Mike Skinner über die sicherste Betrügerei der Welt

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Teddy von den Mitchell Brothers, die bei deinem Label unter Vertrag sind, hat mal gesagt, dass du kein Typ für große Autos bist, sondern immer noch U-Bahn fährst und dabei in der Nase bohrst. Auf dem Cover deines neuen Albums stehst du aber neben einem Luxusauto. Was ist passiert? Na ja, Teddy liegt da einfach falsch. Manchmal musst du aufhören, in der U-Bahn in der Nase zu bohren, und dir stattdessen ein gutes Auto holen. Nein, das war nur ein Scherz. Ich fahre nicht wirklich in diesem Auto durch die Gegend. Aber es macht sehr viel Spaß. Es ist einfach ein Partyauto fürs Wochenende.

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Illustration: Julia Schubert

Was war denn bisher der glamouröseste Moment deiner Musikerkarriere? Ich war im letzten Jahr auf Capri und hab da einige Tage verbracht. Ich musste am Montag zurück in London sein, weil ich ein paar Dinge zu erledigen hatte. Ich bin also heimgefahren. Am Dienstag hab ich mich dann nach Capri zurückgesehnt. Also bin ich wieder hingeflogen. Aber dein Leben ist ja nicht nur glamourös. In „Pranging Out“ sprichst du sehr direkt über Drogenexzesse, Panikattacken und Selbstmordgedanken. In welcher Situation hast du den Song geschrieben? Ach, das waren einfach ein paar Tage, in denen die Dinge in meinem Leben einen Punkt erreicht hatten, an dem ich wusste, dass ich etwas verändern muss. Es ist ein sehr straighter Song. Ich liste einfach all die Dinge auf, die schlecht gelaufen sind für mich. In England bist du ein großer Star. Fällt es dir manchmal schwer, die Balance zu halten zwischen Birmingham und London, also zwischen deiner Geezer-Vergangenheit und deinem jetzigen Celebrity-Status? Nein, dadurch dass ich mein eigenes Label habe und viel mit der Rap- und Grime-Szene zu tun habe, bin ich immer noch in dieser Welt verwurzelt. Die meisten Leute, die ich so kennen gelernt habe, sind ziemlich normal. Ich finde es also nicht schwierig. Die Leute nehmen mich vielleicht anders wahr als früher, dabei hab ich mich gar nicht verändert. Wie fühlt es sich denn an, wenn man sein Gesicht auf einem riesigen Reebok-Werbeplakat in London hängen sieht? Keine Ahnung. Ich hab dem gar nicht so viel Beachtung geschenkt. Am Anfang war es ziemlich merkwürdig. Aber sie zahlen einfach gut. Ich habe mal einen Kommentar von einer britischen Musikjournalistin über die Unterschiede zwischen amerikanischen und britischen Hiphop-Texten gelesen. Sie hat behauptet, dass es einfach blöd klinge, wenn Briten rumprahlen, und dass es viel authentischer sei, wenn sie zynisch sind. Siehst du das genauso? Ja, definitiv. Weil wir versuchen, von diesem Klassendenken wegzukommen, oder uns zumindest dafür schämen, mögen wie die Vorstellung nicht, dass jemand über einem anderen steht. In England gilt es nicht gerade als cool, über Geld oder Erfolg zu sprechen. Aber du sprichst auf deinen Alben doch auch über Geld … Ja, klar. Aber ich bin ja auch ein Rebell. (lacht) In Amerika ist Hiphop ein großes Geschäft. Viele Rapper haben eigene Platten- oder Klamottenlabels. Sollte die britische Hip Hop-Szene sich davon etwas abschauen und professioneller werden? Ja, ich glaube Hiphop und Business passen gut zusammen. Ich bin auch deswegen mit den Hiphop-Leuten in New York rumgehangen. Weil ich versuchen wollte, das ein bißchen besser zu verstehen. Meine Plattenfirma „The Beats“ orientiert sich bei der Arbeit mit den Künstlern an amerikanischen Prinzipien. Und? Was hast du in New York gelernt? Wie Platten zusammengestellt werden, zum Beispiel. Wie sich Rapper entscheiden, welche Beats sie benutzen sollen. Wie Hooklines geschrieben werden. Das ist alles klar voneinander abgegrenzt und funktioniert sehr pragmatisch. Aber ist es nicht schlimm, wenn Musik auf so eine formelhafte Weise gemacht wird? Geht da nicht die ganze Freiheit verloren? Ja, definitiv. Deshalb ist amerikanische Musik ja auch generell weniger kreativ, aber eben dafür auch in vielerlei Hinsicht wesentlich effektiver. Der gesamte Prozess bis zur Veröffentlichung einer Platte ist demokratischer, weil mehr Leute involviert sind. Es werden mehr kreative Entscheidungen im Vorstand der Plattenfirmen getroffen als in England. Bei uns bleibt viel mehr den Künstlern überlassen.

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Illustration: Julia Schubert

Reden wir noch mal über einen Song auf deinem neuen Album. In „We Never Went To Church“ thematisierst du den Tod deines Vaters. Hast du lange drüber nachgedacht, ob du so ein persönliches Thema ansprechen solltest? Als ich diesen Song geschrieben und aufgenommen habe, war das ja ein sehr intimer Moment. Ich war ganz alleine. Was merkwürdig ist, wenn ich dann in Interviews darüber spreche. Denn dann ist das Thema plötzlich nicht mehr intim. Das Schwierigste war es, sicherzustellen, dass es ein wirklich guter Song ist. Als ich den Song zum ersten Mal gehört habe, musste ich an „Jesus Walks“ von Kanye West denken. Würdest du sagen, dass dein Song eine Art Gegenentwurf zu seinem Song ist? Ja, in gewisser Weise schon, aber das ist nur ein Zufall. Ich bin eben kein besonders gläubiger Mensch. Aber in dem Song singst du, dass du Kontakt aufnehmen wirst zu einem Rabbi oder einem katholischen oder evangelischen Pfarrer? Um mit dem Verlust leichter klarzukommen, als das ohne Religion möglich ist. Hast du das schon getan? Nein, aber vielleicht sollte ich das tun. Dann dürftest du aber wohl nicht mehr über solche Betrügereien rappen wie in „You Can’t Con An Honest John“. Wovon handelt der Song genau? Es geht um den erfolgreichsten Trick, der je existiert hat. Er funktioniert so: Du nimmst einen Hund mit in einen Pub und bittest den Barmann, auf ihn aufzupassen, weil du mal kurz wegmusst. Später kommt ein Freund von dir in den Pub und bietet dem Barmann an, ihm den Hund für 500 Pfund abzukaufen. Der Barmann sagt dann, dass es leider nicht sein Hund ist, aber schreibt deine Nummer auf. Später kommst du wieder in den Pub und erzählst dem Barmann, dass du pleite bist. Der Barmann kauft dir anschließend den Hund für 300 Pfund ab, weil er weiß, dass er ihn anschließend für 500 Pfund an deinen Freund verkaufen kann. Er ruft ihn an, aber dein Freund geht einfach nicht ans Telefon.

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