wie man dann von der Gesellschaft wahrgenommen wird. Wären die Geschichten anders, wenn sie Männer geschrieben hätten? Marlene: Ich glaube, sie wären fantasievoller. Männer hätten mehr Probleme, realistisch zu bleiben. Ina: Dabei denkt man ja eigentlich, Frauen würden Sex immer romantisieren von wegen Kerzenlicht, Kuschelrock und halber Stunde Vorspiel. Auffällig in den Geschichten ist jedoch, dass es fast nur um reinen Sex geht. Die Frage „Ruft er später noch an?“ oder „Liebt er mich wirklich?“ spielt keine Rolle. Habt ihr manche Texte abgelehnt, weil sie zu explizit waren? Marlene: Einen vielleicht. Aber die meisten waren eher zu soft und zu wenig explizit. Ina: Eine schrieb einfach nur: Dann ging alles sehr schnell.

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Illustration: Julia Schubert

Insgesamt aber sind die Texte in "Bester Sex" sehr explizit, fast schon pornografisch. Seid ihr der Meinung, Pornographie hat einen zu starken Einfluss heute? Ina: Das kommt darauf an. Es gibt ja innerhalb der Porno-Industrie große Unterschiede. Trotzdem zeichnen die meisten Pornos ein verqueres Bild von Frauen: Unterwürfige Wesen, die nur dazu da sind, Männern zu gefallen. Das übt Druck aus – übrigens nicht nur auf Frauen. Auch für Männer wird die Erwartungshaltung erhöht. Die breite Masse der Pornos ist für Männer zugeschnitten. Dadurch entsteht ein völlig falsches Bild von dem, was Frauen erwarten. Marlene: Ich habe das Gefühl, dass Pornographie schon zu einer Art Ersatz-Sexualerziehung für Jüngere geworden ist. Das sehe ich sehr kritisch. Ina: Amerikanische Pornos schaue ich deswegen auch nicht mehr. Sondern? Ina: Erika Lust zum Beispiel, eine Spanierin. Die macht Pornos für Frauen, ohne dabei jetzt dezidiert feministisch zu sein. Das finde ich sehr ansprechend. Spätestens seit Charlotte Roche ist es ja ziemlich hip, wenn junge Frauen explizit über Sex sprechen. Könnt ihr mit diesem Trend etwas anfangen? Ina: Ja! Diese Entwicklung – die Bücher und nicht zuletzt die Serie „Sex and the City“ – hat auch den Weg für unser Magazin Alley Cat geebnet. Trotzdem muss man nicht gleich alles gut finden, das mit Frauen und Erotik zu tun hat. „Feuchtgebiete“ fand ich lustig, „Bitterfotze“ habe ich nicht gelesen. Im Vorwort heißt es „Ergebnis Nummer eins: Richtig heiß wird es meist nicht mit dem Gärtner (…), sondern mit dem langjährigen Freund (…). Ergebnis Nummer zwei: Guter Sex muss nicht unbedingt romantisch sein.“ Das ist also die Quintessenz der 33 Geschichten? Ina: Die Szenarien, wo, wie und wann Sex stattfindet, die Dialoge, die Anmache, das ist alles austauschbar. Wenn man etwas aus dem Buch lernt, ist es, an welchen Stellen Frauen gerne angefasst werden. Das ist bei allen Geschichten nahezu gleich. Die Lehre ist also in erster Linie anatomischer Art.

Text: philipp-mattheis - Fotos: Nico Klein-Allermann

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