„Man wird wieder zum Kind“

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Wie begann Ihre Reise zu den verrücktesten Veranstaltungen Europas? Vor circa acht Jahren war ich mit Freunden bei der Tomatenschlacht bei Valencia. Vierzigtausend Menschen, die sich gegenseitig mit Tomaten einseifen, waren für mich eine vollkommen neue Erfahrung. Da ich noch nie ein Fußballfan gewesen bin, habe ich vorher auch noch nie erlebt, wie es ist, wenn man in einer Menschenmasse aufgeht. Dieses sinnlos schöne Erlebnis war für mich eine Erfahrung, die ich unbedingt wiederholen wollte.

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Illustration: Julia Schubert

Ralf Prestenbach auf Reisen Und deshalb haben Sie gleich ein Buch darüber geschrieben? Zurück in Deutschland suchte ich nach einem Reiseführer, der mir bei meiner Suche nach außergewöhnlichen Veranstaltungen helfen sollte. Es gab aber solch einen Reiseführer weder auf dem deutschsprachigen noch auf dem englischen Markt. Wolfram Denzer und ich beschlossen dann gemeinsam diese Lücke zu füllen und der Knaur Verlag nahm unser Angebot an. Welche Vorbereitungen müssen vor einem Veranstaltungsbesuch getroffen werden? Wir hatten damals keine Ahnung auf was wir uns einlassen, daher hatten wir uns auch nicht wirklich vorbereitet. Heute bin ich da schlauer und genau diese Tipps geben wir an den Leser weiter. Bei der Tomatenschlacht zum Beispiel muss man wissen, auf welchen Platz man den meisten Spaß hat und man sollte sich schon vorher eine Augensalbe besorgen, denn die Gerbsäure der Tomaten brennt ganz schön heftig in den Augen.

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Illustration: Julia Schubert

Tomatina in Spanien Sie haben viele Veranstaltungen in Europa besucht. Welche war für Sie die Verrückteste? Diese Frage ist ziemlich schwer zu beantworten, da „Verrücktheit“ immer im Auge des Betrachters liegt. Es gibt eine Veranstaltung bei der ich nicht unbedingt mitmachen möchte, da mein Schamgefühl mir sagt, dass ich mich dort nicht wohlfühlen würde: Der „Masturbate-a-thon“, ein Selbstbefriedigungswettbewerb, der jährlich im Mai in Kopenhagen ausgetragen wird. Bei einem weiteren Wettbewerb, dem „Cheese Rolling“ in Gloustershire war ich zwar vor Ort, habe aber nicht teilgenommen da mir meine Gesundheit mehr wert ist, als der verbeulte Käse den man dort als Gewinner neben den ganzen Verletzungen mit nach Hause nehmen darf. Haben Sie sonst bei allen Veranstaltungen über die Sie in Ihrem Buch schreiben, aktiv teilgenommen? Nein, aber bei vielen. Zum Beispiel war ich beim „International Festival of Wormcharming“ in Blackawton/England, wo es gilt, in einer Viertelstunde so viele Würmer wie möglich aus dem Boden zu locken. Ein Video meiner Teilnahme findet man hier . Ein weiteres Video auf unserer Homepage zeigt meine Teilnahme bei „Cascamorras“, einer Öl- und Farbenschlacht in Guadix (Andalusien)/Spanien. In Deutschland war ich bereits auf der "Wattolümpiade" in Brunsbüttel und auf dem Mülltonnenrennen in Hermeskeil.

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Illustration: Julia Schubert

Orangenschlacht in Italien Was für Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Zum Beispiel, dass man im Watt nicht Sackhüpfen kann und wenn man es doch tut, nach spätestens zwei Minuten die eigene Kondition den Spaß beendet. Oder dass eine Currywurst mit einer 40 000 Scoville-Soße, das ist die Schärfe-Messeinheit, nicht nur rein rechnerisch 14-mal so scharf ist wie Tabasco. Dass man sich besser vorher komplett mit Vaseline eincremt, bevor man sich von oben bis unten mit Altöl vollsauen lässt. Das erspart einem das stundenlange Duschen im Anschluss an die Veranstaltung. Und dass man auf einer Mülltonne einen Abhang hinunter fahrend bis zu 60 km/h an Geschwindigkeit machen kann. Wie muss ich mir "Strandschneckenweitspucken" vorstellen? Die Weltmeisterschaft im Strandschneckenweitspucken ist genau das was der Name beschreibt. Man nimmt eine kleine Birgoneau- Schnecke, steckt sie in den Mund und spuckt so weit man kann. Eigentlich ist das gar nicht so eklig, wie es sich anhört, obwohl man die Schnecke der besseren Aerodynamik wegen mit der offenen Seite in den Mund steckt. Konnten Sie konkrete Unterschiede der Verrücktheit in den verschiedenen Ländern ausmachen? Obwohl man schon sagen kann, dass durchweg jedes europäische Land mit mindestens zwei bis drei organisierten Seltsamkeiten aufwartet, gibt es doch einige auffällige Unterschiede. Die Engländer zum Beispiel sind wahre Meister im Ausdenken von skurrilen Veranstaltungen, oftmals mit einem leichten Hang ins Masochistische. Als Beispiele seien hier die Weltmeisterschaft im „Brennnessel-Essen“ oder die britische Meisterschaft im „Schienbeintreten“ genannt. Bei den Spaniern hingegen ist auffällig, dass die meisten verrückten Veranstaltungen in der Religion begründet sind und meistens schon eine sehr lange Tradition aufweisen können.

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Illustration: Julia Schubert

Wettbewerb "Birdman of Bognor", England Wie wurden Sie von den Einheimischen aufgenommen? Bisher wurde ich immer herzlich aufgenommen. Nicht ganz Alltägliches zu tun, verbindet. Man wird wieder zum Kind und das macht den Umgang miteinander sehr unkompliziert. Manche Veranstaltungen sind ja eher grenzwertig. Haben Sie selbst eine gefährliche Situation miterlebt? In der Tat sind einige der Veranstaltungen, die wir in „Go crazy“ beschreiben nicht ganz ungefährlich. Bei den Events, wo dies der Fall ist, weisen wir ausdrücklich darauf hin und empfehlen erst gar nicht teil zu nehmen oder wenn doch, dann zumindest nur mit entsprechender Vorbereitung. Beim „Encierro“, dem Stierrennen in Pamplona zum Beispiel, gab es in diesem Jahr wieder Tote…

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Das Buch „Go crazy Unterwegs zu Europas verrücktesten Veranstaltungen“ ist im Knaur Verlag erschienen.

Text: hanna-vandervelden - Fotos: Reuters, AP

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