"Merk dir mein Gesicht!"

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Im Berliner Theater „Heimathafen Neukölln“ wird derzeit Güner Yasemin Balcis Ghetto-Roman „Arabboy“ auf die Bühne gebracht. Die Hauptrolle, den gewalttätigen Berlin-Neuköllner Kiezkönig Rashid A., spielt der 18-jährige Hüseyin Ekici. Im Gegensatz zu Rashid hat Ekici, selbst in Neukölln aufgewachsen, den Weg von der Straße in ein besseres Leben gefunden. Ein Gespräch mit dem Schauspieltalent über seine Jugend, seinen Erfolg und seinen Traum. jetzt.de: Hüseyin, auf deiner Schauspieler-Setcard werden als deine Fähigkeiten unter anderem Tae-kwon-do, Kickboxen und Fitness aufgezählt. Ist es vielleicht sogar notwendig, diese Dinge drauf zu haben, wenn man wie du in Berlin-Neukölln aufwächst und bis heute lebt? Hüseyin: Nicht unbedingt. Aber es ist natürlich schön, wenn man in Neukölln lebt und eine Kampfkunst beherrscht. Als Kind war ich hyperaktiv, und da ich schon damals leidenschaftlich gerne Martial-Art-Filme gesehen habe, hat man meinen Eltern dazu geraten, mich an Kampfsportarten heranzuführen. Vor deiner Karriere als Schauspieler hast du als kleinkrimineller Jugendlicher Erfahrungen mit der Polizei gemacht, hattest Anzeigen am Hals. Hätte ich damals Angst haben müssen, wenn ich dir nachts in Neukölln begegnet wäre? Was heißt Angst? Gott sei Dank habe ich keine lebensgefährlichen Sachen gemacht. Auch nichts mit Kokain und so. Aber vor vier Jahren war ich einfach voller Aggressionen. Ich wurde von jedem missachtet und ausgelacht, dafür habe ich die Leute gehasst. Diejenigen, die mich einen „hoffnungslosen Fall“ genannt haben, waren für mich das Doppelte davon. Ich hätte dir nachts auf der Straße aber nichts angetan. Nicht ohne Grund. Ich habe damals vieles missverstanden. Heute bin ich erwachsener. Wie kamst du von der Straße auf die Bühne? Auf jeden Fall durch meine Mutter. Und durch meine Agentin. Ich hatte mich bei sehr vielen Agenturen beworben. Fast alle haben mir Absagen erteilt. Weil meine Aussprache damals nicht perfekt war, außerdem hatte ich den „Ey Alter“-Slang noch nicht abgelegt. Irgendwann meinte meine Mutter: „Mein Sohn, mach was aus dir! Lies Bücher und arbeite an deiner Sprache!“ Etwas später hörte ich von Angela Hobrigs Schauspieleragentur. Sie hat mir drei Castings besorgt, die ich alle gut bestanden habe. Dann gab sie mir einen Vertrag. Bis heute engagiert sie sich sehr für mich.

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Illustration: Julia Schubert

Hüseyin Ekici. Es heißt, du würdest selbst gerne rappen. Hat dich damals, als du den Absprung unbedingt schaffen wolltest, auch eine Karriere als Rapper gereizt? Mir hat man damals keine richtigen Auftrittsmöglichkeiten angeboten. Auch nicht in Jugendzentren. Seit fünf Jahren schreibe ich jeden Tag Zuhause Texte. Ich höre eine Melodie, und wenn sie mir gefällt, schreibe ich etwas darauf. Ich will dabei authentisch sein. Ich schreibe über das harte Leben, auch über das von anderen. Und natürlich immer über die Wahrheit. Ich schreibe auch Liebessachen. Heutzutage haben die Älteren ja nur Liebeskummer. Ich hatte aber nie die Hoffnung, ein berühmter Rapper wie Bushido zu werden. Jeder weiß ja auch, dass der nicht so ist wie er sich gibt. Und Rap ist auch zu einfach. Sogar mein kleiner Cousin kann rappen, wenn er will. Das, was ich mache, kann nicht jeder. Die Schauspielerei ist eine ganz andere Welt. Hast du denn Vorbilder aus Film und Theater? Wenn ich ein Vorbild habe, dann meine Mutter. Es gibt Schauspieler, die ich bewundere, weil sie sich etwas erarbeitet haben. Jackie Chan und Jet-Li finde ich schon gut. Und auch, wenn es jetzt komisch klingt – ich mag Charlie Chaplin. Seine Filme sind heute noch lustig. Für jemanden in meinem Alter ist es vielleicht ungewöhnlich, auf Charlie-Chaplin-Filme zu stehen, aber wenn man sich die mal ansieht und versteht, worum es darin geht, dann lacht man sich kaputt! Jetzt bist du der Hauptdarsteller im Theaterstück „Arabboy“, nach dem Roman von Güner Yasemin Balci. Du spielst Rashid A., einen Neuköllner Kiezkönig. Genießt du diese Rolle und generell das im Mittelpunktstehen? Mit dem Stück sieht die Gesellschaft endlich mal, was „authentisch“ bedeutet. Aber was heißt im „Mittelpunktstehen“? Nur weil ich Rashid bin? Ohne Inka Löwendorf und Sinan Al-Kuri, die auf der Bühne neben mir spielen, würde das alles niemals so gut funktionieren, ohne die würde es „Arabboy“ gar nicht geben. Als Kind wollte ich immer im Mittelpunkt stehen. Aber je älter ich wurde, desto mehr hat sich das geändert. Wenn du im Mittelpunkt stehst, hast du unheimlich viel Verantwortung. Und im Theater sind wir eine Crew. Rashid wird im Stück abgeschoben und stirbt in der Türkei. Kennst du so etwas auch aus deinem Freundeskreis? Ich habe Freunde durch Abschiebung verloren, die bis heute in der Türkei leben. Ich kann dir sagen, auf gut Deutsch ist das ein beschissenes Gefühl. Es gibt Leute, die lieben Berlin. Und es gibt Leute, die hassen Berlin – aber trotzdem will keiner weg. Warum? Weil hier mehr geboten wird, hier hat man einfach mehr Möglichkeiten als zum Beispiel in der Türkei. Rashid steht für Drogen und Gewalttaten bis zur Vergewaltigung. Wofür standst du früher – und wofür stehst du heute? Auch wenn ich früher etwas anders war als heute, kannte ich immer meine Grenzen. Ich habe einmal gesehen, wie ein Mädchen fast vergewaltigt wurde, und es Gott sei Dank zusammen mit einem Freund verhindern können. Früher hätte ich jemanden wie Rashid vielleicht cool gefunden. Aber wenn ich meine Augen öffne, erkenne ich schnell, dass das alles scheiße ist, was der macht. Man sagt in jeder Kultur: „Willst du deine Familie mit schwarzem Geld ernähren, bringt es immer Unglück!“ Selbst wenn du deiner Tochter oder deinem Sohn mit einer geklauten 1-Euro-Münze ein Kaugummi kaufst – irgendetwas wird passieren. Sünden werden immer bestraft, das weiß jeder.

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Illustration: Julia Schubert

Auf der Bühne. Wie finden es deine Freunde, dass du jetzt so bekannt bist und Erfolg als Schauspieler hast? Sie waren ein bisschen geschockt, so nach dem Motto: „Oh, Hüseyin hat was aus sich gemacht!“ Dabei habe ich einfach nur einen Schritt in meinem Leben gemacht. Ein Freund von mir saß im Gefängnis, ist jetzt wieder draußen. Auch er hat immer versucht, zu verfolgen, was ich mache, und er fand’s cool. Ich finde es allgemein toll, wenn ich höre, wie die Leute über mich reden: „Ey, weißt du noch Hüseyin, der in der Schule voll kacke war? Jetzt ist er Schauspieler!“ Ich zeige den Leuten, was ich kann! Aber ich habe auch geschworen: Egal, wie weit oben ich stehe – so lange meine Mutter lebt, werde ich immer so sein wie ich auch wirklich bin. Meine Mutter ist diejenige, die zu mir sagt: „Mein Sohn, vergiss nicht, wo wir gelebt haben! Wir haben in einem Plattenbau gewohnt, in einem Ghetto. Wenn du schlecht bist, wirst du dort wieder hinkommen und auch dort enden.“ Ich habe nie Connections gehabt, ich habe niemanden gehabt. Ich habe mir alles erarbeitet. Es ist mein Geld, das ich verdient habe. Und das meiner Mutter. Ich habe gelesen, dass es dein Wunsch ist, an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin angenommen zu werden. Das ist tatsächlich mein Ziel Nummer Eins. Wenn die mich annehmen, und darum werde ich kämpfen, können wir gemeinsam hart an mir arbeiten. Ich hatte eigentlich noch nie Angst, nur vor Gott und vor meiner Mutter. Aber jetzt habe ich Angst, da zu versagen. Alle haben immer an mir gezweifelt, aber ich habe mir etwas in den Kopf gesetzt und werde das auch schaffen. Merk dir mein Gesicht! Nach drei Jahren auf der Ernst-Busch-Hochschule wird das nämlich auf jedem Plakat zu sehen sein, und darunter wird stehen: „Gebt den Jugendlichen eine Chance!“ Ich will in diesem Job und mit meinem Talent Jugendliche aufwecken. „Von der Straße auf die Bühne“ – das ist mein Motto. Ich will, dass Jugendliche von der Straße sagen: „Der ist nur mit einem Hauptschulabschluss Schauspieler geworden – dann kann ich das auch schaffen!“ Es wäre eine Ehre für mich, wenn jemand so etwas über mich sagen würde. Das würde ja bedeuten, dass ich dann ein Vorbild wäre. „Arabboy“ läuft im „Heimathafen Neukölln“ - zum Beispiel am Donnerstag, 16. Juli 2009. Weitere Termine sind in Planung. Mehr dazu auf heimathafen-neukoelln.de

Text: erik-brandt-hoege - Fotos: Vereina Eidel, privat

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