Mister Kitsch

Bis ans Ende der Welt, Herz über Kopf: Sind das die Songs des nächsten großen Schnulzen-Popstars? Zumindest sind es die von Joris, Sänger und Liederschreiber aus der Nähe von Bielefeld. Ein Gespräch über die Grenzen zwischen Kitsch und Romantik.
erik-brandt-hoege

jetzt.de: Joris, es heißt, dass du beim Songschreiben gerne Rotwein trinkst, stimmt das?
Joris: Ja, ich bin tatsächlich ein großer Fan vom Schreiben nachts bei Wein und Kerzenschein.

Ganz schön kitschig.
Möchte man meinen, aber wenn man die Wohnung gesehen hätte, in der ich die Songs für mein aktuelles Album geschrieben habe, hätte man da überhaupt nichts Kitschiges gefunden. Neben Wein und Kerzen gab’s dort vor allem Fertigpizzen und Zigarettenrauch. Der Boden war aufgerissen, und es waren noch Überbleibsel eines Wasserschadens vorhanden.

Hat auch kein Problem mit Songs von Pur: Joris. 

Geht man die Tracklist deines Albums durch, möchte man dennoch einen Hang zum Kitsch vermuten: „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“, „Sommerregen“, „Bis ans Ende der Welt“, „Herz über Kopf“. Klingt alles stark nach Schnulzen-Pop.
Ich gebe zu: Einen Titel wie „Sommerregen“ könnte man auch Andrea Berg zuordnen. Aber ganz ehrlich: Ich habe einfach nur geguckt, welches Wort den Song am besten zusammenfasst. Und dass am Ende fast alle Titel Gegensätze ausdrücken, war so auch nicht geplant.

Aber du versuchst auch nicht, Kitsch bewusst zu umgehen, oder?
Zumindest habe ich keine Angst vor gewisser Leichtigkeit. Hatte ich noch nie. Ich bin zum Beispiel fast gar nicht mit deutschsprachiger Musik aufgewachsen, habe immer viel Coldplay gehört, Paolo Nutini und so. Es ging mir in erster Linie um das Gefühl der Musik, nicht um die Tiefe jedes einzelnen Wortes. Wobei ich zugeben muss, dass ich mit 5 auch gern mal Schlagzeug zu Pur gespielt habe. (lacht)

Wann findest du Kitsch denn doof?
Wenn er ganz offensichtlich drüber und nicht ehrlich ist. Wenn man merkt: Da wird gerade so eine parfümierte Welt aufgemacht, eine künstliche Stimmung erzeugt. Kitsch ist doof, wenn er gewollt ist.

Und welcher Kitsch gefällt dir?
Ich kann zum Beispiel durchaus über den Humor von "How I Met Your Mother lachen". Trotzdem bin ich mir bewusst, dass es im echten Leben nur ganz selten so perfekt und lustig zu geht. 

https://www.youtube.com/watch?v=OTdmgRkaFHM "Herz über Kopf" von Joris.

Viele finden Kitsch romantisch. Wie definierst du Romantik?
Romantik ist für mich ein Mix aus schönen Erlebnissen und gleichzeitig ganz viel Traum. Romantik ist nichts, was irgendwann mal zu hundert Prozent greifbar sein wird. Es hat immer mit Bildern, zu tun, die es ausschließlich im Kopf geben kann. Romantik ist deshalb eher ein Wunsch und ein Verlangen.

Welche Musik findest du romantisch?
Zum Beispiel die von Angus & Julia Stone. Deren Songs sind für mich purer Sex. Ich finde aber auch Damien Rice sehr romantisch. Eigentlich alles, was ein bisschen melancholisch ist.

Melancholie gleich Romantik?
Melancholie ruft zumindest immer den Wunsch nach Geborgenheit in mir hervor, also nach Zweisamkeit. Romantik alleine ist, glaube ich, ziemlich langweilig.

Du hast mal gesagt, du wärst allgemein „ein Herz-Mensch“. Auch nicht ganz unkitschig. Was bedeutet das denn?
Das heißt erstmal nur, dass ich in meinem Gefühlsleben eher auf mein Herz höre.

Und was war deine letzte Herzensentscheidung?
Mein Gitarren-Amp.

Und wenn du auf die Bühne gehst? Kannst du den Kopf auch ausschalten?
Es wäre schlimm, wenn ich das nicht könnte. Meine Band und ich sind ja ständig im Sprinter unterwegs und stehen nur einen winzigen Teil unserer gemeinsamen Zeit auf der Bühne. Das wollen wir dann einfach genießen.

Geht das denn? Raus aus dem Sprinter, rauf auf die Bühne und sofort romantisch sein?
Wir haben vor den Auftritten mit der Band so ein Ritual, das uns hilft, runterzukommen.

Nämlich?
Yoga! Wir machen alle zusammen Yoga. Das entspannt und schweißt uns noch mal richtig zusammen. Wenn ich danach raus gehe und spiele, denke ich wirklich an nichts mehr.

Joris' Album "Hoffnungslos Hoffnungsvoll" erscheint am 10. April

Text: erik-brandt-hoege - Fotos: Hanzh Chang