„Macht macht sexy“

In „Carlos – Der Schakal“ spielt Nora von Waldstätten (28) die Ehefrau des einstigen Superterroristen Carlos. Wir sprachen mit der gebürtigen Österreicherin über das nervige Etikett „Shooting Star“, das Gute am Bösen und den Reiz des Verbotenen.
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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de:Du hast mittlerweile in über zehn Filmen mitgespielt, warst mehrfach im Kino und im Fernsehen zu sehen. Dennoch wirst du immer noch häufig als Shooting Star tituliert und hast in diesem Jahr den Max-Ophüls-Preis als beste Nachwuchsdarstellerin gewonnen. Nervt dich das manchmal? Nora von Waldstätten: Nerven wäre das falsche Wort. Aber ich muss schon manchmal schmunzeln, wenn ich wieder als Neuling bezeichnet werde. Manchmal dauert es aber nun mal eine Weile, bis man als Schauspieler wirklich wahrgenommen wird. Bei mir war es 2009 die Rolle der Victoria in der Tatort-Folge „Herz aus Eis“, durch die mich die Leute plötzlich auf dem Schirm hatten – da haben immerhin 8 Millionen Menschen zugesehen. Durch diese Rolle habe ich wahnsinnig viel Resonanz erfahren, und das war toll. Jetzt bist du in „Carlos – Der Schakal“ als Magdalena Kopp, der Ehefrau des berüchtigten Terroristen Carlos zu sehen. Musstest du lange überlegen, ob du die Rolle annimmst? Nein. Das ist ein Projekt, bei dem man keine Sekunde lang zögert. Ich wusste, dass ich das machen will, habe einen Freudenschrei losgelassen und war einfach wahnsinnig glücklich, diese Rolle angeboten bekommen zu haben. Der Film wird in den Kinos zwar vor allem in der 190-Minuten-Fassung gezeigt, läuft regulär jedoch stolze fünfeinhalb Stunden. Da stellt sich die Frage: Hätte man die Story nicht auch in der üblichen Spielfilmzeit erzählen können? Der Film behandelt ein sehr komplexes Thema, für das sich der Regisseur Olivier Assayas die nötige Zeit genommen hat – sowohl für den geschichtlichen Aspekt als auch für die einzelnen Figuren. Es galt, dem Kosmos ‚Carlos’ wirklich gerecht zu werden. Für mich ist der Film wie ein Buch von Tolstoi, bei dem man sich die Zeit nehmen muss, richtig in die Geschichte einzutauchen und eine Verbindung zu den einzelnen Figuren aufzubauen. Du selbst erscheinst im Film jedoch erst nach einer Zeit, in der „normale“ Filme meist schon vorbei sind. Stört dich das nicht? Ja, stimmt (lacht). Das ist wirklich ein bisschen komisch. Aber was soll ich machen, wenn die Magdalena erst so spät mit Carlos zusammengekommen ist? Daran kann ich ja leider nichts ändern. Im Film geht es auch um den Glauben, die Welt verändern zu können – mit welchen Mitteln auch immer. Heutzutage scheint dieser Glaube ein wenig verloren gegangen zu sein. Vermisst du das manchmal? Damals sind die Leute tatsächlich ständig auf die Straße gegangen und haben demonstriert, wenn ihnen etwas nicht gepasst hat. Die Menschen haben sich engagiert, und das vermisse ich in unserer Generation in der Tat manchmal. Auf der anderen Seite ist man ja bereits erschlagen davon, wofür man eigentlich alles aufstehen und auf die Straße gehen müsste. Dass Terrorismus und Gewalt jedoch niemals geeignete Mittel sind, um auf Missstände aufmerksam zu machen, steht außer Frage.

Der Trailer zum Film. Magdalena ist von Carlos von Anfang an fasziniert. Macht Gefährlichkeit sexy? Ja, ich fürchte, das ist so: Macht macht sexy. Allerdings war Carlos nicht nur mächtig, aufbrausend und dezidiert, sondern auch sehr charismatisch und charmant. Diese Zwiespältigkeit seines Charakters hat Magdalena einerseits wahnsinnig fasziniert, anderseits innerlich zerrissen. Die Gefährlichkeit allein ist es jedenfalls nicht gewesen. Bei der ersten Begegnung von Magdalena und Carlos definiert sich Magdalena sehr stark über ihren Sex-Appeal und ihre Körperlichkeit. Reizt es dich, so etwas zu spielen oder ist das eher ein notwendiges Übel? Ich möchte immer alle Facetten einer Rolle ausloten, und wenn das Teil der Figur ist, dann gehört das dazu. Du entstammst einem alten Adelsgeschlecht und bist vor 28 Jahren als Baronesse Nora Marie Theres Beatrice Elisabeth von Waldstätten auf die Welt gekommen. Gibt es Familienmitglieder, die dich der Etikette wegen lieber nicht in solchen Szenen sehen würden? Das kann schon sein, aber darüber mache ich mir keine Gedanken. Wäre ja noch schöner, wenn ich erst um Erlaubnis fragen müsste. Wobei ich gestehen muss: Ich würde mich vielleicht nicht unbedingt direkt neben meine Eltern setzen, wenn sie sich den Film ansehen (lacht). Im Boulevard wurde über dich mal als die „Baronesse mit den eiskalten Augen“ geschrieben. Was geht in dir vor, wenn du so etwas liest? Das war im Zuge der anfangs erwähnten Tatort-Rolle, und da war es meine Absicht, eine abgründige und radikale Figur zu gestalten. Insofern hat mich das damals gefreut. Du scheinst aber tatsächlich lieber schwierige Charaktere zu spielen statt Friede-Freude-Eierkuchen-Rollen. Ich mag es eben gerne komplex. Und das Böse bietet einem ein sehr reiches Feld, das man durch solche Rollen bestellen kann. Mir geht es aber vor allem um die Balance, denn jeder Mensch trägt gute und schlechte Eigenschaften in sich. Daher begebe ich mich bei positiven Figuren genauso auf die Suche nach der dunklen Seite, wie ich bei vermeintlich fiesen Charakteren nach den hellen Facetten Ausschau halte. Ich möchte jedoch nicht ausschließlich das Abgründige spielen und freue mich jetzt schon auf meine erste Komödie. Bist du denn generell jemand, der das Extreme sucht? Ja, bestimmt. Mein Beruf liefert mir ja auch den perfekten Spielplatz dafür. Als Schauspieler muss man stets in die Vollen gehen, um seiner jeweiligen Aufgabe gerecht werden zu können. Manchmal ist das allerdings nicht ganz einfach, weil man sich durchaus ab und an unbequeme Fragen stellen muss. Es gibt schließlich auch Seiten, die man an sich selbst gar nicht sehen oder wahr haben will. Aber wenn ich etwas tue, dann richtig. Den Spruch „In Gefahr und größter Not/ist der Mittelweg der Tod“, den habe ich regelrecht verinnerlicht. Hast du denn das Gefühl, durch das Ausleben unbequemer Seiten in deinen Rollen privat ausgeglichener zu sein? Ich glaube zumindest, dass es nicht gut ist, bestimmte Seiten an sich zu unterdrücken, weil sie dann irgendwann mit einer unglaublichen Vehemenz hochschnellen und eventuell nicht mehr kontrollierbar sind – so wie es der Hauptfigur in meinem Film „Schwerkraft“ passiert ist. Deswegen ist es immer wichtig, in sich reinzuhorchen und ehrlich zu sich selbst zu sein. Und ja – als Schauspieler können wir sicherlich bestimmte Facetten ausleben, für die anderen Menschen die Möglichkeit fehlt. In einem „Nachtschicht“-Krimi hast du kürzlich eine Grillwurstverkäuferin gespielt. Worin lag denn der Reiz dieser Rolle? Ist das nicht offensichtlich? Ich meine: Eine Grillwurstverkäuferin (lacht) - das war zu verlockend! Ich musste zuschlagen! Mild, scharf oder extra scharf!? Der Film "Carlos - Der Schakal" startet am 4. November in den Kinos.

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