Mehr als der "Bettvorleger der Union" sein

Alexander Hahn ist seit Samstag der neue Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen. Im Interview erzählt er, ob sich überhaupt noch jemand um den Job gerissen hat - und wie er sich die nächsten Jahre als außerparlamentarische Opposition vorstellt.
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Alexander Hahn, 26, wurde am Samstag beim Bundeskongress der Jungen Liberalen (JuLis) zum neuen Bundesvorsitzenden gewählt. Sein Vorgänger Lasse Becker war unter anderem aufgrund der massiven Kritik an seiner Person Mitte Oktober zurückgetreten und hatte zuvor in diversen Interviews den Wahlkampf der FDP mit sehr deutlichen Worten kritisiert, auch hier auf jetzt.de.

jetzt.de: Du bist seit Samstag neuer Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen. Ist dieser Job nach dem Rücktritt von Lasse Becker bei euch weniger begehrt gewesen als noch vor der Bundestagswahl?
Alexander Hahn: Das kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich sehe darin eine große Chance und möchte mich deshalb an vorderster Front für die Jungen Liberalen einbringen, um die FDP nach unseren Vorstellungen mitzugestalten. Als Motor, aber auch als aussagekräftige und schlagfertige Jugendorganisation.

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Illustration: Julia Schubert

Alexander Hahn

Was ändert sich denn für euch als JuLis dadurch, dass die FDP nicht mehr im Bundestag ist?
Für uns ist das selbstverständlich ein Einschnitt. Wir müssen jetzt auch unsere eigenen Strukturen völlig überdenken. Wie sie zukünftig aussehen werden, diskutieren wir schon bald auf einem speziellen Seminar. Außerdem ist klar, dass ein gewisser Informationsfluss wegfällt, wenn man nicht mehr im Bundestag sitzt. Vieles aus dem parlamentarischen Betrieb wird man nicht mehr wie gewohnt mitbekommen, das stellt uns vor große Herausforderungen. Von daher steht fest: Es wird sich bei uns einiges verändern und auch verändern müssen.

Ändert sich durch die Situation der FDP auch etwas an eurer Finanzierung?
Wir sind eine unabhängige Jugendorganisation und bekommen deshalb auch eigene Mitgliedsbeiträge. Die haben wir am Wochenende durch eine Umlageerhöhung anpassen müssen, da blieb uns in der aktuellen Situation nichts anderes übrig. Aber in unserer Eigenfinanzierung sind wir gewissermaßen unabhängig von der FDP. Deutlich stärker als andere Jugendorganisationen.

Ihr habt nach eigener Aussage in den vergangenen Wochen Mitglieder dazugewonnen. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Der Kongress am Wochenende war der zweitgrößte, den wir jemals hatten. Es haben sich mehr als 500 junge Menschen getroffen, um über liberale Politik zu diskutieren. Darunter knapp 100 Neumitglieder. Diese Leute haben mit Sicherheit die Chance erkannt, die in der neuen Situation liegt und schenken uns deshalb ihr Vertrauen. Sie sind eine große Bereicherung für uns, gleichzeitig müssen wir nun aber auch dem Anspruch gerecht werden, diesem Vertrauen entsprechende Leistungen und Einbindungsmöglichkeiten
entgegenzubringen.

Was meinst du mit Einbindungsmöglichkeiten?
Wir werden auch in der Kommunikation neue Wege gehen müssen. Wir müssen uns gut miteinander vernetzen, weil die kommenden vier Jahre Außerparlamentarische Opposition – wobei ich natürlich hoffe, dass es nicht vier Jahre sein werden – nicht einfach werden. Diese Durststrecke können wir nur gemeinsam überstehen.

In deinem Bewerbungsschreiben für den Bundesvorsitz hast du die Fragen „Warum ist Liberalismus so unsexy?“ und „Was haben die Liberalen falsch gemacht?“ aufgeworfen. Hast du darauf schon erste Antworten gefunden?
Das eine bedingt das andere. Wir haben in der Vergangenheit zu viel versprochen und eindeutig zu wenig gehalten. Und wir waren auch thematisch sehr eingeengt. Wir müssen wieder dahin kommen, dass wir eine klarere Verbindung aus wirtschaftlicher, aber auch aus persönlicher Freiheit schaffen. Das bedeutet, dass wir gesellschaftliche, ökologische und auch bürgerrechtliche Fragen wieder in den Vordergrund stellen müssen. Das heißt aber auch, dass wir klarmachen sollten, wofür es eine liberale Partei im Deutschen Bundestag braucht. Es reicht nicht, wenn wir als Liberale immer sagen, wogegen wir sind, sondern wir müssen auch klar machen, wofür wir warum stehen. Wir müssen Lösungsansatze und nachvollziehbare Erklärungen für die drängenden Fragen unserer Zeit finden. Erst dann werden wir auch Vertrauen zurückgewinnen und wieder in den Deutschen Bundestag zurückkehren. Eine FDP im Deutschen Bundestag ist ja kein Selbstzweck. Sie hat den Auftrag, für die Freiheit eines jeden Einzelnen zu streiten und diesem Auftrag sind wir nicht ausreichend nachgekommen. Deshalb haben wir ein bitteres Ergebnis eingefahren.

Lasse Becker hat nach der Wahl einige sehr offene Interviews gegeben, in denen es auch darum ging, was aus seiner Sicht alles schief lief bei der FDP. Nun ist er zurückgetreten, unter anderem auch, weil er dafür stark angefeindet wurde. Hast du Sorge davor, dass es dir ähnlich ergehen könnte?
Klar ist, dass man als JuLi-Vorsitzender gewissermaßen auch eine Person des öffentlichen Lebens wird und dass das nicht immer angenehm ist. Ich glaube, wir müssen zukünftig sauber und auf Augenhöhe diskutieren, zugleich aber hart in der Sache. Auch wenn ich selbstverständlich weiter meine private Meinung haben werde, bin ich als Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen dafür zuständig, uns und unsere gemeinsamen Positionen nach außen zu vertreten. Dafür auch mal kritisiert zu werden, muss und werde ich aushalten.

Wie war denn die Stimmung auf der Bundesversammlung am Wochenende? Hattest du das Gefühl, du übernimmst da einen Scherbenhaufen, oder war es eher Aufbruchsstimmung?
Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Natürlich haben wir jetzt Debatten zu führen und müssen überlegen, wie wir mit der Situation umgehen. Aber uns allen ist klar, dass uns große Ideale einen. Daran hat auch der 22. September nichts geändert. Ich gehe sehr motiviert aus diesem Wochenende raus und bin überzeugt, dass wir es gemeinsam schaffen werden.

Ich habe mir vor dem Telefonat auch deinen Twitter-Account mal genauer angeschaut – als Vertreter der Liberalen hat man es da ja gerade nicht leicht. Unter anderem hast du dich auch mit Jörg Kachelmann auseinandergesetzt – nerven die ganzen FDP-Sprüche?
Klar sind wir jetzt Spott, Häme und Herabwürdigungen ausgesetzt. Aber es liegt an uns klar zu machen, dass wir mehr sind als der Bettvorleger der Union. Wir sind eine eigenständige Partei, eine eigenständige politische Bewegung. Die künftige Regierung und die Bundestagsfraktionen werden uns ausreichend Angriffsfläche bieten um wieder deutlich zu machen, wofür wir als liberales Korrektiv gebraucht werden. Man muss sich ja nur die bereits laut werdenden Forderungen nach höherer Neuverschuldung sowie nach der Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung ansehen.

Du sagst jetzt, dass du dich auf die Herausforderung freust und dieses ganze Rumgehacke auf eurer Partei dich nicht trifft. Aber macht einem das nicht doch auch Sorge, zukünftig mit seinem Gesicht für eine Partei zu stehen, die eher verspottet als ernst genommen wird?
Ich bin ja erst am Wochenende gewählt worden, also fragt mich kommendes Frühjahr noch mal (lacht). Aber prinzipiell bin ich mir durchaus bewusst, was dieses Amt bedeutet. Ich war als Pressesprecher ja schon immer eng an Lasse Becker dran und wenn ich mich dem nicht gewachsen fühlen würde, würde ich mich der Herausforderung nicht stellen.

Ist der Job als Bundesvorsitzender ein Vollzeitjob oder kann man das ganz gut mit Studium und Privatleben vereinen?
Das ist immer eine Frage der Selbstdisziplin und des Zeitmanagements. Klar bedeutet es Einschnitte in der Freizeit und im Privaten, aber es ist auch eine organisatorische Frage. Trotzdem bin und bleibe ich weiter der Alexander Hahn, den meine Kommilitonen, meine WG hier in Konstanz und viele JuLis kennen. Aber ich bin selber gespannt, wie der zeitliche Aufwand in der Zukunft sein wird. Es ist auch für uns Junge Liberale eine neue Situation, nun eine Jugendorganisation von einer außerparlamentarischen Partei zu sein. Inwiefern sich das auf das Amt des JuLi-Bundesvorsitzenden auswirkt, ist noch schwer abzusehen.

Auf deinem Facebook-Profil trittst du mit Kippe und Bild-Zeitung auf – wirst du dich da zukünftig anpassen müssen?
Nein, auch da bleibe ich wie ich bin. Jeder, der mir am Wochenende sein Vertrauen geschenkt hat, wird mich ausreichend kennen und wissen, was für ein Typ ich bin.


Text: charlotte-haunhorst - Foto: dpa

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