"Meine Geschichten sollen ins Schmerzhafte gehen"

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Foto: Stefan Volk Waren denn Erzählungen überhaupt jemals weg? Alle Autoren, die ich kenne, experimentieren seit Jahren mit kleinen Formen. Es liegt wohl immer am Autor selbst. Allerdings glaube ich schon, dass wieder mehr Autoren auch mit Erzählungen debütieren können. Das Klischee ist doch, dass man zu einem Verlag kommt und die sagen einem: Schreibt doch erst mal einen Roman. Ich hätte es niemals gewagt, mich mit meinen Kurzgeschichten bei einem Verlag zu bewerben. Weißt du noch, wovon deine erste Erzählung handelte? Nicht mehr ganz genau. Mittlerweile sind es ja Hunderte. Aber ganz am Anfang gab es eine Geschichte über einen Mann, der immer staunend vor einer Ravioli-Fabrik steht. Er lernt da eine Frau kennen und die verbringen die Nacht miteinander und die Geschichte endet dann damit, dass beide aus dem Fenster schauen, mit den Ellenbogen auf dem Fensterbrett und zwischen sich eine Flasche Limonade mit zwei Strohhalmen. Mittlerweile hast du einen Roman veröffentlicht, ein zweiter erscheint bald. Du schreibst aber auch weiter Kurzgeschichten. Ja, sie sind eine gute Trainingsform. Und ich habe sie als eigene Kunstform schätzen gelernt. Sie lassen sich gut lesen und vor allem gut vorlesen, weil ich innerhalb der Aufmerksamkeitsspanne des Publikums eine Geschichte erzählen kann. Ich kann mich auf eine Begebenheit konzentrieren, muss nicht wie bei einem Roman erst eine richtige Architektur entwerfen und ein großflächiges Geflecht der Figuren und Handlung knüpfen. Mir gefällt bei den kurzen Texten die Verdichtung. Ich kann mich da schneller und aktueller an einem Thema abarbeiten. Wann hast du angefangen mit dem Schreiben? Schon als Kind. Ich hab Zeitungspersiflagen geschrieben und Gedichte – vor allem für die Schülerzeitung, pathetisches Pubertätszeug. Gedichte? Ja, damit habe ich aber aufgehört. Ich habe gemerkt, dass es eine schreckliche Sache ist, Lyrik vorzulesen. Die Leute sind immer betreten, wissen nicht, wie sie angemessen reagieren sollen. Prosa ist da viel angenehmer. Das Publikum kann leichter einsteigen. Ich probiere sehr gern Texte gleich live aus, wenn ich sie geschrieben habe. Dann merkst du sofort, wenn zu viel Geschwafel in einem Text ist oder etwas überhaupt nicht funktioniert. Aber das kann doch auch daneben gehen? Ja, ist auch schon passiert. Ich habe an einem schönen Sonntagnachmittag mit Kollegen auf einer Barkasse gelesen. Das Publikum war gut gelaunt und ich wollte unbedingt einen bestimmten Text vorlesen, eine Rotkäppchen-Adaption, die auch in "Krill" ist. Die Geschichte deutet Pädophilie an und dass Rotkäppchen den Wolf verführt. Meine Freunde haben mich scheel angesehen und fanden es absolut unpassend. Das war es wohl auch, keine Ahnung, was mich da geritten hat. Ist es nicht eh unangenehm, wenn du beim Vorlesen die Leute so direkt vor dir sitzen hast? Wenn es biografisch wird, dann schon. Einerseits genieße ich das, die Leute näher an mich ranzulassen, andererseits schäme ich mich aber auch manchmal. Aber ich finde es einfach notwendig, solche Situationen auszuhalten. Die Protagonisten deiner Geschichten tun oft Dinge, die man als Leser nicht miterleben möchte. Ja, das kann schon sein, aber mich freut es eher, wenn meine Geschichten heftige Reaktionen auslösen. Scham oder ein Getriebensein sind jetzt nicht die angenehmsten Gefühle, aber ich selbst mag das als Leser sehr gern. Immer dieses Bedürfnis, dem Protagonisten zuschreien zu wollen "Nein, tu das nicht!" Momentan lese ich "Wenn der Wind dreht" von Andrea DeCarlo und habe genau dieses Gefühl. Das will ich als Autor auch schaffen. Ich bin da sehr fordernd. Die Geschichten sollen ins Schmerzhafte gehen. Hast du auch als Vorleser so etwas wie ein Vorbild? Sehr beeindruckt war ich auf einer Lesung von Stefan Beuse. Der hat mir die Augen geöffnet, hat geschrieben, wie er schreiben wollte und war nur ein paar Jahre älter als ich. Da dachte ich mir: Das kannst du auch schaffen, wenn du dich nur anstrengst. Und vom Auftreten her finde ich Entertainer wie Rocko Schamoni toll. Leider werde ich nie so abgefuckt und cool sein wie er. Ist es denn schöner, vor kleinem Publikum oder vor großem Haus vorzulesen? Das hängt echt vom Publikum ab. Ich habe auch schon mal vor einem großen Publikum vorgelesen und die Leute schauten mich an wie Fischsuppe, das macht dann wenig Spaß. Und dann musste ich auch mal vor drei Zuschauern lesen, in einem Biergarten, auf einer Bierkiste stehend, ohne Mikro. Das kann beschissen sein oder aber auch faszinierend, wenn die drei Leute total dabei sind.

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Illustration: Julia Schubert

Michael Weins liest unter anderem am 25. April in Wiesbaden am 26. April in Bremen am 5. Mai in Hamburg am 14. Mai in München am 20. Mai in Berlin Alle Termin findest du auf mairisch.de.

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