"Man muss auf die Vernunft der Menschen bauen"

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jetzt.de: Was ist so schlimm daran, mit Nahrungsmitteln zu spekulieren? Nur weil Investoren auf die Preisentwicklung von Weizen wetten, wird das Getreide nicht weniger.
Svenja Koch: Die Spekulation mit Nahrungsmitteln ist eine wichtige Ursache für Hunger in der Welt. Bleiben wir beim Beispiel Weizen. Derivate auf Weizen sind bei Investoren extrem beliebt. Dadurch wird die Nachfrage künstlich aufgebläht. 2011 stieg der Preis deshalb um das Sechsfache. Die Preise haben überhaupt keinen Bezug zur realen Weizenproduktion mehr. Menschen in Armut sind diesen extremen Preisexplosionen schutzlos ausgeliefert.

Sind Faktoren wie Klimawandel, Bevölkerungswachstum oder politische Krisen nicht viel entscheidender?
Ja, aber genau diese Punkte nutzen Nahrungsspekulanten aus. Sie verhindern die Lösung solcher Probleme, verstärken politische Krisen sogar noch und treiben die Preise auf die Spitze. Viele dieser Faktoren können wir nicht beeinflussen, aber Wetten auf Nahrungsmittel könnten wir sofort stoppen.

Die Allianz wehrt sich gegen diese Vorwürfe mit dem Argument, dass sie nicht ausschließlich auf Preiserhöhung setzt. Man könne ebenso gut auf sinkende Preise spekulieren.
Dieses Argument ergibt überhaupt keinen Sinn. Das Grundproblem der externen Preisverfälschung bleibt bestehen. Wenn die Rohstoffpreise in Europa ins Bodenlose gehandelt werden, kriegt der kleine Bauer in Mali riesige Probleme. Er kann sein Produkt nicht mehr profitabel verkaufen. Folglich gerät er dadurch genauso in die Hungerfalle.

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Illustration: Julia Schubert



Aber die Allianz investiert ihre Gewinne auch in Düngemittel und Maschinen für landwirtschaftliche Produktion in den Krisenländern.
Das ist schon richtig. Aber das sollte die Allianz den Menschen in den betroffenen Ländern überlassen. Wenn sich der reiche Norden aus der Nahrungsspekulation zurückziehen würde, ließe der Marktdruck auf die schwachen Länder deutlich nach. Dann könnten sie selbst in die Agrarwirtschaft investieren. Diese Freiheit sollte man den Menschen geben.

Die Deutsche Bank, mit 4,6 Milliarden Euro zweitgrößter Agrar-Rohstoffspekulant, überdenkt momentan das Geschäft mit den Nahrungsderivaten. Für die Allianz kommt ein Ausstieg nicht in Frage. Wird die Haltung des Versicherers Signalwirkung haben?
Ich denke, dass die Gefahr eines Imageschadens der Allianz auf Dauer zu groß wird. Bisher war das Problem mit den Nahrungsmittelwetten in Europa nicht sehr bekannt. Die Allianz ist mit 19 Millionen Kunden Europas größter Versicherer. Diesen Kunden ist bestimmt nicht egal, dass Menschen wegen ihrer Anlagen hungern müssen. Bisher wissen sie vielleicht gar nicht, was sie anrichten.

Der Handel mit Rohstoffderivaten explodierte in den letzten acht Jahren von neun auf fast hundert Milliarden Euro. Der Markt boomt; die Anleger verdienen prächtig. Glauben Sie wirklich, dass mögliche Imageschäden und moralische Erwägungen dagegen ankommen?
Ich hatte auch nie gedacht, dass der Atomausstieg kommt. Man muss auf die Vernunft der Menschen bauen. Darauf, dass sie bereit sind, ethisch zu investieren. Und ethisches Investment geht über die Chefetagen hinaus.

Mehr zu den Nahrungsmittelspekulationen der Allianz findest du auf sueddeutsche.de.

Text: dima-romashkan - Bild: dpa

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