Sven, zunächst bitte ein paar Worte zu Deinem Künstlernamen. Sven van Thom: Naja, es ist eben so, dass Leute mich oft einfach nicht erkennen, auch wenn sie mich schon dreimal gesehen haben. Eigentlich wollte ich mich in Anlehnung an meinen Opa Sven van Kurt nennen, er hieß Kurt mit Vornamen. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf das „van“ gekommen bin, das wollte ich einfach haben. Und offensichtlich bin ich einfach so ein konturloses Wesen, an das man sich nicht erinnert. Ein Phantom. „Konturlos“ ist jetzt aber schon ein bisschen hart. Das Albumcover strotzt ja nur so vor Konturen, Vertikalen und Horizontalen und Du mitten drin… Ja gut, die Vertikalen und die Horizontalen die nehme ich halt dann nicht immer mit. Die nimmst du nicht immer mit? Nein, das Fenster, in dem ich da fürs Albumcover stehe, das kann ich ja nicht immer mitnehmen. Dafür aber die zwei Fenster im Gesicht. Geben ja auch Kontur. Ja stimmt, die sind schon da. Die habe ich aber erst seit zwei Jahren, seitdem werde ich nicht mehr ganz so krass übersehen, aber trotzdem passiert es mir immer noch. Ich finde es auch sehr merkwürdig. Ich weiß nicht, woran es liegt. Bin halt so ein blonder Typ... weiß ich nicht, keine Ahnung. Man erinnert sich manchmal nicht.

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Du hast die Brille erst seit zwei Jahren? Sieht aus, als würde sie schon immer zu Dir gehören. Ich trage sie schon gerne, aber vorher hatte ich keine Sehschwäche, deswegen habe ich auch keine Brille gebraucht. Was ich nicht so besonders mag, sind Brillen, die so tun als wären sie nicht da. Brillen haben ja durchaus auch etwas Schickes. Da kann man sich schon mal ein solides Modell zulegen. Vor allem weil Deine Hornbrille so wunderbar den 60er-Jahre-Stil unterstreicht, den Du offensichtlich ganz gerne pflegst. Ja, durchaus, durchaus. Das ist auch die Musik, die ich vorrangig höre. Solche Sachen aus den Sechzigern oder Siebzigern. Die CDs, die ich gerade am meisten kaufe, sind irgendwelche billigen Dinger, Compilations, wo 60er-Jahre-Hits drauf sind. Die klingen immer super, weil da die fiesen 80er Jahre noch nicht erfunden waren. Gibt es einen Lieblingsbrillenträger der Popgeschichte? Mal abgesehen von Buddy Holly. An den denkt man natürlich als erstes aber von dem hab ich mir nur mal eine Compilation gekauft, die höre ich eigentlich so gut wie nie. Vielleicht John Lennon, aber der lief ja auch nicht so viel damit rum und ich bin jetzt auch nicht der totale John-Lennon-Verfechter. Ich habe die „Anthology“-DVD gekauft und festgestellt, dass die ja doch eigentlich auch ziemliche Idioten waren. (lacht) Idioten? Die Beatles? Wie das? Da gibt es halt eine Stelle, wo John Lennon auf der Bühne steht und spastische Bewegungen macht. Das hat er wohl öfter gemacht, also direkt in die Kamera das Gesicht verzogen, verkrüppelte Arme und einfach Grimassen gezogen. Blöd. Auch diese ganze Yoko-Ono-Geschichte. Ich habe immer gedacht, das muss man verteidigen und Yoko Ono würde nur diskriminiert, weil sie eine Frau ist. Aber das war schon alles ganz schön, nun ja, dieses Friede-Freude-Eierkuchen das kann man doch durchaus kritisch beäugen und das hab ich lange nicht gemacht als großer Beatles-Fan. Aber seit ich diese „Anthology“ gesehen habe, dachte ich: Doch, das ist schon ein bisschen abgefahren gewesen, was die gemacht haben. Vielleicht lag’s auch bloß am LSD. Ja, ich denke Drogen haben da keine unwesentliche Rolle gespielt. Das ziemlich lustige "Ihr Vater ist ein Nazi", live bei tvnoir.de Andererseits will man mit Drogen auch oft das kaschieren, was einen im Innersten ausmacht. Was wäre das bei Dir? Was mich im Innersten ausmacht? Ich bin sehr ruhig. Ruhige Menschen stehen ja oft ganz gerne im Ruf, Beobachter zu sein. Ehrlich gesagt bin ich viel zu schüchtern, um Leute zu beobachten. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, passiert’s total oft, dass jemand sagt: „Oh, die Dame da sah ja super aus. Hast du die gesehen?“ Und ich hab meistens nichts gesehen oder bin zu langsam. Ich hab immer das Gefühl, Leute anzuschauen, das ist schon eine Grenzüberschreitung, es sei denn ich bin mit ihnen im Gespräch. Ich bin kein Freund des Gaffens. Der schüchterne Entertainer. Soll’s ja des Öfteren geben, passt aber so gar nicht zusammen. Das ist ja das Ding. Ich war früher so schüchtern, dass ich als unterkühlt galt. Bei Leuten, die mich nur oberflächlich kannten, was ich irgendwie total abgefahren fand, weil ich dachte: „Ich bin doch total nett und offen. Was habt ihr denn?“ Und es ist ja auch so, dass man auf der Bühne eine ganz andere Rolle spielt. Also, was heißt ganz anders, natürlich auch an den echten Sven angelehnt, aber ich würde halt nicht so durch die Stadt rennen und alle Leute anschreien, was heißt anschreien, sie animieren, mir zu applaudieren. Das ist ja schon einen besondere Angelegenheit, so ein Konzert. Man kann es natürlich so wie Morrissey machen. Einfach auf die Bühne und das Ganze huldvoll über sich ergehen lassen. Der macht gar nichts? Der macht gar nichts oder ist herablassend. Herablassend im richtigen Maße finde ich auch mal lustig, aber entspricht mir überhaupt nicht. Vielleicht komme ich da ja auch noch hin. Mal gucken was ist, wenn ich 40 bin. Da müsste ich dann wahrscheinlich aber auch so viele Platten wie Morrissey verkauft haben. Das würde ich schon mal bezweifeln, dass das in diesem Leben noch hinhaut. Sven mit Gitarre und Unterstützung: "Trauriges Mädchen" In „Blender“, einem Song auf Deinem Album, geht es um ein Mauerblümchen, hässlich unter Umständen, aber interessant, nett, liebevoll. Ist diese Phrase, dass wahre Schönheit nur von innen kommt, etwas, womit du wirklich etwas anfangen kannst? Ich weiß gar nicht genau, ob das tatsächlich so auf Personen zu übertragen ist. Ich glaube, dass innere und äußere Schönheit durchaus auch einhergehen und dass das Innere schon sehr viel ausmacht. Jemand, der super aussieht im klassischen Sinne, meinetwegen eine Modelfigur hat oder so, mit dem ich mich aber nicht unterhalten kann, so jemand interessiert mich dann auch wirklich nicht und dann nehme ich doch lieber ein paar schräge äußere Attribute in Kauf, um meine Zeit interessant zu verbringen. „So wie ich, bist du ein Freak“ heißt es in „Blender“. Wann hast Du festgestellt, ein Freak zu sein? Naja, ich glaube da ist auch ein bisschen Koketterie dabei. Ich weiß nicht. Ich habe mich auf jeden Fall immer hässlich gefühlt, mein Körpergefühl war immer scheiße. Mein Leben lang. Gehst Du zum Baden? Ich gehe baden, ja, aber auch erst seit letztem Winter regelmäßig, aber wirklich regelmäßig. Das gibt mir auf jeden Fall ein besseres Körpergefühl. Schräg, dass Du es ansprichst. Ich bin jetzt nicht todunglücklich mit mir, aber dass ich mich schön gefühlt hätte, daran kann ich mich nicht erinnern, dass das je der Fall war. Das Album "Phantomschmerz" von Sven van Thom erscheint am 5.September