Man spricht deutsch

Wenn Filme bei uns im Kino landen, können Schauspieler aus der ganzen Welt plötzlich Deutsch. Ein Gespräch mit Christian Wunder, Geschäftsführer der Synchronfirma R.C. Production.
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Was zeichnet denn eine gute Synchronisation aus? Christian Wunder: Drei Dinge sind extrem wichtig: Eine gute Übersetzung des Drehbuchs, die den Inhalt wiedergibt, aber auch kulturelle Unterschiede und den Sprachwitz angemessen adaptiert. Zweitens braucht man eine passende Synchronbesetzung mit guten deutschen Stimmen, die sowohl vom Charakter als auch vom Alter her passen. Und drittens muss es perfekt getextet, lippensynchron und gut nachbearbeitet sein. Muss das Ziel sein, dass der Eindruck entsteht, ein Film wäre auf deutsch gedreht worden? Nein, das ist utopisch. Angestrebt wird eher, den transferierten Unterschied zum Original so klein wie möglich zu halten und nicht aufgrund der Synchronisation aus der Geschichte herausgerissen zu werden. Ein Laie achtet wahrscheinlich weniger auf die stimmliche Mischung eines Filmes oder den Raumklang, aber unpassende Stimmen oder asynchrone Lippenbewegungen fallen immer auf. Durch die kulturelle Verankerung von Synchronisation sind amerikanische Schauspieler in Deutschland sehr stark mit ihrer deutschen Synchronstimme verhaftet. Das heißt, die Synchronsprecher haben einen wichtigen Anteil an der Charakterzeichnung der Schauspieler, ohne jedoch jemals auf der Straße erkannt zu werden. Fluch oder Segen? Sicherlich gibt es einige, denen die verdiente Anerkennung ihrer Arbeit fehlt – vor allem finanziell. Die Mehrzahl der Leute ist jedoch dankbar dafür, auf der einen Seite zwar die Künstlerseele ausleben zu dürfen, auf der anderen Seite jedoch unerkannt einkaufen, reisen und Essen gehen zu können. Wobei: Mein Bruder Dietmar ist ebenfalls Synchronschauspieler und spricht zum Beispiel Adam Sandler und James Bond-Darsteller Daniel Craig. Wenn ich mit dem in einem Restaurant sitze, kommt es schon mal vor, dass ein Kellner sagt, ihm komme seine Stimme bekannt vor. Aber in der Regel kennt man Synchronsprecher natürlich nicht. Deshalb werden Animationsfilme ja auch oft mit Prominenten besetzt, damit man mit ihnen werben kann.

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Illustration: Julia Schubert

Dietmar Wunder, die Stimme von Daniel Craig. Und wie ist das für Sie, wenn Boris Becker oder Verona Pooth gelernten Synchronsprechern ihre Jobs wegnehmen? Wir müssen uns natürlich nach den Wünschen des Kunden richten, zumal ein herkömmlicher Synchronsprecher niemals den Marktwert eines Boris Becker erreichen kann. Allerdings hat der ja schon ohne erschwerte Bedingungen sprachliche Schwierigkeiten, insofern bedeutet die Verpflichtung eines Prominenten in der Regel einen sehr viel höheren Aufwand – und zwar in allen Belangen: Es dauert viel länger, klingt nicht so gut und kostet durch die horrenden Gagen und die Mehrzeit im Studio ein Vielfaches des Normalbudgets. Der letzte Film, bei dem es in der öffentlichen Diskussion auffällig viel um die Synchronisation ging, war „Willkommen bei den Sch’tis“. Ist die Synchronisation darin Ihrer Meinung nach gelungen? Und ob! Die Übersetzung dafür hat Beate Klöckner übernommen, die dieses Jahr völlig zu Recht mit dem deutschen Synchronpreis ausgezeichnet wurde. Sie hat eine komplett neue Sprache erfunden, und damit jeden einzelnen Witz aus dem Original auch in die deutsche Fassung hinübergerettet. Gerade Humor bedarf ja oft nicht nur einer sprachlichen, sondern auch einer kulturell-angepassten Übersetzung. Ohne diese phänomenale Synchronisation wäre ein Film wie „Willkommen bei den Scht’is“ nie in die deutschen Kinos gekommen, geschweige denn so erfolgreich gewesen. Preisgekrönte Übersetzung: Trailer zu "Willkommen bei den Scht'is"

Gibt es denn auch unsynchronisierbare Filme? Mir ist bisher noch keiner untergekommen. Aber es gibt natürlich ein unerschöpfliches Repertoire möglicher Problemfelder. Man nehme nur mal HipHop-Filme wie „Notorious“ oder „8 Mile“ mit den unzähligen Rap-Sequenzen, die man nicht einfach übersetzen kann. Im äußersten Fall müssen Szenen auch mal wegen Unübersetzbarkeit herausgeschnitten werden. Ein anderer Fall, bei dem ein großes Augenmerk auf die Synchronisation gelegt wurde, war nach dem Tod Elisabeth Volkmanns, als Anke Engelke die Stimme von Marge Simpson übernommen hat. Diese Diskussion war toll. Nicht nur, dass dadurch die immense Wertigkeit von Synchronisation ins Rampenlicht gerückt wurde, es hat auch das öffentliche Interesse an einer angemessenen Synchronisation – und damit unsere Arbeit – bestätigt. Wieso klingen denn manche Synchronstimmen so anders als im Original. Gibt es da bestimmte Kriterien, nach denen gecastet wird? Nein, aber das hat sich in den letzten Jahren auch extrem gewandelt. Heutzutage versucht man so nah wie möglich an die Originalstimme heranzukommen, das war früher anders. Aber es gibt eben Klangfarben, die nur sehr schwer zu bedienen sind. Einige Sprachen haben zudem phonetische Eigenheiten, die im Deutschen nicht herzustellen sind. Und wenn ein Originalschauspieler 200 Kilo wiegt und es keinen entsprechenden Synchronsprecher gibt, wird man auch ein solches Stimmvolumen kaum erreichen können. Viele Synchronsprecher sind ja Feststimmen für mehrere Hollywoodstars. Besteht da nicht die Gefahr, die Charaktere ihrer Einzigartigkeit zu berauben? Nein, überhaupt nicht. Ein Brad Pitt spielt schließlich auch verschiedene Rollen, ohne deshalb plötzlich austauschbar zu werden. Tobias Meister, die deutsche Synchronstimme von Brad Pitt, spricht gleichzeitig zum Beispiel noch Leute wie Forrest Whitaker, Kiefer Sutherland oder John Cage aus Ally McBeal – komplett verschiedene Rollen und Charaktere. Dennoch merkt man nicht, dass es ein und dieselbe Stimme ist. Das ist es, was einen guten Synchronsprecher auszeichnet. David Lynch hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass Synchronisation eine Sünde sei, weil die Sprecher mit ihren übertriebenen Stimmen die ursprüngliche Atmosphäre eines Films und den Charakter der Akteure zerstören würden. Was halten Sie davon? Die Amerikaner finden Synchronisation immer bekloppt und absurd. Aber ich behaupte, dass ein Großteil derjenigen, die das sagen, gar nicht weiß, wie akribisch eine Synchronisation hierzulande vorbereitet wird. Im internationalen Vergleich ist die deutsche Synchronisation wirklich die Beste. Lediglich Frankreich kann da noch mithalten. In Italien, Polen oder der Türkei geht schon sehr viel vom Original verloren. Ist das eine subjektive Einschätzung oder woran machen sie das fest? Das sind Erfahrungswerte. Wenn man mal eines dieser Länder besucht und den Fernseher einschaltet, ist das ganz offensichtlich: Das ist bedeutend asynchroner, die Lippenbewegungen stimmen nicht überein und die Männerrollen eines Films werden gerne mal auf lediglich drei Sprecher verteilt. Ich habe schon oft erlebt, wie beeindruckt gerade Leute aus Hollywood waren, wenn man ihnen mal eine deutsche Synchronfassung vorgespielt hat. Aber viele Originalregisseure haben natürlich Angst um ihren Film und davor, dass ihre Inszenierungen durch die Übersetzung in eine andere Sprache nicht mehr funktioniert. Das ist verständlich. Haben Sie eine persönliche Lieblingsstimme? Jetzt müssten Sie wahrscheinlich die Stimme Ihres Bruders nennen. Ja, eigentlich schon. Aber ich finde auch die Synchronstimme von Jack Nicholson – Joachim Kerzel – ganz groß. Oder Christian Brückner als Robert De Niro. Oder Rolf Schult, der Robert Redford spricht. Oder G.G Hoffmann, der Paul Newman, Sean Connery oder Wiliam Shatner alias Captain Kirk synchronisiert hat. Ach, das sind einfach zu viele. Bei mir hat das aber oft auch einen nostalgischen Aspekt, weil ich damit aufgewachsen bin. Aber die eben genannten sind wirklich Jahrhundertstimmen.

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