Man zeigt nicht, dass man verletzlich ist

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50 Cent alias Curtis Jackson alias Ex-Boxer aus Brooklyn alias Drogendealer ist ein böser schwarzer Mann. Kein anderer Gedanke geht dem Betrachter durch den Kopf, wenn man Tourplakate, T-Shirts oder CD-Booklets mit dem Konterfeit des 29-jährigen Rappers sieht. Doch das ist falsch. 50 Cent war ein Bösewicht, jetzt ist alles gut: Von einer Mutter, die Drogen verkaufte um ihren Sohn zu versorgen, aufgezogen, stieg er auch in jene illegale Berufgruppe ein. Bandenrivalitäten gehörten zum Alltag. Es gab ja schließlich noch andere, die das Zeug an den Mann bringen wollten. Von neun Kugeln ins Gesicht, Arme und Beine getroffen, sackt er am 24. Mai 2000 vor dem Haus seiner Großmutter zusammen. Beinahe wäre der Vater eines Kleinkindes gestorben, aber nach der Genesung rafft er sich auf, verkauft nur noch wenig Drogen und konzentriert sich auf Familie und Beruf (inzwischen Multimillionär durch seine Plattenverkäufe und Merchandising). Der Durchbruch gelang letztlich in der ersten Hälfte des Jahres 2003 mit dem Album „Get rich or die tryin’“. Jetzt.de traf 50 Cent, dessen autobiographischer Film „Get rich or die tryin’” am 12. Januar in Deutschland anläuft, in Berlin.

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Illustration: Julia Schubert

Herr Jackson, war es eine Art Therapie, diesen Film zu machen? Ja. Schon deshalb, weil ich mich noch einmal mit meinen ganzen Gefühlen auseinander setzen musste. Normalerweise denke ich nicht an die Vergangenheit, schon gar nicht an negative Dinge. Das Leben geht einfach weiter. Bei den Dreharbeiten gab’s Momente, die mir wirklich unangenehm waren, auch wenn das niemand außer mir verstanden hat. So wie Szene, in der Sie - wie im realen Leben - von etlichen Kugeln getroffen wurden? Die Schießerei-Szene hat mich nicht gestört, denn die passiert im Film anders. Ich war sehr aufgeregt bei dieser Szene, denn ich wollte meine Körperbewegungen akkurat hinbekommen. Das war wie eine Action-Szene, und das war aufregend für mich. Kann es denn etwas Schlimmeres geben, als eine Szene nachzuspielen, in der man in Wirklichkeit beinahe gestorben wäre? Ja und zwar die Szene, in der ich im OP liege, die war wirklich unangenehm. Ich musste zwar nichts sagen, eigentlich musste ich überhaupt nichts tun. Aber es war trotzdem eine der toughsten Szenen, denn ich hatte keinerlei Erfahrungen, was in einem OP passiert. Als ich damals im OP lag, war ich ja bewusstlos. Wir haben acht Stunden an dieser Szene gearbeitet und davon kam eine Minute in den Film. Aber ich lag acht Stunden auf dem OP – mit Make Up und Maske. Der ganze Raum war voll mit Operationslampen. Wir haben diese Szene in einem richtigen Krankenhaus gedreht. Haben Sie Albträume, wenn Sie an die Dinge denken, die Ihnen passiert sind? Nein, habe ich nicht. Mein Sohn hatte anfangs Albträume. Kurz nachdem ich angeschossen wurde, ist er nachts oft aufgewacht. Er hatte gehört, wie auf mich geschossen wurde. Er hat es nicht gesehen. Aber er sah mich danach im Krankenhaus – nach dem Fight. Der Film zeigt 50 Cent nicht nur als den toughen Rapper, sondern auch seine verletzliche Seite… Es liegt im Charakter von HipHop, dass es ein Wettstreit ist. Deshalb zeigt man dabei nicht, dass man verletzlich ist. Der Film ist das ganze Gegenteil. Zu den Höhepunkten des Films gehört die Szene, in der ich weine. Der Film hat sehr emotionale Momente, und die waren eine große Herausforderung für mich, denn normalerweise reagiere ich nicht so. ich habe soviel Zeit damit zugebracht, nicht zu weinen, wenn irgendwas falsch lief. Deshalb war es schwierig, sozusagen auf Befehl zu heulen. Bei diesen Szenen war ich sehr nervös und fühlte einen massiven Druck. Und wie stellt sich so ein emotionsloser Mensch wie Sie auf diese Szenen eint? Ich habe einfach aufgehört am Set mit den Leuten zu reden. Ich habe mich in eine spezielle Zone begeben, in der ich mit den anderen Schauspielern kommuniziert und mich völlig auf dieses Projekt konzentriert habe. Das war weit weg von 50 Cent und dem ganzen Musikgeschäft. Das war cool. Ich war auf allen Ebenen eingebunden, denn nachdem wir die Szenen abgedreht hatten, habe ich ja noch am Soundtrack zum Film gearbeitet. In welcher Situation würden Sie im realen Leben weinen? Vielleicht, wenn alles vorbei ist. Ich habe in meinem Leben die schlimmsten Dinge gesehen. Nicht dass sie mir passiert sind, aber zu Leuten um mich herum. Gestern waren sie noch da und heute sind sie nicht mehr unter uns. Ich habe mich dahin gebracht, bei vielen Dingen keine Gefühle zu zeigen. Ich werde eher wütend, dass ich mich mit einer bestimmten Situation auseinander setzen muss, anstatt wirklich Gefühle zu zeigen oder zu weinen. Manche Leute fangen an zu heulen und traurig zu sein. Aber ich werde dann wütend, denn ich fühle mich nicht wohl, in einer solchen Situation zu stecken. Und Wut ist für mich ein angenehmes Gefühl. Und wie äußert es sich für Ihre Umwelt wenn Sie dieses „angenehme“ Gefühl beschleicht? Ich setze mich nicht gern mit meinen Gefühlen auseinander, ich kann damit nicht gut umgehen. Und deshalb werde ich wütend. Das zeigt sich dann bei nächstbester Gelegenheit, denn dann explodiere ich. Das passiert genau deshalb, weil ich mit meinen Gefühlen nicht gut klarkomme. Es ist echt schwierig für mich. Besonders wenn Leute aus meiner Umgebung umgebracht werden. Viele Menschen laufen vor Ihren Problemen weg. Hat der Film Ihnen geholfen, mit diesen Problemen besser umzugehen? So ist es. Aber jeder entwickelt eine andere Verhaltensweise, wie er sich davor drücken kann, sich mit seinen Problemen zu beschäftigen. Die Umgebung verlangt oft von dir, aggressiv zu sein. Die Wut macht das viel leichter. Der Titel „Get Rich Or Die Tryin“ ist ziemlich sarkastisch. Was aber, wenn Du reich bist und trotzdem stirbst? Mein ursprüngliche Filmtitel war eigentlich „Hustler’s Ambition“. „Get Rich Or Die Tryin“ kann leicht als negatives Statement ausgelegt werden – abhängig davon, wie man denjenigen sieht, der das sagt. Wenn dir jemand das in einem normalen Job sagt, bedeutet es nichts anderes, als dass dieser Typ fest entschlossen ist, die Karriereleiter nach oben zu klettern. In einer solchen Situation geht es – zumindest bei 90 % der Leute – darum, mehr Geld verdienen zu wollen. Insofern macht dieses Statement auch Sinn. Das war auch das, was ich ursprünglich im Kopf hatte. Aber die Medien haben den Leuten so massiv eingebläut, dass ich bei einer Schießerei fast draufgegangen wäre, dass die Leute mich nur noch mit lebensgefährlichen Situationen in Verbindung setzen. Wenn sie dann diesen Titel hören, denken sie, dass ich es im wörtlichen Sinn meine. Es gibt eine sehr emotionale Szene, in der Sie Ihren Sohn zum ersten Mal im Arm halten. Ihr Sohn hat Ihr Leben komplett verändert hat, oder? Absolut. Mein Sohn ist meine Motivation. Er ist der Grund, warum ich keine schlimmen Dinger mehr drehe. Ich habe diesen Fehler gemacht. Meine Mutter bekam mich, als sie 15 war. Damals waren Teenager-Schwangerschaften bei weitem noch nicht so verbreitet wie heute. Deshalb galt sie als das schwarze Schaf der Familie. Um sich gut um mich kümmern zu können, entschied sie Drogen zu dealen. Sie hat mir viele schöne Sachen gekauft. Als sie starb, kamen alle die Dinge, die dieser Lebenswandel mit sich bringt: Gefängnis, Mord usw. Und damit begannen die Probleme bei mir. Ich schiebe die Schuld nicht meinen Großeltern zu, denn die mussten sich noch um acht andere Kinder kümmern. Sie gaben mir auch schöne Dinge. Und irgendwann begann ich auch mit Dealen in der Nachbarschaft. Der Film zeigt es nicht, aber das erste Mal, dass ich in meiner Nachbarschaft gedealt habe, da musste ich es zwischen drei und sechs Uhr am Nachmittag machen, denn meine Großeltern dachten, dass ich in dieser Zeit in der Schule sei. Ich war 12, als ich begann. Das hieß, dass ich aggressiv genug sein musste, um mich in dieser Umgebung durchzuboxen. Aber wenn ich zu meinen Großeltern nach Hause kam, war ich trotzdem der liebe Junge. Viele Leute glauben von mir, dass ich ein „bad guy“ bin. Aber wenn sie mich kennen lernen, sagen sie, dass sie mich ganz anders eingeschätzt haben. Der Film hat nicht zuletzt auch eine moralische Komponente. Wie sehr haben Ihre Erfahrungen Ihre heutigen Moralvorstellungen geprägt? Deine Erfahrungen machen dich zu dem, der du bist. Meine Erfahrungen erlauben es mir, viele Sachen aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Wenn ich sehe, worüber sich viele Leute aufregen, kann ich nur müde lächeln, denn denen geht es so viel besser, als es mir ging. Ich bin sehr dankbar für die Position, in der ich heute bin. Manche Situationen, die normale Leute fast um den Verstand bringen, gehen mir am Arsch vorbei, denn sie sind unwichtig. Nach allem was Sie erlebt haben, kann Sie sicherlich nicht mehr viel aus der Ruhe? Das schlimmste Szenario wäre, dass ich morgens aufwache und wieder dort bin, woher ich hergekommen bin. Ich würde mich auch fürchten, wenn ich kein gutes Einschätzungsvermögen hätte, wenn ich nicht wüsste, welche Intentionen die Leute um mich herum haben. Es gibt viele, die ganz in Ordnung zu sein scheinen, aber in Wirklichkeit sind sie es nicht. Wie zum Beispiel? Wenn ich Zuhause aufwache, dann wache ich in einem Haus auf, das einem Mann gehörte, der 500 Millionen Dollar besaß. Und als ich das Haus kaufte, konnte er es sich nicht mehr leisten. Ich habe das Haus von Mike Tyson gekauft. Das ist eine ständige Warnung, dass ich mich immer genau um meine Finanzen kümmern muss und dass ich genau über alle meine Geschäftstransaktionen Bescheid weiß. In einem 500-Millionen Dollar-Haus aufzuwachsen dürfte für die meisten Kinder auf dieser Welt nicht das Normalste sein. Realisiert ihr Sohn das? Mein Sohn ist jetzt neun. Er kann sich noch daran erinnern, wie wir im Keller meiner Großmutter gewohnt haben. Es ist also eine gewaltige Veränderung für ihn. Auch in Bezug auf die Gegend, wo wir jetzt leben. Er versteht genau, was läuft und welche enorme Veränderung das ist. Ich habe die Chance, ihm begreiflich zu machen, dass er seinen Weg finden muss. Er ist meine wichtigste Motivation und daran erinnere ich ihn auch. Er weiß genau, dass er für meinen Erfolg verantwortlich ist.

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