"Man spürt die Lethargie"

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Sucht man in Deutschland Asyl, stellt man einen Antrag. Die Zeit, die es dauert, bis dieser Antrag angenommen oder abgelehnt wird, leben die Flüchtlinge vorübergehend in Lagern. Der Film „AugenBlicke“ portraitiert einen nigerianischen Flüchtling und fängt Momente aus seinem Leben ein. Mark ist 25 Jahre alt und lebt in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylsuchende in München. Die Studentin Anna-Kristina Pfeifer ist eine der drei Filmemacherinnen, die Mark seit Mai begleitet haben. Es ist ein enger Kontakt entstanden, wodurch die angehende Ethnologin nicht nur einen Einblick in Marks Leben, sondern auch in das Flüchtlingslager, Marks vorübergehendes Zuhause, bekommen hat. Wie muss man sich das Flüchtlingslager in München vorstellen? Wie sieht es dort aus? Die sogenannten Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber sind eine Art Sammellager. Container, Baracken oder verfallene Gebäude dienen dabei als Wohnraum für die asylsuchenden Menschen. Die GU in Messestadt-West befindet sich auf dem alten Flughafengelände, nicht weit von den Riem-Arkaden entfernt. Meistens liegen die Unterkünfte am Stadtrand und sind von außen nicht unbedingt als solche zu erkennen. Von außen sieht die GU eher wie ein Ghetto aus und ist von Stacheldraht umzäunt. Wie leben die Menschen in dieser Gemeinschaftsunterkunft? Die Bewohner müssen sich zum Teil zu viert eine Wohn- und Schlaffläche von 15 Quadratmetern teilen. Mit wem man in einem Zimmer lebt, darf man sich nicht aussuchen. Die Gemeinschaftsküchen sind mit einfachen Campingkochplatten ausgestattet und sechs Stück müssen für bis zu 50 Personen ausreichen. Zweimal die Woche erhalten die Bewohner Essens- und Hygienepakete, außerdem erhalten sie Wertebons, um sich auf einer Art „Second-Hand-Kleidermesse“ einzukleiden. Als Taschengeld erhält jeder 40 Euro im Monat. Wenn sich die Unterkunft dann am Stadtrand befindet, kann man sich nicht einmal ein MVV-Monatsticket leisten. Die Asylbewerber müssen aber zum Teil mehrmals die Woche zu verschiedenen Ämtern in die Innenstadt fahren. Wie kommt man eigentlich in das Flüchtlingslager? Jeder Ausländer, der in Deutschland Asyl beantragt, kommt erst einmal für in der Regel drei Monate in eine Erstaufnahmeeinrichtung. Nach diesen drei Monaten wird man dann in eine Gemeinschaftsunterkunft verlegt. Das muss dann aber nicht unbedingt in derselben Stadt sein. Jede Stadt hat ein Aufnahmekontingent. Wenn dieses Kontingent voll ist, werden die Menschen in andere Städte gebracht.

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Wie würdest du die allgemeine Stimmung im Lager beschreiben? Die Stimmung ist bedrückend und ziemlich beklemmend. Man spürt die Lethargie, in der sich die Menschen gezwungenermaßen befinden. Sie dürfen nicht arbeiten und haben praktisch keine Privatsphäre, weil sie kein eigenes Zimmer haben. Es gibt also nur wenige Rückzugsmöglichkeiten. Man lebt mit anderen Menschen, die man nicht kennt, auf engstem Raum zusammen. Die Menschen, deren Asylverfahren noch nicht entschieden ist, dürfen außerdem den Landkreis nicht verlassen. Die Bewohner sind durch ihre Residenzpflicht und ihre beschränkten finanziellen Mittel sehr stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die Unterkunft in Messestadt-West ist direkt am Autobahnzubringer und dadurch sehr laut. Man sieht kaum Menschen außerhalb der Baracken. Mehrere Bewohner erzählten uns, dass viele der Asylsuchenden verrückt oder zu Alkoholikern werden. Die einzigen lachenden Gesichter gehören den Kindern. Wie ist der Umgang der Bewohner untereinander? Gibt es eine Gemeinschaft? In Messestadt-West gab es eine ziemlich klare Trennung, welche Ausländer in welchen Blocks wohnen. Die „Araber“ bleiben unter sich, genauso wie die „Afrikaner“. Soweit ich es beobachten konnte gibt es schon Solidarität unter den Bewohnern. Wenn jemand Möbel oder Kleider übrig hat, verschenkt er sie an einen Hilfebedürftigen weiter, man leiht sich gegenseitig Geld oder unterstützt sich bei administrativen Angelegenheiten. Was passiert mit einem Flüchtling, wenn sich sein Status ändert? Wenn jemand eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland erhält, egal ob befristet oder unbefristet, muss er innerhalb kurzer Zeit, manchmal sind es nur wenige Tage, aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen. Dann wird man erst einmal in einer Notunterkunft untergebracht. Diese Notunterkünfte tragen die euphemistische Bezeichnung „Pension“ und sehen von außen oft wie heruntergekommene Hotels aus. Auch hier wohnt man zu viert in einem Zimmer. Mit einer Aufenthaltsgenehmigung, die mindestens ein Jahr gültig ist, hat man das Recht, sich selbst eine Wohnung zu suchen. Die Stadt trägt dabei die Kosten für die Kaution und Provision.

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Illustration: Julia Schubert

Anna-Kristina Was habt ihr unternommen, damit Mark eine eigene Wohnung bekommt? Nach vier Amtsgängen à vier Stunden hat Mark den Kautions- und Provisionsschein erhalten. Ich habe versucht, ihn dann bei der Wohnungssuche zu unterstützen. Leider haben alle Makler bei den Worten „befristete Aufenthaltsgenehmigung“ oder „Nigeria“ sofort abgewinkt. Es hat lange gedauert, bis wir eine Wohnung gefunden hatten. Der Vermieter war dann sehr freundlich und ist sogar auf das Amt gefahren, um sich über alles zu informieren. Mark hat die Wohnung letztendlich nur bekommen, weil der Vermieter so geduldig war. Was für ein Gefühl war es für Mark, seine eigene Wohnung zu bekommen? Ich denke, dass er es in dem Moment nicht realisieren konnte. Die Vorstellung, sein eigenes Zuhause zu haben, wo es keine unangemeldeten Polizeikontrollen gibt und nur er selbst über die Schlüssel verfügt, war sicherlich sehr neu für ihn. Außerdem habe ich gemerkt, wie befreiend es für ihn war, das Flüchtlingslager zu verlassen. Er hat seine Sachen alle abgewischt und den Staubsauger ausgeleert, um nichts vom Lager mitzunehmen. „This must stay here“ hat er gesagt. Was sollte sich deiner Meinung nach an dem Umgang mit der Situation von Flüchtlingen ändern? Ich würde mir wünschen, dass mit hilfesuchenden Menschen einfach menschlicher umgegangen wird. Ein Europa, das aus der Erfahrung von Schrecken und Terror entstanden ist, darf sich nicht nach außen verschließen und keinen Menschen als Menschen zweiter Klasse behandeln. In den Gemeinschaftsunterkünften müssten meiner Meinung nach auf jeden Fall bessere Mindeststandards her und eine angemessene Betreuung. Die derzeitigen Zustände halte ich für menschenunwürdig.

Text: andreas-lallinger - Fotos: privat

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