„Meine Mutter ist auch Rock’n’Roll. “

Jesse Hughes ist Frontmann der US-Rockgruppe Eagles Of Death Metal und veröffentlicht bald sein erstes Soloalbum. Mit uns hat er sehr lustig über das RocknRoll-Leben gesprochen.
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Illustration: Julia Schubert


Jesse, gibt es heute noch echte Rock’n’Roller im Musikgeschäft?
Absolut! Auch weil der Begriff ‚Rock’n’Roll’ mittlerweile viele Definitionen zulässt. Früher war Rock’n’Roll einfach nur ein anderes Wort für Sex. Damit fing alles an. Wenn man auf der Tanzfläche richtig rock’n’rollte, endete das meistens im Schlafzimmer. Was die Musik angeht, ist für mich vieles Rock’n’Roll: Johnny Cash genauso wie Public Enemy, Dizzee Rascal oder der Wu-Tang Clan. Selbst Lady Gaga ist irgendwie Rock’n’Roll. Denn Rock’n’Roll ist letztendlich eine Einstellungssache, genau wie die Jugend eine ist. Sie basiert auf einem Gefühl von Freiheit. Wenn man macht, was man will, ohne dabei auf andere zu hören, ist das Rock’n’Roll. 

 Ist die Rock’n’Roll-Einstellung automatisch an einen bestimmten Lebensstil gekoppelt?
Deine Einstellung diktiert dir deinen Lebensstil. Auch Politiker oder religiöse Figuren können Rock’n’Roll sein. Der Heilige Franz von Assisi war zum Beispiel ziemlich Rock’n’Roll – ‘cause he didn’t give a fuck! Martin Luther war Rock’n’Roll. Meine Mutter ist auch Rock’n’Roll.  

Wann fühlst du dich selbst besonders Rock’n’Roll?
Wenn ich meinen Sohn von der Schule abhole und die verschreckten anderen Eltern sehe, die Angst haben, dass ich ihre Kinder kidnappe.
 
 Schon mal Ärger mit denen gehabt?
Noch nicht – weil sie mir noch kein konkretes Verbrechen nachweisen konnten. Auch das ist Rock’n’Roll: Gettin’ away with the crime!  

Wie sehr Rock’n’Roll ist denn dein Sohn?
Irgendwie ist er wie mein Klon. Er hat die Rock’n’Roll-Einstellung, spielt Drums.  

Kinder von Rockstars scheinen oft gar nicht darum herum zu kommen, selbst ins Rockgeschäft einzusteigen. Bei dir war das ja ähnlich …
Ja, das ist auch unumgänglich. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich sieben Jahre alt war. Zu der Zeit spielte mein Vater in der Marshall Tucker Band. Ich kannte ihn zwar nicht so gut, und trotzdem hat er den Rock’n’Roll an mich weitergegeben – ob ich wollte oder nicht. Der Rock’n’Roll ist einfach im Blut. 

 … und wird von Musikern besonders auf Tour gelebt. Wie wild muss man sich dich nach all den Jahren noch vorstellen, wenn du unterwegs bist?
Sagen wir mal so: Ich werde schlafen, wenn ich tot bin. Denn wie schon erwähnt: Jugend ist Einstellungssache. Ich bin heute sogar ein bisschen wilder als früher, komme aber besser damit klar, da ich jetzt ein bisschen reifer und schlauer bin. Ich will einfach meinen Spaß haben, bevor das Scheißhaus in Flammen aufgeht. 

http://www.youtube.com/watch?v=BQ5KoZvZVBg

 Wie sieht denn eine typische Nacht nach einem Konzert für dich aus?
Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich wie vom Teufel besessen. Und wenn ich wieder runter komme, habe ich das Gefühl, ich könnte Autos hochheben und Eisen essen. Deshalb mache ich mir auch immer direkt nach einem Konzert eine schöne Tasse Tee zur Beruhigung, setze mich vor den Fernseher und schaue mir eine Gartenschau an. Dann wird noch ein bisschen gestrickt … nein, ich mach’ nur Spaß. Tatsächlich will ich mich danach ausleben und am liebsten zusammen mit meiner Freundin die Stadt in Brand setzen!  

Über einen Kater am nächsten Tag denkst du dabei wahrscheinlich nie nach, oder?
Nein, über so einen Scheiß darf man auch nicht nachdenken. Der Kater gehört einfach dazu, jeder Spaß hat seinen Preis. Außerdem: Wenn man sich vor dem Schlafengehen drei Aspirin einwirft und viel Wasser trinkt, wird es erst gar nicht zum Kater kommen. Und selbst wenn: Du hast einen Hangover am Morgen? Trink einen Tequila drauf!  

Das harte Partyleben auf Tour macht vielen anderen Musikern ja eher zu schaffen …
Weil sie dieses Partyleben nicht richtig leben. Klar, man muss auch mal schlafen und kann nicht 24 Stunden am Tag feiern. Aber was heißt überhaupt Party? Heißt das automatisch, dass man Drogen nehmen muss? Natürlich nicht! Eine Party bedeutet, dass  man seine Zeit genießt und mit Leuten verbringt, die man sehr mag.  

 Welche Regeln gibt es als Rockstar sonst noch zu beachten? Welche Grenzen nicht zu überschreiten?
 Respekt! Der ist immer wichtig. Warum sollte man auch so tun, als gäbe es keine Regeln, wenn es sie doch gibt? Elvis Presley ist der King of Rock’n’Roll. Und er hat immer brav ,yes Mam’ und ,yes Sir’ gesagt. Er ist in die Armee eingetreten und hat Gospel-Alben aufgenommen. Fest steht: Jeder Teufel liebt seine Mama! Ich glaube auch an Gott – weshalb es in der Hölle wahrscheinlich auch härter für mich wird, als zum Beispiel für dich. 

 Entweder oder: Zu Hause oder auf Tour?
Schwere Frage, weil wenn man zu Hause ist, will man auf Tour gehen, und umgekehrt. Für mich ist mein Zuhause aber auch auf Tour.  

Das ist doch ein Klischee.
Es stimmt aber! Genauso wie die Annahme, dass die meisten Nerds Brillen tragen. 

Club oder Pub?
Club, Baby! In Bars sind mehr Männer, in Clubs mehr Frauen. Es läuft doch so: Die Mädels gehen erst in irgendeine Bar, streiten sich dort mit ihren Typen und ziehen dann ab in die Disco. Und da werde ich dann sein.  

Autos oder Frauen?
Frauen. Weil Frauen normalerweise eh nette Autos haben und mich damit herumkutschieren können. 

 Frauen oder Geld?
 Oh, schwer. Ich stehe ja sehr auf Geld. Trotzdem: Frauen. 

 Geld oder Oberlippenbart?
 Oberlippenbart natürlich.  

Sport oder Politik?
Politik. 

 Barack Obama oder Bono?
 Bono. Weil Barack Obama ein Kommunist ist. Natürlich ist er mein Präsident – ob ich ihn nun gewählt habe oder nicht. Ich bin hier in einem fremden Land und werde nicht schlecht über meine Jungs zu Haue sprechen. Aber Bono ist in U2, einer Band, die einen unglaublichen Einfluss auf mein Leben hat. Wenn irgendwer gleichzeitig Rock’n’Roll und Politik machen könnte, dann sicher er. 

 Nirvana oder Guns N’ Roses?
Nirvana - weil Axl Rose mich mal aus seiner Tour gekickt hat. Der Rock’n’Roll hat Guns ’N Roses ja auch schon verlassen. Die „uns“ und die „oses“ sind zu Velvet Revolver gegangen, übrig geblieben sind nur noch „G“ und „R“. 

 Die 90er oder die Gegenwart?
Die Gegenwart!  

Nie nostalgisch?
Wegen der 90er? Wegen Bill Clinton? Hell no! Ich meine, die 90er waren schon cool. 1990 habe ich zum Beispiel meinen High-School-Abschluss gemacht. Aber in den 90ern schmolz mein altes Leben auch davon und ich wurde … diese Kreatur. 


 „Honkey Kong“ von Boots Electric erscheint am 23. September auf Dangerbird/Cooperative/Universal. 

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