„Meine eigene Befindlichkeit ist mir nicht mehr so wichtig“

In dieser Woche erscheint Thees Uhlmanns zweites Soloalbum. Beim Interview in der Kneipe spricht er über das Zusammenspiel von Vatersein und Rock'n'Roll, die Gemeinsamkeit seiner Mutter mit Rudi Dutschke und die schönsten Momente der vergangenen zwei Jahre.
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Als ich mich mit Thees Uhlmann für unser Gespräch stilecht in einer Kneipe treffe, sitzt er dort mit Katrin Bauerfeind am Tresen, die ihn zuvor für ihre Sendung „28.30“ interviewt hat. Die beiden versichern sich ihrer gemeinsamen Liebe für Nescafé, die Moderatorin ärgert sich kurz darüber, dass sie vergessen hat, Thees zum Thema Pathos zu befragen, und dann berichten sie noch von ihren lustigen Interviewerfahrungen mit Noel und Liam Gallagher. Thees führt aus, dass er Noel nur geschlossene Fragen gestellt, und dieser alle lediglich mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet habe – dementsprechend schnell war das Gespräch vorbei. Katrin Bauerfeind hingegen erzählt die schöne Anekdote, dass Liam auf die Frage, ob es etwas gäbe, dass er an seinem Bruder möge, geantwortet habe: „Yeah, sometimes his shoes.“ Wunderschön.
Aber nun soll es dann doch um Thees Uhlmann gehen, der dieser Tage sein zweites Soloalbum „#2“ veröffentlicht.

jetzt.de: Hooligan der Herzen, Bruce Springsteen von Niedersachsen – dir wurden im Laufe der Zeit einige interessante Titel verliehen. Fühlst du dich wohl damit?
Thees Uhlmann: Als mir der Musikexpress dieses „Ich bin der Bruce Springsteen von Niedersachsen“ in den Mund gelegt hat, das hat mich schon geärgert – das würde ich selbst nämlich nie über mich sagen. Aber klar: Bruce Springsteen und Sven Regener sind meine größten Idole. An denen orientiere ich mich und daraus mache ich keinen Hehl. Und ich weiß natürlich auch, was die Leute meinen, wenn sie mich als Hooligan der Herzen bezeichnen. Ich habe aus meinem Herzen eben nie eine Mördergrube gemacht und bin immer noch der Meinung: Lieber fünf Sätze sagen und vier davon sind falsch als gar nichts sagen und sich im Recht fühlen.  

Du hast bei deinem neuen Album erneut mit Tobias Kuhn zusammengearbeitet, der dir einige Grenzen auferlegt hat – zum Beispiel, dass du nur jeweils einen Song über die Liebe und einen über ihre Abwesenheit singen darfst. Helfen Grenzen, sich weiterzuentwickeln und an der Herausforderung ihrer Einhaltung zu wachsen?
Auf jeden Fall. Das ist aber nicht nur in der Musik so, sondern auch im Leben. Und zwar nicht nur in meinem, sondern in den Leben aller. Das Ding ist ja: Ich könnte immer einen klassischen Thees-Uhlmann-Song schreiben: Ein bisschen Bier, bisschen knutschen, bisschen traurig verliebt, bisschen nachts durch die Gegend latschen und ein bisschen Norddeutschland – fertig ist ein typischer Uhlmann-Song. Aber diese ausgelatschten Wege zu verlassen, ist künstlerisch gesehen natürlich viel interessanter. Hinzu kommt dann diese Punk-Sport-Haltung: Ach, über Krieg schreibt man nicht? Ich mache das aber trotzdem. Und keiner benutzt den begriff SPD in einem Song? Gut, dann mache ich es deshalb extra.  

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Illustration: Julia Schubert

Thees Uhlmann würde sich selbst niemals "der Bruce Springsteen von Niedersachsen" nennen - aber ein großes Idol ist er für ihn schon.

Hast du ein Notizheft, in das du sämtliche Ideen aufschreibst?
Nein. Wenn ich der Meinung bin, eine wirklich gute Idee zu haben, schicke ich manchmal eine SMS an mich selbst. Ansonsten bin ich Anhänger des alten Weakerthans-Konzepts: „Was wirklich gut ist, verlässt das Gehirn nicht.“ Ich bin kein Notizbuch-Typ. Aber ich beneide die Leute, die eins führen, weil es natürlich wahnsinnig gut aussieht. Mädchen mögen das.  

Du hast mal gesagt, du hättest einen unausgesprochenen Deal mit den Leuten geschlossen, die deine Musik hören, der da lautet: Wenn in deinem Herzen etwas rumpelt, dann wird auch darüber gesungen. Ist das noch so? Bleibt das auch so?
Ja, das ist so und das bleibt so. Ich muss mir von anderen Leute ja oft anhören, ich würde mich so preisgeben. Aber ich weiß überhaupt nicht, was das bedeutet. Soll ich so tun als hätte ich keine Tochter, oder was? Meine Lebensrealität wird sich immer auch in meiner Musik widerspiegeln, aber einige Leute haben offenbar ein Problem damit. Ich weiß bloß nicht, warum. Ich finde, als Rockmusiker haben wir die Verantwortung, über so etwas zu singen, weil die Leute das nachvollziehen können und sich dadurch wahrgenommen und verstanden fühlen. Das ist Teil unseres Jobs.  

Gab es denn auch schon einschneidende Erlebnisse in deinem Leben, die du aus irgendwelchen Gründen ausgespart hast?
Nein, eigentlich nicht. Nimm nur mal den Song „Weiße Knöchel“ von der neuen Platte – da versetze ich mich in einen 45-jährigen Typen, der im Ruhrgebiet Wahlkampf macht für die SPD, und der Text ist von vorne bis hinten ausgedacht. Dennoch steckt in diesem Song ganz viel Thees Uhlmann drin – vollkommen losgelöst von meiner Person. Weil ich mich darin über die flächendeckende Verfügbarkeit von Spielautomaten aufrege; darüber, wie Oberhausen mittlerweile aussieht und dass da in der Innenstadt ganz viele Geschäfte pleite gemacht habe, was den Anfang einer drohenden Verslummung signalisiert. Und weil ich mir sage: „Das kann doch nicht die endgültige Antwort auf den Strukturwandel im Ruhrgebiet sein.“  

Du kommst aus einer Kleinstadt, wohnst aber seit Jahren in Großstädten. Aufgrund des Umstandes, dass du seit der Geburt deiner Tochter regelmäßig in deiner Heimat bist und dort viel komponiert hast, hast du den Provinzanteil deines letzten Albums auf 80 Prozent taxiert. Wie hoch ist er dieses Mal?
Dieses Mal habe ich mehr Inspiration durch die Großstadt bekommen, ich würde sagen zu 60 Prozent, während ich beim letzten Album sehr stark von Sehnsucht getrieben war. Mittlerweile habe ich mich damit arrangiert. Meine eigene Befindlichkeit ist mir nicht mehr so wichtig.  

Ein schöner Satz von dir lautet, dass man sich immer selbst die Momente schaffen muss, an die man auch in zehn Jahren noch denken wird. Gab es solche Momente in den vergangenen zwei Jahren?
Klar. Zum Beispiel als der eine Typ von den Weakerthans organisiert hat, dass wir in Toronto auf der Musikmesse spielen durften, wo ich dann meine Verwandten aus Detroit wiedergetroffen habe. Oder beim letzten Konzert unserer letzten Tour in der Großen Freiheit in Hamburg, als ich zu meiner Band gesagt habe, dass ich jetzt auf der leeren Bühne mal kurz alleine eine Zigarette rauchen möchte, und nach zehn Sekunden meine Mutter die Treppe runterkam und meinte: „Jetzt dreh mal nich’ durch.“ Oder als ich zu meiner Lütten gesagt habe, dass ich am Wochenende wieder los und ein Konzert spielen muss, und sie zu mir meinte: „Du hast doch schon letzte Woche ein Konzert gespielt. Kannst du es nicht so machen, dass alle Leute zusammenkommen und sich alle zusammen ein Konzert von dir ankucken? Dann musst du nicht jedes Wochenende wegfahren.“ Das waren wunderschöne Momente.  

Wie nimmt deine Mutter deine Karriere wahr?
Ich muss ihr nichts vormachen. Wir sind down miteinander. Aber die sammelt natürlich schon Zeitungsschnipsel und sagt: „Jetzt schick mir endlich mal wieder ein paar Autogrammkarten! Beim Schlachter werde ich immer wieder danach gefragt.“ Die ist schon ein bisschen stolz – obwohl Stolz ein Gefühl ist, das im Norddeutschen nicht gerade verankert ist.  

War sie am Anfang deiner Musikerkarriere skeptisch?
Logisch. Als ich eines Tages alles auf eine Karte gesetzt und beschlossen habe, Musiker zu werden und meine Mutter im Zuge dessen mitbekommen hat, dass ich nicht mehr krankenversichert bin, war das ganz schlimm für meine Mutter. Aber das haben wir ganz gut hinter uns bekommen.  

Du bist Vater einer Tochter und für viele Leute bedeutet das Elterndasein das Gegenteil von Rock’n’Roll. Campino hingegen hat mal gesagt, dass Kinder der wahre Rock’n’Roll seien. Wer hat Recht?
Ich habe Campino mal gedisst für diesen Ausspruch. Aber letztlich hat er etwas ganz Schlaues gesagt, nämlich: „Freunde von mir haben gerade ihr zwölftes Kind bekommen – das ist Punk-Rock.“ Das kann ich zu 100 Prozent unterschreiben.  

Einige Eltern hören mit der Geburt ihrer Kinder auf, Menschen mit eigenen Interessen zu sein. Prinz Pi hat diese Eltern mal mit Sekten verglichen, in denen nur noch über Kindersitze, Kindernahrung und Kindereinschlafhilfen gesprochen wird.
Das sind ja auch wichtige Themen. Aber ich halte nichts von der Überpsychologisierung von Kindern. Das sind weder Glücksbringer noch Mehrwertmotoren. Dass ich vor sechs Jahren ein Kind bekommen habe, ist sicherlich ein Eingriff in meine Biografie, aber kein Eingriff in meine Sicht auf die Dinge oder die Art meines Verhaltens.  

Gefällt deiner Tochter die Musik ihres Vaters?
Nee, die interessiert sich nicht für Popmusik. Die hört nur Kinderlieder. Aber sie weiß, was ich beruflich mache, und das beschäftigt sie auch. Zum Cover der ersten Platte hat sie mich gefragt, warum darauf nur mein Po zu sehen ist, und ich habe ihr geantwortet, weil ich nicht so hübsch bin. Und sie dann so: „Ja, das stimmt.“  

Was war der Ausgangspunkt für den Song „7. März“? Der Geburtstag deiner Mutter?
Ja, absolut. Dass meine Mutter und Rudi Dutschke in der gleichen Nacht im gleichen Krankenhaus in Berlin zur Welt gekommen sind, ist einfach eine geile Geschichte.  

Was sagt denn deine Mutter zu dem Stück?
Die druckst herum. Aber ich finde es einfach krass, wie zwei Menschen in der gleichen Nacht geboren werden, beide Leben danach aber so doll auseinander driften wie nur irgend möglich. Die eine wird Lehrerin in Nordniedersachsen und führt den Inbegriff eines normalen Lebens, der andere wird zur absoluten Persona Non Grata, dem aufgrund seiner Position in den Kopf geschossen wird, und nach dem jetzt eine Straße in Berlin benannt ist. Das finde ich wahnsinnig faszinierend, wie die Zeit den Kulturgeist einer Gesellschaft verändert. Und jetzt sind meine Mutter und Rudi Dutschke wieder vereint – zumindest auf dem einen Song.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: Ingo Pertramer

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