jetzt.de: Du hast dein Album „I never learn“ genannt, da liegt die erste Frage auf der Hand. Was lernst du denn nie?
Lykke Li: Die Antwort liegt auch auf der Hand, oder?

Wahrscheinlich schon. Geht es um die Liebe?
Ja, es geht um die Liebe. Auch wenn ich denke, dass ich mich in vielen Bereichen in den letzten Jahren verändert habe, und zwar weitgehend zum Positiven, so habe ich den Eindruck, dass ich mich in der Liebe auf der Stelle bewege. Ich tue mich immer noch sehr schwer in Beziehungen.

Warum ist das so?
Die Liebe ist ein Puzzle, das ich nicht gelöst kriege. Und ich will das auch gar nicht. Denn schwere Puzzles sind spannend, ich beiße mir gerne die Zähne daran aus.

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"Ich denke oft, ich will vor allem deshalb heiraten, damit ich später über die Scheidung schreiben kann."

Die neuen Songs wie zum Beispiel „Love me like I’m not made of Stone“, „Never gonna love again“ oder „Sleeping alone“ handeln vom Verlassen, vom Verlassen werden, von der Einsamkeit. Ist während der Arbeit an dieser Platte wieder eine Beziehung zerbrochen?
Ja.

Hatte dein vorheriges Album „Wounded Rhymes“ nicht auch das Ende einer Liebe zum Thema?
Hatte es.

Und dein Debüt „Youth Novels“ doch ebenfalls.
So ist es. Deshalb auch der Titel „I never learn“.

Bist du momentan wieder liiert?
Das möchte ich nicht verraten. Ich glaube aber grundsätzlich, dass andere junge Frauen ähnliche Erfahrungen mit der Liebe machen wie ich. Dadurch, dass ich Songs darüber schreibe, bekommt das Thema bei mir bloß eine viel stärkere Dramatik und Gewichtung. Wenn bei mir eine Liebe scheitert, und bis jetzt sind noch alle gescheitert, dann beschäftigt mich das halt extrem, und ich verfasse dementsprechend extreme Texte.

Wissen die Männer das, wenn sie sich mit dir einlassen?
Die Jungs sind Musen, und das wissen sie. Teilweise waren sie ja mehrere Jahre lang mit mir zusammen. Es ist in Ordnung für sie, wenn ich später Songs über meine Zeit mit ihnen schreibe. Und wenn nicht, dann können sie auch nichts daran ändern.

Brauchst du Liebesdramen, um kreativ sein zu können?
Manchmal habe ich leicht den Verdacht, dass ich das Drama kreiere, über das ich dann schreibe. Ich verdränge diesen Gedanken jedoch schnell wieder, weil er mir unangenehm ist.

Käme eine glückliche Liebe für dich überhaupt in Frage?
Alle meine Beziehungen waren ja am Anfang glücklich. Ab und zu wünschte ich mir, ich hätte ein ruhigeres Leben. Aber wer mit Mitte 20 verheiratet ist, im Häuschen auf dem Land sitzt und zwei Kinder hat, der wünscht sich womöglich mein unstetes Großstadtleben. Wir wollen doch immer das, was wir nicht haben, oder? So ist der Mensch. Und in der Tat träume ich manchmal davon, verheiratet zu sein und glücklich. Aber dann kommt mir immer dieser seltsame Gedanke.

Welcher?
Ich stelle mir vor, vor allem deshalb eine Ehe eingehen zu wollen, damit ich später über die Scheidung schreiben kann. Ich glaube, mir kann passieren, was will - ich werde nie ein fröhliches Pop-Album mit glücklichen Texten machen. Ich bin keine Miley Cyrus oder ein Pharrell Williams. Die dunklen Seiten der Musik und der Kunst ziehen mich einfach mehr an.

Du hast als Kind mit deinen Eltern unter anderem in Nepal, Marokko und Portugal gelebt. Mit 19 bist du aus aus dem heimischen Ystad nach Brooklyn gezogen, um Sängerin zu werden. Später nach Stockholm, und jetzt lebst du seit zwei Jahren in Los Angeles. Kann es sein, dass du nicht nur in der Liebe, sondern insgesamt im Leben die Abwechslung magst?
Das kann sehr gut sein. Ich bin als Nomadin aufgewachsen, und mir gefiel das recht gut, häufig an neue Orte umzuziehen. Meine Kindheit war sehr bunt und vielfältig. Ich bin von Anfang an eine Abenteuersucherin gewesen. Das ist einfach in meiner Seele drin. Meine Eltern sind in dieser Hinsicht ganz ähnlich wie ich.

Wahrscheinlich liebst du es, auf Tournee zu sein?
Seltsamerweise überhaupt nicht. Eine Tour ist immer sehr hektisch, und man sieht so gut wie gar nichts von Orten, an denen man sich aufhält. Am besten an meinem Beruf gefällt mir die Phase, wenn ich von einer Tournee nach Hause komme.

Die meisten deiner Kollegen erzählen genau das Gegenteil. Nämlich dass es ihnen schwerfällt, runterzukommen und wieder den Alltag zu bewältigen.
Ich finde das toll. Wäsche waschen, in den Supermarkt gehen, die Wohnung putzen, Freunde treffen, ausschlafen. Das ist doch herrlich. Eine Tour ist auch körperlich sehr anspruchsvoll und erschöpfend. Danach muss ich mich immer ausruhen. Nach dem Ausruhen fange ich dann an zu schreiben.

Was bedeutet denn das Songschreiben für dich?
In mir sammeln sich so viele Emotionen und Eindrücke an. Die müssen irgendwann aufgeschrieben werden. Sonst würde ich platzen oder verrückt werden und könnte nicht weiterleben. In der Regel schreibe ich alleine, am liebsten am Klavier bei mir zuhause in Los Angeles. Ich brauche die Welt da draußen nicht immer. Das ist auch das Schöne an L.A. Die Stadt ist sehr anonym, die Menschen leben in ihrer eigenen Welt – sei es im Haus oder im Auto. Los Angeles ist eher ungesellig, und das gefällt mir gut.

Deine Produktionspartner kommen aus verschiedenen Welten. Björn Yttling ist Kopf des Indie-Pop-Trios Peter, Björn & John. Greg Kurstin ist ein Superstarproduzent, der mit Pink und Katy Perry arbeitet. Wie passt das zusammen?
Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich fühle mich keiner bestimmten Welt wirklich zugehörig – weder dem Alternativ-Pop noch dem Mainstream. Es ist doch viel interessanter, sich eben nicht entscheiden zu müssen und sich den üblichen Schubladen zu verweigern.

Du sagst, deine Musik soll das „guilty pleasure“ deiner Generation sein. Was meinst du damit?
Ich denke an Songs wie „Total Eclipse oft the Heart“ von Bonnie Tyler oder „I want to know what Love is“ von Foreigner – das waren die peinlichen Lieblingslieder aus der Generation meiner Eltern. Dabei finde ich, das sind tolle Songs, die einem überhaupt nicht peinlich sein müssen. Und ich mache ja nun auch nicht die total abgefahrene schräge Musik. Sondern Lieder mit viel Gefühl und Melodie, die trotzdem schön und ernsthaft sind.

Vor zwei Jahren wurde deine Welt ziemlich durchgerüttelt, als der belgische Musiker und Produzent Stephen „The Magician“ Fasano deinen Song „I follow Rivers“ für die Tanzfläche remixte und in Deutschland und vielen anderen Ländern damit auf Platz Eins landete. Wie hast du es empfunden, auf einmal ein richtiger Popstar zu sein?
Der Song hat meine Karriere stark beschleunigt. Und es ist natürlich aufregend, ein Lied komponiert zu haben, das die Menschen tatsächlich kennen. Es fühlt sich allerdings bis heute so an, als wäre der Song ohne mein Wissen explodiert.

Wie meinst du das?
Als der Remix veröffentlicht wurde, richtete ich gerade mein Häuschen im Laurel Canyon in Los Angeles ein. Ich habe dann noch ein paar TV-Auftritte gemacht, aber im Kopf war ich praktisch schon weiter, nämlich bei den Ideen für das neue Album.

Was bedeuten dir der Charterfolg und der damit einhergehende finanzielle Wohlstand?
Nicht so viel. Für mich persönlich hat sich gar nichts dadurch geändert, dass ich einen Hit hatte. Ich finde es bis heute eher unangenehm, im Auto oder Café zu sitzen, und sie spielen plötzlich mein Lied.

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Das Album „I never learn“ ist vergangene Woche erschienen.



Text: steffen-rueth - Foto: Justin Tyler