"Mein Pete ist mein Freund" - Carl Barat über Pete Doherty, die Geschichte des Gin Tonic und das gute alte Albion

Es war im Dezember 2004, als The Libertines – Englands bis dahin unumstrittenes Gitarrenwunder – aufhörten zu existieren. Nachdem Pete Doherty sich unfähig zeigte, eine vielschichtige Drogensucht in den Griff zu bekommen, erklärte sein Freund und Bandleader Carl Barat die Zusammenarbeit bis auf weiteres für beendet. Doherty irrlichterte fortan zwischen Kate Moss, Paparazzi-Verfolgungen und Gerichtsterminen, um Ende 2005 mit den Babyshambles das ebenso großartige wie verstörende Album "Down in Albion" vorzulegen. Carl Barat hatte sich währenddessen einer Tumoroperation am Ohr unterzogen und reiste durch die Welt. Letzte Woche ist nun "Waterloo To Anywhere" erschienen, das furiose Debüt von Barats neuer Band Dirty Pretty Things. Songs wie "Bang Bang You're Dead", "Doctors & Dealers" oder "The Enemy" klingen wie die Rückschau auf einen zum Mythos gewordenen Wahnsinn aus Sex & Drugs & Rock'n'Roll. Alles weitere erklärt Carl Barat im Gespräch mit jetzt.de.
uli-karg

Kennst du eigentlich den Stephen-Frears-Film "Dirty Pretty Things"? Ich hab ihn noch nicht gesehen, obwohl ich's mir schon seit langem vorgenommen habe. Es gibt da eine Szene, in der die Hauptfigur ein menschliches Herz im Klo findet … Echt? Ziemlich ungewöhnlich … Eine gute Metapher würde ich sagen. Vor allem wenn man bedenkt, dass du vor kurzem gesagt hast, du würdest die Libertines immer noch im Herzen tragen. Oder ist das mit der Filmszene einfach nur Zufall? Das ist ein verdammt großer Zufall. Ich würde fast sagen: ein fantastischer Zufall. (lacht) Dass dein Libertines-Herz nicht im Klo liegt, hört man auch dem Album an: Speziell die ersten paar Songs klingen nach Trauma-Bewältigung … Könnte sein. Obwohl es nicht so geplant war. Die ersten zwei Songs, die ich geschrieben habe, waren "Bang Bang" und "Deadwood". Beide Songs handeln von Schritten, die dein Leben und deine Haltung verändern. Wie man Vertrauen und Stärke wieder gewinnt und beginnt, neu an sich zu glauben. So gesehen sind das eigentlich sehr positive Songs. Nach einer langen Zeit der Dunkelheit und des Zweifels habe ich mir einfach gesagt: Das ist nichts für dich, wach auf.

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Illustration: Julia Schubert

Du hast dich dann erstmal aus England verabschiedet, um ordentlich durch die Gegend zu reisen. Großes Heimweh gehabt? Ich habe festgestellt, dass sich Heimat umso mehr verklärt, je länger man weg ist. Wenn Du länger weg aus Deutschland bist, wirst Du's ja auch mit einem eher romantischen Blick sehen. Du denkst halt an all das Angenehme, an das, was Daheim ausmacht. An die Gemütlichkeit vielleicht … Genau das. Diese romantische Sicht auf England - das war und ist für mich Albion. Wenn ich dir jetzt ein Beispiel sagen müsste wär's English Milk & Tea. Du kannst überall auf der Welt Tee trinken, aber es ist einfach nicht so wie in England. Klingt zwar ziemlich bescheuert, aber genau das ist ein gutes Beispiel für das Albion-Gefühl. Ich habe vor kurzem gehört, dass der klassische British-Empire-Gin-Tonic mit ein paar Gurkenscheibchen genossen wird. Ebenfalls Albion? Auch das. So haben sie Gin Tonic in den 20ern getrunken. Gurke macht sich überhaupt in ein paar Drinks ganz gut. Pimm's zum Beispiel. Englischer geht's kaum. Eine Gurkenbowle mit Minze. Ein klassischer Sommerdrink eigentlich. Aber da die Sommer bei uns ziemlich kurz sind, haben sie irgendwann Pimm's Winter erfunden. Heiß serviert. Grauenhaft. Zurück zum Gin Tonic. Mag ich. Aber ohne Gurke. Gin and Tonic ist einer der ersten offiziellen Cocktails. Im viktorianischen Zeitalter war Gin so billig wie Wasser. Man hat ihn deshalb auch verwendet um Dinge zu reinigen - Milch zum Beispiel. Und bei Tonic war's so, dass die Leute in den Kolonien, in dem Fall in Indien, feststellten, dass sie, wenn sie Wasser mit Chinin versetzen, nicht mehr von Moskitos gestochen wurden. Weil das Chinin ausgeschwitzt wurde. Deshalb wurde Tonic Water ursprünglich hergestellt. Um keine "Blood Thirsty Bastards" auf der Haut zu haben – ein schöner Songtitel auf eurem Album. Der Titel kam von Anthony, unserem Gitarristen. Ihm ging's dabei hauptsächlich um Leute aus der Plattenindustrie, aber ich habe den Titel eher persönlich aufgefasst. Mir ging's um die blood thirsty bastards im Alltag. Um Leute, die nichts zu geben haben und einfach nur von dem profitieren wollen, was du geleistet hast. Menschliche Moskitos. Nur, dass man sie leider nicht mit Gin Tonic los wird. Im Gegenteil. Ein großer Stock hilft in dem Fall eher.

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Illustration: Julia Schubert

In "Gin & Milk" singst du wiederum davon, dass du's niemals lernen wirst – so wie Pete Doherty auf seinem Babyshambles-Album. Um welche Lektion geht's da? Darum, aus seinen Fehlern zu lernen. Krieg ich nicht hin. Ich mache immer dieselben Fehler. Und wie du sagst, scheint's Pete nicht anders zu gehen. Wie ist momentan dein Verhältnis zu ihm? Ich unterscheide mittlerweile zwischen meinem Pete und dem Medien-Pete. Mein Pete ist mein Freund und ein selten begabter Musiker dazu. Medien-Pete dagegen scheint sich mittlerweile zu einem eigenen Geschäftszweig zu entwickeln, mit dem ich überhaupt nichts zu tun habe. Im Januar hast du der Presse gesagt, dass du dir das Babyshambles-Album noch nicht angehört hast. Hat sich daran mittlerweile was geändert? Ich hab's immer noch nicht gehört. Ich hab' ein paar Singles gehört. "Fuck Forever" finde ich gut. Aber das Album interessiert mich auch nicht besonders. Ich bin ziemlich beschäftigt mit dem, was ich jetzt mache. Dennoch denke ich jeden Tag an Pete, weil mich Journalisten jeden Tag auf ihn ansprechen. Aber er spielt derzeit keine große Rolle in meinem Leben. Ich habe zwei Jahre meines Lebens damit verbracht, durch die Gegend zu reisen und zu versuchen über Musik zu sprechen, anstatt über diesen ganzen Gossip-Kram. Ich kann diese Drogengeschichten nicht mehr hören. Gibt's denn keine interessanteren Geschichten über ihn? Vor kurzem hat er in Wien gespielt, wo er Adam Green getroffen hat, um mit ihm einen Song zu spielen … Echt? Mit Adam Green? (lacht Also dieses Lachen … Ja? Das klingt irgendwie danach, als würde dir zu Adam Green noch mehr einfallen. Stimmt. Dass er in Deutschland berühmt ist zum Beispiel (lacht). Und in den USA oder England so gut wie überhaupt nicht. Das hat uns immer amüsiert und wir haben dann mal einen Witz darüber gemacht, wer die meisten Platten in Deutschland verkauft hat. Das hat er uns ziemlich übel genommen (lacht immer weiter). Er ist wahnsinnig stolz auf seinen Erfolg in Deutschland. Wir sind mal zusammen in einer Fernsehshow aufgetreten und wurden in einer Limousine ins Studio gefahren. Währenddessen haben wir ein bisschen getrunken. Adam war der einzige, der danach völlig blau war. Interview: Uli Karg

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