"Marmortafeln der Römer haben einfach eine höhere Halbwertszeit als ein USB-Stick"

Tobias Moorstedt und Jakob Schrenk haben das "Jetztikon" geschrieben - ein Buch, das die 50 wichtigsten Gegenstände des ablaufenden Jahrzehnts versammelt.
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Illustration: Julia Schubert

Tobias, wie seid ihr auf die Idee zum "Jetzikon" gekommen? Am Ende einer Zeitspanne blickt man immer zurück. Wir haben uns gefragt, was wohl von diesem Jahrzehnt, von uns, übrig bleiben wird. Im Altertumsmuseum findet man zu jeder Epoche entsprechende Gegenstände, in die ganz viel Sinn reingelesen wird. Mit so einem archäologischen Blick haben wir uns durch die Waren- und Konsumwelt der letzten zehn Jahre gewühlt und überlegt, was die Archäologen später einmal in unsere Gegenstände hineinlesen werden. Warum haben wir 2002 plötzlich alle angefangen, durchschnittlich vier Becher Kaffee am Tag auf der Straße zu trinken? Warum haben wir uns kollektiv in ein Gerät wie den iPod verliebt? In eurem Buch listet ihr genau 50 Gegenstände auf. Wie habt ihr die ausgesucht? Wir haben viel recherchiert, waren in Archiven, haben in alten Katalogen geblättert und geschaut, was sich viel verkauft hat, was viel diskutiert wurde. Die Frage war immer, ob der kleine Gegenstand auch für einen größeren Prozess steht. Der Klimawandel, die Globalisierung oder die Wirtschaftskrise werden manchmal erst in einem Artefakt anschaulich.

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Illustration: Julia Schubert

Was wäre denn so ein Artefakt? Am ISO-Seecontainer zum Beispiel, in dem alle möglichen Waren um die Welt verschifft werden, kann man sehr gut sehen, wie Globalisierung in den Nullerjahren funktioniert. Wenn man sich mal anschaut, was da alles reinpasst: zwei Autos, 238 Kühlschränke, 267 000 CDs – der Container ist quasi die Vorbedingung für die Globalisierung. Nur, weil man wirklich alles darin verschiffen kann, können wir uns den Wein aus Neuseeland und das billige Plastikspielzeug aus China überhaupt leisten. Trotzdem haben wir bestimmt noch ein paar Dinge vergessen. Und natürlich ist unsere Auswahl extrem subjektiv. Hast du denn auch – ganz subjektiv – einen Lieblingsgegenstand? Es ist schwer, da einen herauszupicken. Viele sind ja einfach Teil meines Alltags: Ich habe heute schon einen Coffee to go getrunken und eine Bionade, und ein Leben ohne mein Smartphone kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Andere Gegenstände hingegen sind inzwischen schon wieder verblasst. Der Segway zum Beispiel. Das neuartige Gefährt hat die Welt nicht gerade verändert, trotzdem steht es in eurer Liste. Warum? Der Segway ist ein wunderbares Beispiel für Gegenstände, die nur in den Nullerjahren überhaupt erfunden werden konnten. Er hat uns in seiner Nutzlosigkeit interessiert: Warum hat jemand sich die Mühe gemacht etwas zu entwickeln, das es eigentlich längst gibt, nämlich das Fahrrad? Die Nullerjahre waren so kreativ und erfinderisch, sie haben alles dermaßen umgekrempelt, dass sogar das Rad neu erfunden wurde. Man hat einfach alles ausprobiert, selbst, wenn es nicht gebraucht wurde. Das ist ein echtes Nullerjahre-Phänomen.

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Illustration: Julia Schubert

Bei anderen Gegenständen kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass es die vor zehn Jahren noch nicht gab. Mir ging es mit dem Rollkoffer so. Der Rollkoffer ist wahnsinnig interessant. In den Neunzigern hatte niemand einen. Er war den Piloten vorbehalten wie den Ärzten der weiße Kittel. Dann hat sich unsere Gesellschaft diesen Gegenstand plötzlich angeeignet, wie auf Knopfdruck. Er ist ein wunderbares Symbol für den Mobilitätsschub, den wir erfahren haben, durch Billigflieger und den europäischen Arbeitsmarkt. Auf welchen Gegenstand hätte dieses Jahrzehnt besser verzichten sollen? Die Autobombe und der Improvised Explosive Device, der Selbstbausprengsatz, haben eine große Bedeutung erlangt in den bewaffneten Konflikten unserer Zeit. Und auch auf Collateralized Debt Obligation, die Wertpapierderivate, hätten wir sicher gut verzichten können, natürlich verbunden mit der Mentalität, die dahintersteht. Im "Jetzikon" finden sich auch ein paar Gegenstände, die eigentlich gar keine sind, beispielsweise die Flatrate oder Websites wie Facebook. Stimmt, damit hatten wir die ganze Zeit zu kämpfen. Man muss den Begriff "Objekt" heute sehr weit fassen. Die Werkzeuge, die wir verwenden, existieren oft nur noch als Zahlen oder Software. Diese digitalen Informationen sind in gewisser Weise sehr flüchtig. Vom römischen Imperium bleibt deshalb vermutlich mehr übrig als von uns – Marmortafeln haben einfach eine höhere Halbwertszeit als ein USB-Stick. Und wenn in 100 Jahren jemand ein iPhone findet, wird er gar nicht mehr wissen, was das ist, weil dem Gerät seine Funktion nicht anzusehen ist. Dann ist der Akku leer und der Speicher auch, und man kann gar nicht erkennen, wie wichtig das einmal für die Menschen war.

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Illustration: Julia Schubert

Das "Jetztikon" ist im Rowohlt-Verlag erschienen.

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