"Man parkt die Jugendlichen nur"

Ein EU-Gipfel in Berlin sollte Hilfe gegen die dramatische Jugendarbeitslosigkeit bringen. Doch Experten sagen: Große Hoffnungen sollten sich junge Menschen aus krisengebeutelten Ländern lieber nicht machen. Ein Interview mit einem Skeptiker.
christian-helten

jetzt.de: Wenn Sie ein spanischer Jugendlicher auf Arbeitssuche wären, würden Sie Merkels Gipfel zur Jugendarbeitslosigkeit mit großer Vorfreude entgegensehen?
Holger Bonin: Schwierige Frage. Ich würde sicherlich mit einiger Erwartung auf den Gipfel schauen. Mit der Erwartung, dass etwas für mich getan wird. Sicherlich sind die Aktivitäten, die da auf EU-Ebene jetzt entfaltet werden, auch als Signal zu verstehen. Als Signal an die Jugendlichen, dass die Jugendlichen nicht vergessen sind und man ihnen auf Seiten der Politik helfen will.  

Ein Signal schafft aber keine Arbeitsplätze, oder?
Nein. Es ist ohnehin schwierig, kurzfristig etwas in die Wege zu leiten, was den spanischen Jugendlichen - wenn wir mal bei diesem Land als Beispiel bleiben -  hilft. Die Gemengelage auf dem Arbeitsmarkt dort ist zu komplex. Es gibt ohnehin wenig Jobs wegen der großen Wirtschaftskrise, in der Spanien steckt. Solange es der spanischen Wirtschaft insgesamt schlecht geht, lassen sich für Jugendliche keine Stellen herbeizaubern, auch nicht auf einem Jobgipfel. Dazu kommen gravierende strukturelle Probleme, die schon vor der Krise sichtbar waren. Spanien hatte im europäischen Vergleich auch vor der Krise schon viele arbeitslose Jugendliche. Deswegen darf man von so einem Gipfel keine schnellen Lösungen erwarten.  

Welche strukturellen Probleme sind das?
Man hat an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts vorbei ausgebildet, sehr schulisch, nicht betriebsnah, wodurch nicht die Qualifikationen vermittelt wurden, die man auf dem Arbeitsmarkt braucht. Dazu kommt das, was wir Ökonomen einen gespalteten Arbeitsmarkt mit einem geschützten Bereich nennen. Wer einmal drin war und eine Stelle hatte, hatte die quasi auf Lebenszeit. Das schafft sehr hohe Hürden, Leute einzustellen und führt dazu, dass man nur noch befristete Verträge vergibt vor allem an die, die neu auf dem Arbeitsmarkt sind: die Jugendlichen. Als die Wirtschaft nicht mehr lief, ließ man diese Verträge auslaufen.

Trotzdem soll auf dem Gipfel ja konkretisiert werden, was mit den sechs Milliarden Euro geschehen soll, die für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit vergangene Woche bereits fest veranschlagt worden sind. Reicht diese Summe überhaupt aus?
Sechs Milliarden sind nicht besonders viel, wenn Sie bedenken, dass es sechs Millionen arbeitslose Jugendliche gibt. Dazu kommt: Das Geld wird nicht zusätzlich ausgegeben, sondern es wird Geld im EU-Haushalt umgeschichtet, zum Teil aus dem europäischen Strukturfonds, der ohnehin dazu da ist, in benachteiligten Regionen was gegen Arbeitslosigkeit zu tun.  

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Illustration: Julia Schubert


Sechs Milliarden Euro für sechs Millionen arbeiteslose Jugendliche. Das reicht nicht, sagt Holger Bonin.

Man will zum Beispiel die Mobilität fördern. Wie könnte so eine Förderung sinnvollerweise aussehen?
Man muss auf Ebene der Arbeitsagenturen Erfahrungen und Informationen austauschen, also so etwas schaffen wie eine europäische Arbeitsverwaltung. Es ist ja die Rede davon, dass spanische Jugendliche nach Deutschland kommen sollen. Aber es gibt in Spanien gar keine Stelle, die den Jugendlichen irgendwie bei der Vermittlung hilft und zum Beispiel weiß, wo welche Stellen frei sind. Es gibt da bislang nur ganz unzureichende Ansätze. Die spanischen Behörden haben keine Ahnung, was es in Deutschland für Arbeitsplätze gibt.  

Wie sinnvoll sind geförderte Sprachkurse?
Die Sprachbarrieren sind eine Hürde. Kurse zu finanzieren ist wichtig. Denn es ist nicht anzunehmen, dass ein deutscher Arbeitgeber das für einen potenziellen Azubi aus Südeuropa tut. So groß ist der Fachkräftemangel hier auch wieder nicht.  

Was sagen Sie zur Aussage von Sahra Wagenknecht, die am Wochenende sagte, bevor man hier Lehrstellen an Jugendliche aus Südeuropa vergebe, müsse man erst mal an die arbeitslosen Jugendlichen hier denken?
Das ist ein Argument, das man sehr vorsichtig behandeln muss. Die Rechnung, offene Stellen hier zuerst mit deutschen Arbeitslosen zu besetzen und dann aufzufüllen, funktioniert so einfach nicht. Manche arbeitslose Jugendliche hier haben massive Qualifikationsrückstände, es fehlt an elementaren Kompetenzen. Die sind besonders schwer in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Auf der anderen Seite haben wir spanische Jugendliche, die zum Teil gut ausgebildet sind. Das sind also unterschiedliche Gruppen. Der spanische Akademiker nimmt nicht unbedingt einem deutschen Jugendlichen einen Arbeitsplatz weg.  

"Der arabische Frühling ging in Algerien los, weil qualifizierte junge Leute keine Arbeit finden konnten." Holger Bonin, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Kassel.


Auf dem Gipfel wird es auch um eine sogenannte Arbeitsplatzgarantie gehen. Jeder junge Europäer soll binnen vier Monaten einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz bekommen. Das kann allerdings auch ein Praktikum sein. Züchtet man sich damit nicht nur eine Generation schlecht bezahlter und frustrierter Praktikanten?
Ich bin da insgesamt skeptisch, wie ganz generell bei solchen Planvorgaben. Zu sagen, jeder muss nach vier Monaten einen Job haben, hat keinen Wert, weil dabei die Qualitätsdimension vernachlässigt wird. Man parkt diese Jugendlichen. Man stellt sie ruhig, ohne die Frage zu stellen, ob so eine Maßnahme die Beschäftigungschancen der Jugendlichen für die Zukunft wirklich erhöht.  

Ist die Garantie also nur Symbolpolitik?
Sie ist für die Jugendlichen erst mal eine kurzfristige Absicherung. Und natürlich will man ihnen Perspektive geben und sagen: Seht her, wir tun was. Eine Art Beschäftigungstherapie. Da ist aber auch was Gutes dran: Denn wenn ich als Jugendlicher weiß, dass es bergauf geht und jemand zumindest versucht, mir zu helfen, kann ich die Krise leichter durchhalten. Die wirklich wirksamen Maßnahmen sind struktureller Natur und brauchen Zeit wir reden da von Zeiträumen von mindestens fünf Jahren. Um diese Übergangsphase zu überbrücken, sind solche Symbole hilfreich. Man muss die Krise durchhalten und deshalb Signale aussenden, dass man sich um die Jugendlichen kümmert. Die EU kann sich nicht leisten, dass der soziale Frieden gefährdet wird. Nicht dass wir in irgendeiner Weise so weit wären, aber: Der arabische Frühling ging in Algerien los, weil dort qualifizierte junge Leute waren, die keine Arbeit finden konnten.  

Das duale Ausbildungssystem, wie wir es in Deutschland haben, soll auch in anderen Ländern Anwendung finden. Wenn man Aussagen von Kanzlerin Merkel oder Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hört, könnte man glauben, das sei das Allheilmittel. Was bringt das und wann bringt es was?
Der Vorteil ist: Es ist ein betriebsnahes System. Die Auszubildenden lernen das, was sie wirklich brauchen. Ich bin aber skeptisch, dass sich das einfach so übertragen lässt. Das duale System ist bei uns gewachsen. Das braucht eine Infrastruktur, die es in anderen Ländern nur zum Teil gibt. Berufsschulen zum Beispiel. Man muss Ausbildungsgänge definieren. Deutschland kann vermitteln, Erfahrungen weitergeben. Aber das ganze System exportieren kann Deutschland nicht.  

Außerdem bräuchte man in den Krisenländern erst mal Betriebe, die Ausbildungsplätze anbieten, oder?
Das ist die Krux. In einem Land, in dem die wirtschaftliche Lage so schlecht ist, ist es selbst mit Subventionen wie Lohnzuschüssen oder ähnlichem schwierig, Betriebe dazu zu bringen, Jugendliche auszubilden.  

Insgesamt also keine Aussichten, die kurzfristig Hoffnung machen. Hat die Politik das Problem Jugendarbeitslosigkeit verschlafen?
Man hätte in der Tat früher darauf schauen müssen vor der Krise schon. Die Jugendlichen sind ja auch enorm wichtig, weil deren Situation langfristige Effekte mit sich bringt.

Text: christian-helten - Fotos: dpa, ZEW

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