"Manchmal reicht es schon, eine Zigarette anzubieten"

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 2003 erstmals den 10. September zum Tag der Suizidprävention erklärt. Anlässlich des fünften weltweiten Suizidpräventionstags haben wir uns mit dem stellvertretenden Leiter des Therapiezentrums für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg, Dipl.-Psych. Georg Fiedler, unterhalten und dabei Erstaunliches gelernt
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Illustration: Julia Schubert

Herr Fiedler, warum braucht man einen internationalen Suizidpräventionstag? Weil Suizid ein in fast allen Gesellschaften vorkommendes, beinahe "alltägliches" Phänomen ist, das jedes Jahr mehr Menschenleben fordert als Kriege, Krankheiten, Unfälle, Mord oder Totschlag. Die Statistik sagt: Allein in Deutschland nehmen sich zehn bis elftausend Menschen im Jahr das Leben. Man geht davon aus, dass jedem Suizid zwischen zehn und 15 Suizidversuche vorangingen. Von jedem versuchten sowie vollendeten Suizid sind im Durchschnitt sechs nahestehende Personen, also Angehörige, Freunde und Kollegen betroffen. Das bedeutet, es gibt kaum jemanden in der Bevölkerung, der nicht davon betroffen ist. Wie kommt es dann, dass dieses Thema so wenig präsent ist? Ist es ja gar nicht. Es ist sogar sehr präsent. Schauen Sie manchmal den 'Tatort'? Kaum eine Folge vergeht, ohne dass sich jemand das Leben nimmt oder zumindest einen Versuch macht oder laut darüber nachdenkt. Oder diese Gerichtsshows, auch da wird der Suizid oft thematisiert. Lediglich in den Tagesmedien ist die Berichterstattung glücklicherweise zurückgegangen, es sei denn, ein Prominenter ist betroffen. Früher war ein Suizid in der Boulevardpresse ein gefundenes Fressen - teilweise mit fatalen Folgen. Nämlich welchen? Dass andere suizidale Menschen sich in ihren Motiven bestätigt fühlen und den Suizid nachmachen. Was ist das am häufigsten vorkommende Motiv? Es ist eine Eigenart des Suizids, dass er sich in Beziehungen realisiert. Deswegen hat jeder versuchte oder gelungene Suizid einen kommunikativen Aspekt. Es gibt nicht "den" Suizid-Grund schlechthin, es findet meistens eine Verkettung von Motiven statt. Wenn also zum Beispiel eine Beziehung endet, legt diese Trennung möglicherweise unverarbeitete Aspekte der Persönlichkeit frei, die einen Suizid auslösen können. Haben sich die Motive über die Jahre verändert? Eigentlich nicht. Wenn man einen Blick in die Literatur des 19. Jahrhunderts wirft und die innere Dynamik suizidaler Menschen untersucht, bestehen kaum Unterschiede zu heute. Wie hindert man jemanden am Selbstmord? Diesen Begriff hören wir nicht so gern, weil der Begriff "Mord" einem Gewaltverbrechen gegen andere vorbehalten ist. Genau so wie den "Freitod", der ebenfalls missverständlich ist. Man sagt, es bestünde die Freiheit, seinem Leben ein Ende zu setzen, aber aus unserer therapeutischen Erfahrung kann ich sagen: Das stimmt nicht. Beim Suizid geht es in der Regel nicht um Freiheit, um die Wahl zwischen Leben und Tod, sondern um eine innere Not, die das Weiterleben für den Betroffenen unmöglich macht. Das ist ein großer Unterschied. Und was ist mit politischen Motiven, zum Beispiel bei politisch Inhaftierten? Auf diesem Gebiet rate ich zur Vorsicht. In diesem Fall ist die Ausweglosigkeit äußerlich aufgezwungen, das hat nichts mit der inneren Ausweglosigkeit eines wirklich suizidalen Menschen zu tun. Die Suizide der RAF-Mitglieder in Stammheim etwa waren eher ein politisches Statement, würde ich mutmaßen. Über ihre wahren Motive kann ich aber nichts sagen, weil ich diese Leute nicht gekannt habe. Wie hindert man also jemanden am Suizid? Wenn jemand entschlossen ist, sich das Leben zu nehmen, dann können Sie das nicht wirklich verhindern. Man darf nicht vergessen, dass suizidale Menschen sich selbst in einem Prozess der Einengung wahrnehmen, die immer schlimmer wird. Die Verzweiflung wächst und damit auch die Suizidgefahr. Die Frage "Wie kann ich weiterleben?" wird immer schwieriger zu beantworten. Wenn hier keine Hilfe von außen erfolgt, wird diese fehlende Unterstützung noch zusätzlich als Desinteresse der Umwelt interpretiert und der Suizidgedanke bestärkt. Auf der nächsten Seite räumt Psychologe Fiedler mit gängigen Klischees auf.


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Illustration: Julia Schubert

Wie kann man einen "echten" Suizidversuch von einem "Hilferuf" unterscheiden? Diese Unterscheidung ist überhaupt nicht sinnvoll und manchmal sogar gefährlich. Man sollte jeden Suizidversuch ernst nehmen, denn er kann auch dann gelingen, wenn das gar nicht beabsichtigt war. Jeder dritte, der schon einmal suizidal gewesen ist, macht danach noch einen Versuch, jeder zehnte stirbt. Wie gesagt – jeder Suizid, ob nur versucht oder gelungen, ist eine Form der Kommunikation. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Wie sieht sinnvolle Suizidprävention aus? Man muss das Tabu brechen, das damit verknüpft ist. Man darf das Thema nicht totschweigen, bloß weil es so unangenehm ist – das gilt sowohl für den suizidalen Menschen als auch für sein Umfeld. Außerdem muss man niedrigschwellige Zugänge zu therapeutischen und beratenden Einrichtungen schaffen, wie das zum Beispiel hier in Hamburg Eppendorf der Fall ist. Ärzte, Pfarrer, aber zum Beispiel auch Justizvollzugsbeamte müssen in diesem Zusammenhang aufmerksam sein und suizidale Tendenzen rechtzeitig erkennen. Schließlich muss in der Gesellschaft selbst ein Bewusstsein für suizidale Menschen und ihre Ängste geschaffen werden, um zumindest das Gefühl der Hilflosigkeit zu mindern. Klischee Nummer eins: In nördlichen Ländern mit Phasen langer Dunkelheit ist die Suizidrate sehr hoch. Stimmt das? Soweit ich weiß, nicht. Schweden hat jedenfalls keine auffallend hohe Suizidrate, wie oft behauptet wird. Die baltischen Länder dafür schon, was vermutlich auf einen stärker verbreiteten Alkoholismus zurückzuführen ist. Klischee Nummer zwei: Im November ist die Suizidrate in Deutschland am höchsten, weil es so düster und ungemütlich ist, und weil Weihnachten vor der Tür steht. Stimmt das? Nein. Ihren Höhepunkt hat die Suizidrate im Mai. Ich vermute, das liegt daran, dass in dieser Zeit viele glückliche und verliebte Menschen zu sehen sind, die die Einsamkeit oder Verzweiflung eines suizidalen Menschen größer erscheinen lassen. Aber das ist nur eine Deutung, eine erforschte Grundlage habe ich dafür nicht. Jetzt mal konkret: Angenommen, auf dem Dach steht jemand und kündigt an, dass er springen wird. Was sagen sie ihm, um ihn vom Leben zu überzeugen? Das machen wir hier eher selten. Feuerwehr und Polizei sind da sehr erfolgreich: Etwa neun von zehn Suizidversuchen werden durch Rettungskräfte verhindert. Dafür braucht man viel Einfühlungsvermögen – die typischen "Zehn Gründe, warum es sich zu leben lohnt" sollte man keinesfalls rezitieren. Das würde eher nach hinten losgehen, weil sie den Betroffenen in seinen Zweifeln bestätigen. Ich würde Verständnis zeigen für seine Situation, das ist das Wichtigste. Manchmal reicht es schon, demjenigen eine Zigarette anzubieten, weil dieser Akt eine Beziehung aufbaut. Daran kann man ein Gespräch anknüpfen, das die Beziehung vertieft, so dass sich der Betroffene aufgehoben fühlt und sich selbst vielleicht noch eine Chance gibt.

Text: henrik-pfeiffer - Illustrationen: Katharina Bitzl

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