„Manchmal muss man eben zu Stefan Raab gehen, damit man ein paar Platten verkauft“

Mit seinem Tanzhit „Mach den Bibo“ unterstreicht Olli Schulz, dass es ihm nicht um einen Indie-Status geht. Ein Gespräch mit dem Hamburger Songwriter über den deutschen Pop.
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Wer ist die beste deutsche Popband? Ich mag zum Beispiel die neue Single von Bosse, „3 Millionen“. Ansonsten finde ich Gisbert zu Knyphausen (Rezension hier ) super, den habe ich auch mit auf Tour genommen. Der hat meiner Meinung nach im letzten Jahr die beste deutschsprachige Platte raus gebracht. Und Herrenmagazin sind auch noch richtig gut. An was fehlt es dem deutschen Pop im Moment am meisten? Ich finde, es fehlt ihm an gar nichts. Wenn man sucht, dann findet man gute deutschsprachige Musik.

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Illustration: Julia Schubert

Du hast mal gesagt, als Künstler müsse man auch mal raus hauen, „dass man ein Geiler ist“. Hast du das Gefühl, vom deutschen Pop gebraucht zu werden? Ich weiß nicht, in wieweit ich gebraucht werde. Ich mache meine Sache einfach mit einer großen Leidenschaft und kann inzwischen davon leben. Das heißt zwar nicht, dass man gebraucht wird, aber dass man das weiter machen kann. Ich glaube, dass mich ein paar Leute gut finden, aber ich werde mit meiner Musik nie die ganze Nation einnehmen, weil sie einfach zu speziell ist. Mit Tanzsongs wie „Mach den Bibo“, mit dem du beim Bundesvision Song Contest von Stefan Raab aufgetreten bist, hast du etwas Massentaugliches geschrieben. War das auch dein Ziel? Der Bibo-Song ist eigentlich ein Experiment, das viele nicht verstehen oder nicht verstehen können, weil sie davon irritiert sind. Das Lied habe ich auf der letzten Tour mit Walter Schreifels geschrieben. Angetrunken habe ich dann diesen Bibo-Ufo-Grobi-Tanz getanzt und dachte: Wäre doch geil, wenn das alle Leute machen! Walter lebt in New York und hat den Song dann instrumental und mit Beach-Boys-Gören aufgenommen, und ich habe später den Text drauf gesungen. Es gibt auf meinen Platten ja immer ein, zwei Songs, die einen infantilen Humor in sich tragen. Die schreibe ich ziemlich schnell, in fünf Minuten. Ich nenne diese Songs immer ‚kleine musikalische Erfrischungsstäbchen’. Jedenfalls habe ich dann mit meinem Kumpel Peter ein Video zum Bibo-Song gedreht und mich damit bei Sony beworben. Die meinten: „Geiles Video! Was hast du noch am Start?“ Dann habe ich ihnen ein paar Demos vorgespielt, und die: „Geile Demos! Wir nehmen dich unter Vetrag!“ Mit anderen Worten: Man kann diesem Bibo-Song schon deshalb nicht böse sein, weil er mir mein neues Label besorgt hat. Manchmal muss man eben von Bibo singen und zu Stefan Raab gehen, damit man ein paar Platten verkauft. "Mach den Bibo"

Du bist nicht dafür bekannt, alles mitzumachen, was an Promotion möglich ist. Warum plötzlich ein Auftritt bei Raab? Ich habe mal gesagt, ich würde lieber mein eigenes Urin trinken, als bei Stefan Raab aufzutreten. Ich wäre auch mit keinem andern Lied als „Mach den Bibo“ dahin gegangen. Ich habe das letztes Jahr schon auf allen Konzerten gespielt, überall Werbung gemacht: "Spread the news, sagt den Assozialen in der Familie Bescheid - ich hab ’nen Dance-Hit am Start!" Erst so groß das Maul aufzureißen und dann diese Plattform nicht zu nutzen, das wäre ein Fehler. Ich musste das machen. Dein neues Album heißt „Es brennt so schön“. Kann auch nur von dir kommen, so ein Titel. Ehrlich gesagt ist der ein bisschen geklaut. Ich habe mal bei einer Malerin ein halbes Jahr im Wald gelebt. Das war 2001, da ging’s mir nicht gut, und ich wollte aus Hamburg weg. Und dann habe ich da auf einem Bauernhof zwischen Bremen und Bremerhaven bei einer alten Dame meine erste Platte geschrieben. Der Deal war: Ich darf da umsonst wohnen und fahre dafür einmal die Woche in Stadt und kaufe Essen für ihre Tiere ein. Irgendwann habe ich rausgekriegt, dass diese Frau eine sehr berühmte Malerin ist, die früher mal mit Salvador Dalí zusammengewohnt hat. Sie hatte in den 60er Jahren eine Ausstellung, und die hieß „Das Leben brennt so gut“. Es ist eine kleine Widmung an diese Person. Was hat dich beim Songwriting diesmal angetrieben? Ich hätte so oder so eine Platte machen müssen. Selbst Thom Yorke, der wahrscheinlich Millionen auf dem Konto hat und ein sehr glückliches und erfülltes Leben führt, muss das. Ein Erlebnis war, das ich letztes Jahr im Sommer in die USA gereist bin. Der Song „All You Can Eat“ ist dabei zum Beispiel entstanden. Man sah dort diese träge Masse von Menschen, die nur noch in die Läden rennen, die ihnen vorgesetzt werden. Und „Wie sie“ habe ich geschrieben, nachdem ich einen Bericht in der „Gala“ gesehen habe. Da wurden Boris Beckers’ und George Clooneys Ex-Freundinnen nebeneinander aufgestellt, weil sie alle identisch aussehen. Ich dachte: Warum machen Leute das? Warum holen sie sich immer den gleichen Menschen? Du bist nach wie vor befreundet mit Tomte und Kettcar. Kannst du dir vorstellen, zum Grand Hotel van Cleef zurück zu gehen? Ich wollte mit dieser Platte zurück, aber die wollten das nicht. Das hat mehrere Gründe. Ich bin damals weggegangen, und die haben auch Platten in den Sand gesetzt, die finanziell nicht so gut liefen. Ich will keine Namen nennen. Und dann ist es ja auch so, dass ich jetzt nicht mehr so ganz klein und Indie-mäßig bin. So schlimm finde ich’s im Moment nicht. Die Sony gibt mir mehr Geld, und ich habe auch einen größeren Apparat, der mir sehr entgegen kommt. Wenn damals, zu meiner ersten Platte, die Sony bei mir angerufen hätte, wäre ich sofort zu Sony gegangen. Ich habe nie darum gebeten, ein Indie-Künstler zu sein, und ich habe mich auch nie mit einer Indie-Szene verschworen. Ich finde es äußerst respektabel, wenn Bands das machen, und ich finde auch, dass es unterstützenswert ist. Aber trotzdem verteufele ich die großen Plattenfirmen nicht, das habe ich auch noch nie gemacht. Weil ich auch immer schon Platten von denen gekauft habe. Ich finde aber einige strategische oder politische Sachen, die da stattfinden, scheiße. Warum hat die CD damals schon 30 Mark gekostet? Was sind das für Summen, wenn man weiß, was ein Rohling kostet?

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Illustration: Julia Schubert

„Es brennt so schön“ von Olli Schulz ist auf Columbia/Sony BMG erschienen.

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